Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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GERHARD VON MUTIUS

über. Nur ein Köcher mit Pfeilen neben ihm weist auf das Überstandene.
Er selber aber steht schon „in des Sieges hoher Sicherheit". Am Ende
der Bahn, auf der sich der Gewappnete noch bemüht, erscheint er in voll-
endeter Harmonie wie das „Ideal" über dem „Leben", wie der Sieg nach
dem Kampfe. Sebastian wird hier zum Vorbild Georgs. Umgekehrt kann
auch der bärtige Ritter, dem der erlegte Drache zu Füßen liegt, dem
Jüngling Vorbild sein. St. Georg und St. Sebastian erscheinen hier in
einem hohen Sinne als Freunde!

Im Kaiser-Friedrich-Museum hängt neben Lorenzo Lottos Sebastian
sein Christopheruns. Auch dieses Bild hat die warmen und weichen Töne
venezianischer Malerei. Und doch liegt in seinem Motiv etwas Nordisches.
Unwillkürlich denken wir bei dem brückenlosen Wasser, über das der
bärtige Riese seine Last trägt, an die Wildnisse Nordeuropas zur Römer-
zeit mit seinen übermächtigen Strömen, an denen ein sagenhafter Fähr-
mann seines Amtes waltet. Andererseits erscheint vor unserem Auge
Herakles, dem als Kontrastwirkung schon in der Antike gelegentlich
Putten zugesellt werden. Die christliche Legende läßt den Riesen, der
sonst jede Last übersetzte, unter dem federleichten Gewicht des Christ-
kindes in seinen Gliedern wanken und nur mühsam sich aufrechterhalten.
Das fast immateriell Zarte erweist sich als wuchtiger als irdische Lasten,
das göttliche Kind wiegt schwerer, als daß Menschenkraft es tragen
könnte. Das scheint zunächst ein Sinnbild. Dieses Sinnbild liegt in der
Legende als solcher beschlossen und ist auch ohne bildliche Vergegen-
wärtigung bis zum heutigen Tage (ich erinnere an die schöne Christo-
pherusrede Wilhelm Schäfers auf der letzten Festtagung der Bibliophylen
in Eisenach) immer wieder zur Deutung unserer menschlichen Situation
verwandt worden. Dem eigentlich künstlerischen Bereich aber scheint mir
das Sinnbild ferner zu liegen als das Vorbild. Im Sinnbild überwiegt die
Mitteilung eben eines Sinnes als eines gedanklichen Ruhepunktes. Das
Vorbild will hingegen den Beschauer schöpferisch erregen, sich ihm an-
zugleichen, es sozusagen aus sich von neuem zu erzeugen. Das Vorbild
ist ernster, existenzieller als das Sinnbild. Gerade als Erwecker sinnlich-
sittlicher menschlicher Zeugungskräfte ist das Vorbild dem Kunstwerk
wesensverwandt. Kunst will Leben wecken. Das Vorbild ist lebendiger
als das Sinnbild. Und so will die Darstellung des Christopherus auch
nicht, daß wir uns an dem Sinn genügen lassen, sondern daß wir diesen
christlichen Herakles zum Freunde gewinnen, daß wir teilnehmen an dem
Arbeiten, Ringen und Kämpfen seiner männlichen Kraft, und, indem wir
unsere Muskeln spannen, es ihm gleich zu tun, mit ihm befreiend und
beseligend erleben, daß die Gnade mehr ist als alle unsere Werke. „Es
ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben." Erlebe, ergreife
die Gnade! so ruft Christopherus uns zu, und indem wir uns in ihn ver-
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