Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

Page: 113
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1939/0127
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTERKENNTNIS UND KUNSTVERSTÄNDNIS H3

Formulierung künstlerischer Erlebnisse ist, fast jedes eindringendere
Gespräch über Kunstwerke offenbart nicht minder tiefgreifende Ver-
schiedenheiten der „Auffassung". Oft ist es, als ob die Gesprächspartner
überhaupt nicht von dem gleichen Werke redeten.

Höchst beachtenswert ist es bereits, daß die Sprache, um das ästheti-
sche Verhalten dem Kunstwerk gegenüber zu bezeichnen, nicht einen ein-
heitlichen und für alle Fälle adäquaten Begriff zur Verfügung stellt.
Wenn man neuerdings vom „Erleben" des Kunstwerks, einem „Nach-
erleben" der geschaffenen Gestaltung spricht, so ist das zwar an-
gängig, insofern der weiteste Begriff, welcher Wahrnehmung, Fühlen,
Denken und alle andern Bewußtseinsarten zugleich umspannt, heran-
gezogen wird, um so alle Möglichkeiten zu berücksichtigen; aber es ist
doch zugleich ein Verlegenheitsausdruck, weil er eine prägnante For-
mulierung vermeidet. Denn in seiner Allgemeinheit, die nicht nur B e -
wußtseinshaltungen, sondern auch unbewußte Stellungnahmen um-
greift, verzichtet er darauf, eine spezielle Erlebnisart als spezifisch
ästhetisch, als normhaft, herauszustellen. In der Tat ist die Art und
Weise, wie verschiedene Individuen und verschiedene Kulturgruppen die
Kunst erleben, so mannigfaltig, daß beinahe alle Erlebnismöglichkeiten
gelegentlich in die Kunst eingehen. Als „Erleben" läßt sich sowohl das
rein sinnliche Genießen wie das abstrakte Zergliedern des Kunstwerks,
sowohl das hingebende „Einfühlen" wie die kühle Kennerschaft be-
zeichnen. Und unzweifelhaft treten in sehr vielen Fällen diese und noch
andere Erlebnismöglichkeiten, sogar nebeneinander oder in wechselnder
Einstellung, beim Kunsterleben auf.

Trotzdem ist die Frage berechtigt und auch in sehr verschiedenem
Sinne beantwortet worden, welche dieser mannigfachen Erlebnisweisen
die richtige oder die beste sei. Gerade die Ästhetik, soweit sie
Norm Wissenschaft zu sein und falsche Einstellungen auszuschalten
sucht, hat sich auch, soweit sie das subjektive Erleben berücksichtigte, mit
dieser Frage beschäftigt; und in ihren Definitionen des ästhetischen Er-
lebens stecken mindestens implizite oft sehr komplexe Theorien, die eine
spezielle Erlebnisweise als in besonderem Maße „ästhetisch" heraus-
stellen, wobei — mindestens in der Formulierung — eine gewisse Ein-
seitigkeit nicht zu vermeiden ist.

Die Schwierigkeit jedes Kunsterlebens wie jedes Objekterlebens über-
haupt besteht darin, daß das Objekt uns nicht etwa restlos und eindeutig
„gegeben", sondern darüber hinaus auch „aufgegeben" ist; daß
die Gegebenheiten als Kunstwerk erst erlebt werden, wenn sie vom Subjekt
über die rohe „Gegebenheit" hinaus „durchseelt", „erfühlt", „verstan-
den" werden, um ein paar landläufige Ausdrücke zu brauchen, die alle
das gleiche besagen, daß das erlebende Ich zu den Gegebenheiten vieles

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXIII. 8
loading ...