Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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BEMERKUNGEN

Die Welt, und auch die Welt der Kunst, ist ein merkwürdiges System von Kompen-
sationen. Wenn man etwas wegnimmt, entsteht ein neuer Wert. Steigerung durch
Verzicht! Der, wenn man will, unvollkommenere Raum des Reliefs ist gegenüber den
drei Dimensionen, in denen eben auch unser Alltag sich abspielt, doch auch wieder
ein höherer Raum. Die tanzende „Mänade" ist in besonderem Grade dreidimensional.
Daß sie sich sozusagen nach allen Richtungen auf einmal bewegt, ist ihre besondere
Schönheit. Auch die Tänzerinnen unserer Reliefs sind nicht rein im Profil dar-
gestellt, sondern wenden den Oberkörper in leichter Drehung auch nach vorne. Und
doch sind sie durch das Prinzip des Reliefs beherrscht — und gesteigert. Der Relief-
raum isoliert das Dargestellte stärker von der übrigen Welt. Er erhebt es mehr in
die Sphäre des Scheinbaren, des uninteressierten Interesses. Die dreidimensionale
Wirklichkeit der Vollskulptur ist schon dadurch, daß sie dem Naturgegenstand mit
allen seinen praktischen Bezügen nähersteht als das Relief, um einige Grade weniger
nur „Schein". Das hat aber zur Folge, daß der Raum des Reliefs sich für die
mythische Steigerung besser eignet als der dreidimensionale der Vollskulptur.

Der ekstatisch gesteigerte, der orgiastische Tanz, der Tanz als Spannung, findet
das ihm entsprechende Medium leichter im fingierten Raum des Reliefs. Die Frauen
unseres Reliefs sind in Selbsterregung. Das eine davon ist ganz erhalten. Hier
schwebt die Gestalt nackt, nur mit einem leichten Lendenschurz umhüllt, auf den
Fußspitzen. Die rechte Hand greift über die Hüfte an den Leib, während die linke
mit gespreiztem Daumen in Augenhöhe einen Blickpunkt festzuhalten scheint, auf
den Auge und Sinn sich konzentrieren sollen. Konzentration, Selbststeigerung, nicht
Hingabe ist das Thema. Noch leidenschaftlicher tanzt die Frau des links unten ab-
gebrochenen Reliefs. Die Haare fliegen unter dem korbartigen Kopfputz. Der rechte
Arm, über dem Haupt gebogen, scheint danach zu greifen, während die gesenkte
linke Hand starr im Gelenk nach oben aufgerichtet den Richtpunkt für das nieder-
blickende Auge abgibt. Orgiastischer Rausch! — Nicht ein windgeschwelltes Segel
ist diese Tänzerin, sondern der Sturm selber.

Diese Kopie nach einem älteren griechischen Original ist mehr „Mänade" als
die anmutige Mädchengestalt des 3. Jahrhunderts a. Chr., die im Katalog diesen
Namen trägt.

Der Pergamonaltar

Von

Gerhard v. Mutius

Max Klingers Auftakt zur „Brahmsphantasie", jene „Evokation" genannte
Radierung und aus derselben Folge das Blatt „Titanen" fällt mir immer wieder ein,
wenn ich vor den Pergamonaltar trete. — Auf einer Ballustrade am Meer, das hinter
ihm wogt und atmet, sitzt ein Mann am Klavier und blickt, in die Tasten greifend,
auf eine gewaltige Harfe mit Maskenköpfen wie heulenden Sirenen und dahinter auf
ein übermächtiges nacktes Weib, das stürmisch die Seiten schlägt. Aus dem Wolken-
himmel aber lösen sich phantastisch dahinziehende, leidenschaftlich bewegte Ge-
stalten, die dann auf dem zweiten Blatt als mit den Göttern kämpfende Titanen ge-
deutet werden. Himmel und Meer und Musik bilden wallend und wogend ein Ganzes,
das im Gleichnis eines letzten Kampfes zwischen dem Lichten und dem Dunkeln,
dem Leichten und dem Schweren, den oberen und den unteren Mächten Gestalt
gewinnt.
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