Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Bemerkungen

Johannes der Täufer und Apollo

Von

Gerhard v. Mutius

In dem Ecksaal 45 des Kaiser-Friedrich-Museums hängen Bilder der italieni-
schen Hochrenaissance: frühe Rafaels, die etwas konventionell anmuten, das ver-
liebte Coreggiobild der Leda mit dem Schwan, Andrea del Sarto, einige sehr aus-
drucksvolle und interessante Porträts usw.; aber was den Raum eigentlich füllt,
sind die beiden dort aufgestellten Plastiken: der jugendliche Johannes der Täufer
und die in den Maßen kleine, im Stil gewaltige Apolloskizze des Michelangelo.

Die jugendlich zarte Gestalt des Johannes wurde zeitweise wegen ihrer Voll-
endung dem Donatello oder Michelangelo zugeschrieben. Sicher steht sie unter
dem Einfluß Michelangelos, und der Johanneskopf des Donatello, einige Säle weiter,
bunt in gebranntem Ton mit geöffneten Lippen, dieser frisch und realistisch gesehene
junge Italiener sieht dem vergeistigten Antlitz des Jünglings ähnlich. Und doch
spürt man noch anderes in der Gestalt, wonach sie vermutlich an das Ende des
16. Jahrhunderts, also in eine in das Barock hinüberspielende Periode gehört. Es ist
aber charakteristisch, daß dieser Bezug — man sieht den Jüngling mit den gelösten
Gliedern und der sprechenden Geste mühelos auch farbig in den goldenen Ranken
eines Barockaltars stehen — angesichts der klassischen Vollendung der Ge-
stalt erst später entdeckt worden ist und die Namen der größten Meister
mit ihr verbunden wurden. Sie wirkt auf den Hintergrund eines lavendel-
blauen Samts wie Elfenbein und gibt in ihrer Drehbarkeit durch die Fülle des Aus-
drucks, der sich an jede ihrer Ansichten knüpft, in besonderem Grade das Gefühl,
den drei Dimensionen des Raumes gerecht zu werden. Während aber die Broncefigur
eines anderen Johannes von der Hand Donatellos in einem der mittleren Räume der
italienischen Abteilung den betagten, abgemagerten, von Askese durchglühten Wüsten-
prediger wiedergibt, steht hier ein Jüngling knapp an der Grenze des Mannesalters
vor uns, dessen Leib knospenhaft einer liebevollen Sonne entgegenblüht. Man fühlt
diese noch nicht zur Manneskraft gestrafften Glieder von lauer, schmeichelnder Luft
umflossen. In der einen Hand hält er eine Honigwabe, mit der anderen führt er
eine Nahrung — vielleicht ist es etwas von dem Honig — zum leicht geöffneten, die
Süße bereits schmeckenden Mund. Ein junger Hirt steht er, nur mit leichtem Lenden-
schurz bedeckt, wie inmitten einer paradiesischen Landschaft des Claude Lorrain vor
uns. Alles an ihm ist Jugend und Versprechen. Und wie der biblische Johannes
als Verkünder des Weltheilands kommt, so scheint diese Jugend einem grenzenlosen
Glück, einem Höchsten an Bedeutung und Sinn sich entgegenzustrecken, hinter dem
alles weit zurückbleiben muß, was eine spätere Wirklichkeit davon etwa einlösen
könnte. Durch die Jugendblüte verkündet die Natur immer wieder das Heil, und so
liegt es nahe, dies lebende und atmende Versprechen in den Wegbereiter des Welt-
heils zu legen. — Es ist nicht gleichgültig, daß dieser Jüngling Johannes der Täufer

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXIV.

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