Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Anschaulichkeit und Realität in Dantes Inferno

Von

Margarete Riemschneider-Hoerner

Unsere Kenntnis von dem Stil und der geistigen Haltung des 14. Jahr-
hunderts hat sich in den letzten Jahren wesentlich gefestigt. Wir sind
nicht mehr so ohne weiteres bereit, diese Zeit nur als Niedergang und
Nachlassen abzutun, sondern erkennen sie als notwendigen Übergang
zwischen den Zielsetzungen des 13. und denen des 15. Jahrhunderts.
So gründlich und umfassend aber all diese Bemühungen um eine ver-
tiefte Erkenntnis des Jahrhunderts sind, sonderbar bleibt, daß auch
weiterhin alle Elemente nicht von den überragenden Erscheinungen
abgezogen werden, sondern daß die zwei großen Gipfel Giotto und
Dante noch immer als abseits stehend, als Umgehung aufgefaßt wer-
den, so als sei jemals das Genie andere, es sei denn vorausweisende
oder eiligere Wege gegangen als seine Begleitschaft.

Zwar — an Bemühungen fehlt es nicht, so weit als irgend möglich
diesem Widerspruch abzuhelfen und den beiden Großen wenigstens mit
einem Stückchen ihres Wesens, einem leichten Hinüberneigen ein Heimat-
recht in ihrer Zeit zu sichern. Aber eigentlich ist gerade dies Bestreben
kaum der Mühe wert; denn je emsiger der Kompromiß gesucht wird,
desto schärfer treten die Gegensätze auseinander. Unmöglich, einen monu-
mentalen Dante und einen tektonischen Giotto dieser unmonumentalen
und so völlig untektonischen Zeit einzugliedern. Was ist aber hier nun
falsch? Ist unsere Meinung vom 14. Jahrhundert, dem untektonischen
und unmonumentalen als geschichtliche Notwendigkeit immer noch nicht
richtig, oder ist vielmehr unsere Vorstellung von Dante und Giotto in
Bezug auf Monumentalität und Tektonik irrig? Ich glaube, das letztere
ist der Fall.

Wir wollen einen einzigen Satz aus dem Schrifttum der letzten Zeit
zur Grundlage unserer Betrachtung machen. Er drückt ungefähr das
aus, was die unangetastete Meinung aller von der Wesenheit Dantes in
seiner „Göttlichen Komödie" ist: „Den gleichen Charakter einer glut-
volleren persönlichen Empfindung und damit den größeren Gehalt an
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