Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Bemerkungen

Josef Nadlers Literaturgeschichte des deutschen Volkes

Eine Beschreibung

Von
Emil K a s t

Was die folgenden Ausführungen wollen, sei hier eindeutig vorangestellt: sie
geben keine kritische Darstellung, vornehmlich wie etwas sein sollte, sondern eine
Beschreibung dessen, was ist. Ob der Verfasser des Aufsatzes damit als unkritisch
abzulehnen sei, überläßt er der Unvoreingenommenheit seines jeweiligen Lesers.
Ich berufe mich aber bei meinem Verfahren ausdrücklich auf einen Eideshelfer,
zu dem sich in andern Zusammenhängen auch Nadler schon bekannt hat, auf den
unvergeßlichen Großmeister der deutschen Geistes- und Bildungswissenschaft:
Konrad Burdach. Sagt doch dieser in seinen für den Weidmannschen Verlag zu
dessen Geschäftsfeier niedergeschriebenen Erinnerungen eines alten Germanisten:
er, Burdach, habe es oft beklagt, daß man aus dem Meer wissenschaftlicher Buch-
anzeigen wohl und überausgiebig erfahre, was der Rezensent zu einem Buch zu
sagen, nicht aber was der Verfasser des angezeigten Werks denn eigentlich zuvor
für den Leser ausgebreitet habe. So soll denn hier ganz ausschließlich Nadlers
vorerst dreibändiges Werk zur Schau gestellt werden, wobei der Herausgeber
dieser Zeitschrift freundlich zugesagt hat, auch dem vierten Band inskünftig —
vermutlich nach dem glücklichen Kriegsausgang — bei Erscheinen eine sachgemäß
ausgedehnte Ankündigung einzuräumen. — Nicht jeder wissenschaftliche Leser,
geschweige denn die interessierten Laien haben Zeit, ein corpus wie die jüngste
Fassung des Nadlerschen Werkes in seinen drei Bänden gewichtigsten Inhalts,
gewaltigen Umfangs und wahrhaft erlesener Ausstattung in einer dem Gegenstand
angemessenen Weise aufgeschlossen und gründlich durchzugehen. Sie zu unter-
richten, ob es sich für sie lohnt, Nadler für ihre eigensten Anliegen zu befragen,
ist das Ziel der folgenden Darlegungen. Inwieweit ein jeder dann mit Nadler einig
gehen oder sich von dessen Auffassungen trennen wird, das natürlich hat jeder
selbst zu entscheiden. Es ist aber ein Gebot gerade auch wissenschaftlicher Red-
lichkeit und Ritterlichkeit, in jeglicher Darstellung und Anzeige gerade dem Ur-
heber einer wissenschaftlich wahrhaft schöpferischen Leistung selbst weitgehend
das Wort und den Raum zu überlassen, damit seine Absichten und die Wege zu
ihrer Verwirklichung ungetrübt erhellt werden. Ihn überzeugend kritisch berich-
tigend anzugehen oder gar abzulehnen, was freilich das wissenschaftlich unab-
dingbare Recht jedes dazu Berufenen bleibt, nämlich wirkliche und damit produk-
tive Kritik zu üben, heißt aber fast, das gleiche Werk von neuem Standpunkt und
mit andern Forschungsweisen schreiben. Von dem doch immer einigermaßen engen
Fachgebiet eines Germanisten oder Literarhistorikers monographischer Zeit- oder
Gestaltsdarstellungen aus dürfte es nahezu unmöglich sein, ein Werk der Gesamt-
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