Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Besprechungen

Donald Brinkmann: Natur und Kunst. Zur Phänomenologie des ästhe-
tischen Gegenstandes. Rascher Verlag, Zürich und Leipzig. 1938.

Daß es auch in der Ästhetik als sachlicher Disziplin der Philosophie eine
Tradition und einen wenn auch langsameren und keineswegs kontinuierlichen Auf-
bau geben kann und also auch geben muß, sollte außer Zweifel sein. Bewiesen
wird es vor allem dadurch, daß methodische Formen der Forschung sich über einzelne
Personen, Standpunkte und begrenzte Gegenstandsbereiche hinaus als fruchtbar
erweisen zum Aufbau in sich zusammenhängender sachlicher Einsichten. Bleibt sich
die Forschung dann außerdem dieser Tatsache ihres inneren Zusammenhangs be-
wußt, so kann für alle an ihr Mitarbeitenden das beglückende Gefühl entstehen, nicht
von subjektiven Standpunkten aus, aber auch nicht im Dienst einer äußerlichen
Schematik, sondern dem sachlichen Gang der Erkenntnis gemäß zu wirken.

Im vollen Sinne einer solchen ästhetischen Wissenschaft legt der Verfasser
anknüpfend an die vor rund zehn Jahren erschienene erste systematische Darstellung
der phänomenologischen Ästhetik von Ziegenfuß eine eindringliche, umfassende und
lebendige Untersuchung vor. Wesentlich ist dabei, ganz allgemein gesehen, daß die
Wendung zum ästhetischen Gegenstand, die sich verhältnismäßig früh neben die
„Aktphänomenologie" gestellt hat, sich nunmehr in einem vollen und umfassenden
Bild der ästhetischen Gegenständlichkeit erfüllt.

In vollem Einklang mit der früher festgelegten Eigenart der phänomenologischen
Methode hält der Verfasser als Hauptgesichtspunkte seiner Betrachtungsweise daran
fest, daß die „Welt des naiven Erlebens trotz aller konstruktiven Umdeutung von
Seiten der Mechanistik die dem Menschen vorgegebene Welt sei, in der er lebt,
die er erlebt'' und er forscht, „wie diese Welt des näheren qualitativ zu charakteri-
sieren sei" (S. 11). Die Methode des Vorgehens ist dabei nicht nur analytisch be-
schreibend, sondern auch kritisch in einem besonderen Sinn dadurch, daß sie sich
ständig auf die Überprüfung ihrer Aussagen gegenüber einem vorgegebenen Seienden
angewiesen sieht. Sie ist ferner kritisch gegenüber jeder konstruktiven Theorie, die
sie unter das Urteil der anschaulichen Erfassung des Gegenstandes stellt (S. 12, 13),
und endlich, indem sie das Aufweisen in Form von Unterscheiden und Auseinander-
setzen als ihre Aufgabe sieht, nicht aber das Fällen von Urteilen und Entschei-
dungen (S. 14).

In einer umfassenden Auseinandersetzung des in diesem Punkt angedeuteten
methodischen Geistes der phänomenologischen Ästhetik mit den seither neueren
Richtungen insbesondere innerhalb der Phänomenologie, aber auch der früheren
Gestalttheorie und des kantischen Idealismus, zeigt der Verfasser den Platz seiner
Anschauungsweise auch in der neuesten Entwicklung auf. Es gelingt ihm dabei, die
Eindeutigkeit und Klarheit seiner Methode freizuhalten von den dogmatischen Grenzen,
die aus dem jeweils erforschten Gegenstandsbereich etwa in die Gestaltpsychologie
hineingetragen worden sind und die ebenso in einer gewissen speziellen Weiter-
entwicklung der Phänomenologie diese auf sehr begrenzte Erlebnisgebiete verengt
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