Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Ästhetik im Reich der Werte

Von
Hans Resch

Indem die Ästhetik das Naturschöne und das Kunstschöne scharf von-
einander abtrennt, reißt sie das menschliche Kunstschaffen und damit den
Menschen selbst aus der Naturverhaftung heraus. Unter Anerkennung der
inneren Berechtigung dieser Betrachtungsweise1) versuchen wir einmal den
entgegengesetzten Weg zu betreten, d. h. eine Betrachtungsweise fruchtbar
zu machen, die alles menschliche Können (= Kunst) als einen Aufbruch
der Natur ansieht, als ob die Natur sich selbst sowohl in den niedersten
ihrer Organismen (Zelle und Infusorien) wie in den höchsten (menschliche
Geistigkeit) als ein und dieselbe formgebende Gestaltungskraft offenbare.
Danach wäre das künstlerische Schaffen des Menschen
nicht eine Nachahmung der Natur, sondern ein Teil, eine Teiläuße-
rungderNatur selbst, nur mit dem Unterschied, daß es im Menschen
mit dem sogen. Bewußtsein in seiner, nicht vom Menschen, sondern von
der Natur gegebenen, vom Menschen bisher nur sehr unvollkommen be-
griffenen Naturgesetzlichkeit erkannt wird.

Den Schritt vom Unbewußten zum Bewußten, d. h. vom Trieb zum
wollenden Geist, pflegen wir, die wir ihn als Menschen getan haben, wahr-
scheinlich ein wenig zu überschätzen. Sobald wir einen Sinn haben für die
trotz aller Freiheit der Wahl und des Schöpferischen noch immer vor-
handene schwere Naturverhaftung der menschlichen Existenz, erscheint
uns der Aufbau menschlich geformter antiker Tempel wie moderner
Waren- und Bürohäuser nicht grundsätzlich verschieden von der geome-
trisch strengen Formkraft, die in dem Zellenbau der Bienen wie in der
mathematisch und künstlerisch vollendeten Formgebung des Spinnen-

l) Sie wurde durchweg in der von Dr. Helfried Hartmann geleiteten Berliner
philosophischen Arbeitsgemeinschaft „Heinrich Maier" vertreten, die sich während
eines ganzen Semesters mit dem Thema beschäftigte, das diesem Aufsatz vorgesetzt
wurde. Aus der genannten Arbeitsgemeinschaft und zwar aus dem Gegensatz zu
ihrer Thesis ist dann als kritisch-zusammenfassendes antithetisches Schlußreferat der
hier vorliegende Aufsatz hervorgegangen, der sich natürlich seinerseits wiederum
jedem ernsthaften Widerspruch zur Verfügung hält.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXIV. 6
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