Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Hans Pfitzners Liedästhetik / Ruf und Widerhall

Von

Heinrich Lindlar

Die Notwendigkeit ganzheitlichen Erfassens des musikalischen Kunst-
werks wurde besonders von den Romantikern geahnt und in etwa erfüllt.
Sie wandelten die rational bestimmte Affektenlehre der Aufklärungszeit
(Mattheson, Scheibe, Marpurg) in eine magische Kunstästhetik um
(Wackenroder, Hoffmann, Schumannn), die intuitiv auch eine gemeinsame
Wurzel aller Künste annimmt. Zwar gilt die aus solcher Pansymbiose
schließlich erwachsene Theorie vom Gesamtkunstwerk heute einiger-
maßen problematisch, weil Höhe und Intensität der Kunstwirkung uns
nicht abhängig erscheinen von dem gehäuften Maß ihrer sinnlichen
Aggression, da wir neue Hoffnung in das Urvermögen der Einzelkunst
setzen. Aber E. Th. A. Hoffmanns begeisterter Ausspruch in dem berühmt
gewordenen Essay „Der Dichter und der Komponist" (1813) behält vor-
nehmlich für die Betrachtung der Liedästhetik Pfitzners bleibende Geltung:
„In jenem fernen Reiche, das uns oft in seltsamen Ahnungen umfängt, so
daß wir der Seligkeit jenes Paradieses teilhaftig werden — da sind Dichter
und Musiker die innigst verwandten Glieder einer Kirche, denn das Ge-
heimnis des Worts und des Tons ist ein und dasselbe, das ihnen die
höchste Weihe erschlossen." Über Hoffmann hinaus schwelgten andere
Romantiker freilich in Ergießungen, die die Grenzen beider Künste gänz-
lich verwischen. Tieck fragt: „Wie, es wäre nicht möglich und erlaubt,
in Tönen zu denken und in Worten zu musizieren?", und Novalis schweb-
ten Gedichte vor „bloß wohlklingend und voll schöner Worte, ohne allen
Sinn und Zusammenhang". Entgegen dieser Phantastik bleibt bei Pfitzner
im Ganzen jener Wesensunterschied zwischen Dichtung und Musik ge-
wahrt, daß Begrifflichkeit nur dem Wort, nicht der Musik eignet, beide
aber gleich sind in ihrer klingenden „Wirklichkeit", gleich in der Flüchtig-
keit ihres „lebendigen" Seins und in der rhythmischen Gliederung dieses
zeitlichen Ablaufs.

Diese innige Verwandtschaft von Musik und Sprache im Gesang
reicht naturhaft bis in die Urzeit hinab und ist im „Volkslied" am ur-
sprünglichsten bewahrt. Das Kunstlied kann von anderen Prinzipien aus-
gehen. Ein Blick in die neuere Liedgeschichte zeigt, daß — cum grano

Zeitsclir. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXIV.

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