Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

Page: 166
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1940/0180
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
166

Q. F. HARTLAUB

Stilzitate der Zukunft doch nur auf eine immerhin begrenzte Zahl von An-
lässen beziehen. Anderswo bleiben sie ausgeschlossen. Niemals wird man
wesentlich zeitgemäße Anlässe künstlich mit antiquierten Formen zu
romantisieren suchen. Zweitens wird voraussichtlich der Umkreis der Stil-
formen, die man aus der Vergangenheit übernimmt und in die traditio-
nalistische Baukunst einschmilzt, geringer sein als im 19. Jahrhundert.
Überblicken wir die Geschichte der Architektur, so werden wir feststellen,
daß gewisse Aufgaben hie und da ihre Bestlösungen gefunden haben,
Lösungen, die so unüberbietbar sind, daß sie bis zu einem gewissen
Grade aus ihrer geschichtlichen Bedingtheit heraustreten und zeitlos
werden. Der „klassische" Stuhl beispielsweise ist nicht der gotische, nicht
der der Renaissance oder des Barocks, sondern es ist der Stuhl Louis XV.
— weswegen eine auf gesellschaftliche Repräsentation bedachte bürger-
lich-kapitalistische Schicht noch immer nicht von diesem (sei es echten,
sei es nachgeahmten) Möbeltypus ablassen will. Aber nicht dieser private
Historismus der Innenraumgestaltung scheint uns in einem tieferen Sinne
unentbehrlich (schon darum, weil eine mit dem Luxus und dem Komfort
des Dixhuitieme liebäugelnde Gesellschaft heute immer mehr zusammen-
schmilzt und weil andererseits eine mehr als mechanische Kopie dieser
Hochprodukte edelster Handwerkkunst einfach nicht mehr gelingt). Un-
entbehrlich in einem tiefe renVerstande, sei es für weltliche,
sei es für geistliche Aufgaben, bleiben gewisse symbolisch gewordene
Darstellungsformen der alten Baukunst, für welche jene neue technogene,
fast mehr an Ostasien als an Europa gemahnende Bauweise nicht die
mindeste Entsprechung hervorgebracht hat. So vor allem etwa die antike
Säulenordnung mit ihrem ganzen Formenapparat; entstanden, sobald sie
vom Tempel auf die weltliche Architektur übertragen worden war. Weiter
z. B. die Rundbogenarkade in Innenräumen, Säulen- oder Pfeilerhöfen,
das Gewölbe und die Kuppel, der Turm in seinen verschiedenen Typen,
aber auch Einzelheiten wie das Maßwerk oder der Akanthus, endlich
natürlich das Strebesystem und der Spitzbogen in seiner konstruktiven
und dekorativen Verwendung. — Drittens wird man entweder mit
tieferem Verständnis nachbilden (ein Verständnis, das sich auch in der
modernen Denkmalspflege so vorteilhaft von den älteren Restaurierungen
abhebt) oder man wird das Historische nur anklingen lassen, es variieren
und in einen modernen Zusammenhang einfügen, wie das ähnlich etwa in
der Musik bei einem Max Reger der Fall ist. Viertens endlich wird man
sich, wenn denn historisiert werden soll, niemals wieder so gleichgültig
über den Gebäudezweck hinwegsetzen, wie das schon im Anfang des
19. Jahrhunderts geschehen ist. Selbst in den Fällen, wo das Geschicht-
liche anerkannt werden muß, darf es keine bloß vorgeklebten kulissen-
haften Fassaden mehr geben. Ohne daß das Prinzip des zweckgebundenen
loading ...