Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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1898. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 3.

sich geltend machen auf Grund der der Kopie
eigenen, etwas breiteren Behandlung, die sehr
bezeichnend und von Wichtigkeit ist auch für
die Beurtheilung der übrigen Gegenstände. Die-
selbe erklärt sich leicht aus der mehr dekora-
tiven Art des an sich sehr bedeutenden Malers,
der natürlich auch mit den Augen seiner, schon
der Renaissance zuneigenden Zeit das ältere
Kleinod betrachtete und die Formen, weniger
die ornamentalen als die figuralen, in diesem
Sinne etwas abschwächte, was bekanntlich allen
alten Abbildungen mehr oder weniger eigen-
thümlich ist. Noch geringere Bedeutung haben
die Zweifel, welche durch den Umstand ange-
regt werden könnten, dafs die Kopie mehr-
fachen Schmuck aufweist, der am Original fehlt,
weil er ihm offenbar im Lauf der Zeit ab-
handen gekommen ist, sei es vor, sei es nach
der Einführung in Schweden, jedenfalls aber
nicht vor 1526. Nur diese unbedeutenden
Defekte, die dazu am Original ihre Spuren
zurückgelassen haben, bezeichnen die kleinen
Abweichungen; in allem übrigen besteht die
genaueste Uebereinstimmung bis zur Farbe aller
einzelnen Steine, die ich miteinander verglichen
habe. Alles Weitere wird sich aus der ein-
gehenden Beschreibung des Originals ergeben,
die zugleich mehrfaches Licht auf die Kopie
werfen wird.

Zunächst sei bemerkt, dafs dieses Reliquiar
1632 aus Deutschland eingeführt, sofort in die
„königliche Rentenkammer" aufgenommen und
1752 dem 1666 gegründeten „Antiquitäten-Kol-
legium" einverleibt wurde, welches den Grund-
stock des jetzigen „historischen Staatsmuseums"
bildet. Seine Höhe beträgt 59 cm, die Länge
der Querbalken des Kreuzes 28 cm, des Durch-
messers des Fufses 19 cm. Der silbervergoldete
achtseitige Fufs besteht aus breiter Fläche,
einer durchbrochenen Galerie und aus elf ver-
goldeten, um Pfähle gewundenen Drähten, die,
nach dem Muster des im XV. Jahrh. mit Vor-
liebe dargestellten hortus conclusus, zu einem
Gehege geflochten sind, der Umzäunung des
5'/2 cm hohen emaillirten Berges, wie er kleiner
nicht selten in spätgothischen Cylindermon-
stranzen als Untersatz für die in der Regel
von Engeln getragene Lunula begegnet. Aus
zahlreichen runden und spitzen, silbergetriebe-
nen Kuppen bestehend, ist er mit durchsich-
tigem, grünem Email einheitlich überzogen und
rothe, weifse, dunkelblaue aufgeschmolzene

Pünktchen, von denen einige zu Rosetten zu-
sammengesetzt sind als Schmuck für die Thäler,
bilden die anmuthige, ungemein wirkungsvolle
Vegetation. Aus der Mitte derselben wächst
ein viereckiger, nur iy2 cm breiter Schaft,
dessen Mittelfelder schraffirt sind, und ein ganz
flaches Knäufchen leitet zu dem krabbenbesetz-
ten Trichter über, dem Träger einer von Strebe-
pfeilern flankirten Pyramide, deren Mitte ein
maafswerkverziertes, rundbogig geschlossenes
Fenster bildet und deren verkürzter Riese
durch ein Knäuflein in eine gravirte Büchse
übergeht, den eigentlichen Abschlufs des Unter-
satzes, in den durch einen Zapfen das reich-
verzierte Kreuz mündet. Mit den ursprüng-
lichen Formen dieses Kreuzes gehen diejenigen
des Untersatzes nicht genau zusammen, die wohl
nicht vor das Ende des XV. Jahrh. datirt werden
dürfen. Vergleichen wir das Original (Fig. 2)
mit der Kopie (Fig. 1), so finden wir hier aut
zweien der Pfähle des unteren Geheges je ein
abschliefsendes Rosettchen, welches auf jenen
fehlt, und vor das Fenster der Pyramide an
der Frontispizbekrönung ein rundes Medaillon
aufgehängt, welches ebenfalls verloren gegangen
ist. Es stellt das, ohne Zweifel emaillirte, Brust-
bild eines Bischofs dar in blauer Kasel mit rothem
Futter, in weifser Mitra, weifsen Handschuhen
und rothem Stab mit gelber Krümme. Auch
die Perle und der rothe Cobochon, welche die
Büchse bedecken, sind verschwunden, die Spuren
ihrer Befestigung aber noch wahrnehmbar.

Gehen wir zur Analyse des Kreuzes über,
welches, ohne den versteckten Dorn, 311/2 cm
hoch ist, so fällt zunächst der ungewöhnliche
Reichthum des Steinschmuckes der Vorderseite
(Fig. 2) in's Auge, gegenüber der sehr einfach
behandelten Rückseite (Fig. 3), und nicht nur
das Uebermaafs dieses Schmuckes, sondern auch
die prätentiöse, stellenweise derbe Art, wie
derselbe an Röhrchen und Drähten aufge-
stiftet ist, legen den Gedanken nahe, dafs er
später, gleichzeitig mit dem Fufse, beigefügt
wurde. Offenbar ist auch das Kreuz älteren
Ursprungs, denn die Haltung wie der Falten-
wurf des Lendentuchs und der Figuren, auch
der das Kreuz rings umsäumenden Dreiblätter
weisen auf die erste Hälfte des XV. Jahrh. hin,
und die in ihrer Ursprünglichkeit verbliebene
Rückseite (Fig. 3) bestätigt diesen Eindruck
nicht nur durch die Stilisirung der Evange-
listensymbole, sondern auch durch den die
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