Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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1898. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Die Gebetbücher des Kardina

iachdem der Herausgeber dieser Zeit-
schrift zwei hervorragende aber ver-
schollene Schatzstücke des Kardi-
nals Albrecht von Brandenburg,
Erzbischofs von Mainz, entdeckt und in den
beiden letzten Heften beschrieben hat, ist es
angezeigt, auch noch auf ein kaum bekanntes
Gebetbuch desselben Kardinals hinzuweisen.

Die schönen Reste seines Breviers zu Kas-
sel sind von Knackfufs in dessen »Deutsche
Kunstgeschichte« II, 34 f. und von Destre'e
sowohl in der »Revue de l'art chretien« V
(1894) 10 s. als in dessen »Heures de Hennessy«
p. 61 eingehend behandelt. Das prachtvolle,
von Niklas Glockendon 1524 für 500 Fl. aus-
gemalte Messbuch Albrechts hat Merkel schon
1836 allgemein bekannt gemacht durch das
Buch: »Die Miniaturen und Manuscripte der
Kgl. Bayr. Hofbibliothek zu Aschaffenburg.«
Derselbe Niklas Glockendon (f 1535) malte
nun für den Kardinalerzbischof jenes deutsche
Gebetbuch aus, das kaum beachtet worden ist.
Es ruht zu Modena, hat das Bibliothekszeichen:
Ms. XII, I, 22., Quart, ist etwa 21,5 cm hoch
bei 15,5 cm Breite und trägt den Titel: »Ge-
bete und Betrachtungen des Lebens des Mit-
lers Gottes und des Menschen, unsers Herren
Jesu Christi, von Anfang seiner heyligen Mensch-
werdung, von alle seinem Leyden bis in das
Endt seines allerbittersten Sterbens an dem
Holtz des heiligen Kreutzes menschlichs Ge-
muet bewegend und reytzend zu Andacht.«
Der Text ist recht ansprechend. Er beginnt:
»Gott, mein Herr, ich beger Dich zu loben.«
Seine 41 Bilder entwickeln die Motive der Biblia
pauperum. In ihrer Mitte ist meist ein Ereig-
nifs aus dem N. Testament geschildert, am
Rande ein zum Hauptbilde in Beziehung ste-
hendes Vorbild aus dem A. Bunde. Das aus
den verschlungenen Buchstaben NG gebildete
Monogramm des Niklas Glockendon findet sich
in den Miniaturen, welche wir in unserer unten
folgenden Aufzählung mit 3, 5, 11, 13, 22, 24,
27, 30, 33, 34, 37 und 38 bezeichnen werden.
Wahrscheinlich haben Andere, wohl besonders
seine Brüder nnd Schwestern, die übrigen Bil-
der der Handschrift gemalt. In allen Gemälden
tritt Dürers Einflufs mehr oder weniger stark
hervor. Manches ist fromm und innig, anderes
recht derb und realistisch aufgefafst. Der Fal-

ls Albrecht von Brandenburg.

tenwurf und die Architekturen sind meist noch
spätgothisch, obwohl in der Mitte des Buches,
der 24. Miniatur gegenüber, in einer Initiale
die Jahreszahl 1534 eingetragen ist. Die Farben-
gebung ist reich; oft wurde Blau oder Roth
stark mit Weifs gehöht. Zuweilen tritt feine
Goldhöhung ein. Christus trägt stets ein langes
violettes Gewand ohne Gürtel. Statt des Nim-
bus hat er ein zartes Strahlenkreuz. Marias
Haupt umgeben ähnliche Strahlen; das der
Apostel bleibt ohne solche Auszeichnung. Der
Inhalt der einzelnen Bilder ist folgender:

1. Wappen des Kardinals von Brandenburg. In
der Mitte stehen die Schilde der Bisthümer Mainz,
Halberstadt und Magdeburg. 2. Erschaffung der Eva.
Im Rande die Erschaffung der Thiere, im Hinter-
grunde der Sündenfall, die Vertreibung aus dem Para-
diese und das erste Opfer.

3. Die Verkündigung. 4. Die Anbetung des Christ-
kindes durch Maria und Joseph, durch Engel und
zwei Hirten. Im Rande kniet Moses vor dem Dorn-
busch (Exod. 3). 5. Christi Beschneidung. Im Rande
die Szene einer Geburt (Marias ?). 6. Christus steht
als Kind unbekleidet zwischen Engeln, welche Leidens-
werkzeuge tragen. Im Rande ziehen die Auserwählten
in den Himmel ein. Teufel beobachten sie. 7. Die
Anbetung der Könige. Im Rande die Königin von
Saba vor Salomon (3. Reg. 10). 8. Christi Opferung
im Tempel. Im Rande opfert Anna den Knaben
Samuel (1. Reg. 1). 9. Die Flucht nach Aegypten.
Im Rande David flieht vor Saul (1. Reg. 23). 10. Mord
der unschuldigen Kinder. Im Rande Athalia läfst die
königlichen Kinder tödten (4. Reg. 11). 11. Christus
lehrt als Knabe im Tempel. Im Rande steht ein
König (Saul) vor einer Versammlung von Juden
(1. Reg. 10[?J).

12. Die Taufe Christi. Im Rande der Zug durch
das rothe Meer (Exod. 14). 13. Die Versuchung
Christi. Im Rande sitzt ein Prophet (Elias?) in grüner
Landschaft an einem Flusse (3. Reg. 19?). 14. Die
Erweckung des Lazarus. Im Rande erbittet das Weib
von Sarepta von Elias die Auferweckung ihres Knaben
(3. Reg. 17).

15. Der Einzug Christi in Jerusalem. Im Rande
ist in naiver Art der Einzug Davids dargestellt. Er
trägt das Haupt des Goliath hoch auf der Spitze
seines Schwertes. Hinter ihm reitet Saul mit seinem
Heere. Vorne kommen aus Jerusalem Frauen mit
Trommeln und Cymbeln (1. Reg. 17). 16. Das letzte
Abendmahl. Im Rande begegnet Melchisedech dem
Abraham (Gen. 14). 17. Die Fufswaschung. Im
Rande wäscht Abraham den drei Engeln die Fülse
(Gen. 18). Ringsumher sind Blumen, Schmetterlinge
und Vögel gemalt, wie in so vielen flämischen Livres
d'heures. 18. Judas mit seinem Beutel im Rathe der
Juden. Der Saal hat Renaissanceformen. Im Rande
halten die Brüder Josephs Rath, wie sie ihn verderben
sollen (Gen. 37). 19. Judas verräth Jesum und Petrus
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