Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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Abhandlungen.

Die katholische Pfarrkirche zu
Münster bei Bingen.

(Mit 12 Abbildungen.)

n der zweiten Hälfte des XV. Jahrh.
hat auch an der Nahe und in ihrer
näheren Umgebung die lebhaftere
Thätigkeit auf dem Gebiete der
kirchlichen Baukunst eine Anzahl Archi-
tekten und Steinmetzen herangebildet, deren
fruchtbarem Schaffen wir manches mehr
oder minder bedeutsame Baudenkmal ver-
danken. An Reichthum der Steinmetzarbei-
ten überragt die nahegelegene Schlofskirche
zu Meisenheim alle gleichzeitigen Kirchen-
bauten der Gegend; immerhin sind jedoch
die Kirchen zu Simmern und Kirchberg im
Hunsrück, der Chorbau zu Kirn, die reizvolle
Simultankirche zu Sobernheim, ferner die
Pfarrkirche zu Bingen, welch' letztere ich
auch zu den Werken des Nahegebietes rechnen
möchte, und die bescheidene Pfarrkirche zu
Münster bei Bingen, ohne aller der kleinen
und kleinsten Kirchen zu gedenken, bemerkens-
werth genug, um das Interesse des Fachmannes
und kunstsinnigen Laien beanspruchen zu dürfen.
Wenn auch stellenweise die Sucht des Stein-

metzen, eigenartig zu sein oder zu scheinen,
z. B. in Simmern und Sobernheim schon zu den
mehr bizarren Formen der Mafswerkgestaltung
führte, kann nicht verkannt werden, dafs überall
eine bemerkenswerthe Sicherheit in der Be-
handlung der sonstigen Einzelheiten und der
Profilirungen jene Schwächen weniger auffallen
läfst und den Werken den frischen Reiz ver-
leiht, welcher uns immer wieder zum Studium
der Denkmäler dieser Kunstepoche anregt.

Die meisten der in Rede stehenden Gottes-
häuser zeigen heute noch ihre ursprüngliche
Form unangetastet, da spätere Stilepochen um-
fangreichere Spuren ihres Schaffens, abgesehen
von Ausstattungsgegenständen, Epitaphien etc.
nicht hinterlassen haben. Erst der jüngsten
Zeit war es vorbehalten, die Entwicklung einer
lebhaften Thätigkeit auf dem Gebiete der kirch-
lichen Baukunst zu sehen, als an vielen Stellen
die fast allgemeine Einrichtung der Simultan-
kirche abgeschafft wurde und infolgedessen das
Bedürfnifs nach neuen Kirchen, beziehungsweise
entsprechender Um- und Ausgestaltung der
bestehenden zu Tage trat.

In Münster bei Bingen mag die Zunahme
der Bevölkerung die Erweiterung des Gottes-
hauses, welches hierbei leider einen guten Theil
seiner so überaus reizvollen malerischen Wir-
kung einbüfsen mufste, bedingt haben. Die
sehr beschränkten Terrainverhältnisse-die Nord-
seite des Kirchplatzes ist durch einen Bach
und eine Strafse begrenzt - führten zur Anord-
nung des Erweiterungsbaues auf der Südseite
und damit zur Vernichtung des malerischen
Bildes der Südostansicht (siehe Fig. 1). Ich
will es dahingestellt sein lassen, ob es nicht
vorzuziehen gewesen wäre, den Erweiterungs-
bau in seiner Gesammtgruppe wie auch Einzel-
durchbildung noch mehr den bestehenden Bau-
teilen anzuschliefsen und hierdurch den grofsen
Kontrast zwischen Altem und Neuem zu ver-
meiden.

Wenn ich im Nachstehenden der genannten
Pfarrkirche einige Zeilen und Abbildungen
widme, bin ich mir wohl bewufst, dafs dieselbe
nur ein ganz bescheidenes Glied in einer der
Ketten bildet, deren Zusammenschlufs die Bil-
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