Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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Abhandlungen.

Studien zu Giovanni da Fiesole.
I. Verterunt se memoriae.

Mit Abbildung. Tafel IV.*)

egenwolken, so dunkel wie die
Hochklüfte des Apennin sie
nur aushauchen, senkten sich
auf die Berge des Arnothaies
und breiteten über das kö-
nigliche Florenz tiefe und schwere Schatten.
Im Salone der Accademia delle Belle Arti
stand vor Fra Angelicos grofser Kreuzabnahme
die andächtige Gemeinde, die selten bei diesem
Schaustücke der Sammlung fehlt. Diesmal war
sie zahlreicher als sonst, und selbst die blonde
Lady, die an allem rasch vorübereilt, was nicht in
den „Mornings of Florence" vorgeschrieben ist,
hemmte ihren Schritt, berührt von dem wunder-
baren Reize, der von dem Bilde ausging. Diese
gröfste Schöpfung betender Phantasie, die der
Mönch von Fiesole einer Tafel anvertraut hat,
und die den Höhepunkt seiner Staffeleigemälde
bildet,1) fesselt immer, mag man die lebensvolle,

*) Für die sehr freundliche Ueberlassung des Cliche
sagt der verehrlichen Herderschen Verlagshandlung
verbindlichsten Dank. D. H.

]) Rio und Förster (vgl. St. Beissel »Fra
Giovanni Angelico da Fiesole. Sein Leben und seine
Werke.« Freiburg 1895, S. 16) rücken das Werk
deshalb ganz an das Ende der Florentiner Zeit, kurz
vor 1445. Domenico Tumiati ( »Frate Angelico.
Studio d'arte.« Firenze 1897, p. 132) hingegen, dem
Anscheine nach nur bestimmt durch die in der leuch-
tenden Farbengebung sich offenbarende frische Kraft,
möchte darin die glänzendste Frucht der Jugend und
des Aufenthaltes in Fiesole erblicken; er setzt die
Vollendung um 1430. Am weitesten geht Beissel
(a. a. O.), der das Bild spätestens um 1425 entstanden
sein läfst, weil die drei Spitzgiebel, welche die Tafel
nach oben abschliefsen, Malereien des 1425 gestor-
benen Lorenzo Monaco aufweisen. Die Voraussetzung
jedoch, auf der dieser Schlufs beruht, dafs nämlich
die beiden Künstler gleichzeitig an dem Ganzen ar-
beiteten, ist unhaltbar. J. B. Supino (»Beato Ange-
lico«. Traduit de l'italien par M. 1. de Crozals.
Florence 1898, p. 132 suiv. — das italienische Ori-
ginal ist nicht gedruckt worden) hat schon auf die
Unwahrscheinlichkeit aufmerksam gemacht, dafs der
ältere, auf der vollen Höhe seines Ruhmes stehende
Kunstgenosse sich herbeigelassen haben sollte, dem
Jüngern das Beiwerk zu liefern, und hat ferner darauf
hingewiesen, dafs die Giebel nebst den krabbenbe-

aber von sanftem Leide gedämpfte Dramatik und
den grofswallenden Zug der Linien auf sich
wirken lassen, oder die Durchsichtigkeit und
Kraft der Farben bewundern, die so aus ganzer
Tiefe leuchten und von ätherischem Lichte
durchtränkt sind, wie kein anderer sie je in
Tempera erreicht hat, oder mag man den
heiligen Schmerz und die süfsen Erlösungs-
wonnen, von denen jene Gestalten bewegt sind,
sinnend und empfindend nachkosten.

So oft man sie sieht, stets wirkt diese Toten-
klage unter dem Kreuze des Weltheilandes wie
die echte Vision unnahbar hoher Kunst. Aber
heute, wo die Sonne Toskanas nicht ihre bren-
nenden Strahlen durch das weite Oberlicht des
Saales warf und die Farben mit ihrem schnei-
denden Glänze durchdrang, sondern weiche
Schatten das Gemälde träumerisch umspielten,
war der Eindruck überraschend feierlich und
geheimnifsvoll: die Mystik der Idee und Em-
pfindung in vollem Einklänge mit der Mystik
der Linien und Farben, das Ganze ergreifend
wie eine Psalmenmotette von Orlando Lasso.
Es ist, wenn man auch noch so viel auf Rech-
nung einer ungeschickten Restauration setzen

setzten Spitzbogen zu dem sonstigen Rahmen nicht
passen. In der That ist der letztere, trotz des noch
gothisirenden Ornamentes, wegen der breiten Behand-
lung und der flachen, dem fortschreitenden Renais-
sancegeschmacke mehr entsprechenden Profilirungen,
entschieden später. Jedoch kann ich Supino nicht
beistimmen, wenn er meint, die Bekrönung sei der
Tafel Angelicos (nachträglich) willkürlich aufgesetzt
worden. Dagegen spricht die den drei Spitzbogen
genau angepafste Komposition des Bildes, und auch
die zum Hauptbilde in engster Beziehung stehenden
GiebeldarsteDungen (Auferstehung, die drei Frauen
am Grabe, der Heiland mit Magdalena). Es bleibt
nur die Annahme übrig, dafs der Künstler den Auf-
trag erhalten hat, für ein älteres, vielleicht durch ein
Unglück zerstörtes Werk Lorenzo's, mit Benutzung
der Bekrönung desselben, ein neues zu schaffen. So-
wohl dieses als auch der stilistische Charakter der
umrahmenden Seitenpilaster würde für eine spätere
Datirung, als die Beissels, zeugen.

Beissel S. 18 irrt auch darin, dafs er .Lorenzo
Monaco für ein Mitglied des Ordens von Vallombrosa
hält und aus diesem Grunde ein „brüderliches Zu-
sammenarbeiten" mit Anglico an einem für eine Kirche
der Vallombrosaner bestimmten Bilde natürlich zu finden
scheint. Lorenzo war Kamaldulenser.
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