Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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1898. —ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTUCHE KUNST — Nr. 12.

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Awesta Amru, der andere Tschamru; der
erstere ist derselbe wie der Saina meregha
(d. i. Milvus avis, armen, arsin, tsin, Weihe),
in neuerer Sprache Si(n)murgh, der mit dem
von seinen gewaltigen Fittichen erregten Wehen
den Baum bewegt, wie es im Awesta heifst:
„jener Baum des Saina, der mitten im Meere
Wourukascha (dem weituferigen Ocean) steht,
welcher Gutheil, Hochheil und Allheil heifst".31)
Auf unserem Gewebe würde man hiernach in
dem über dem untersten Palmzweig flatternden
Vogel den Amru, in dem in der Nähe des
Wildesels auf der Erde die Flügel schlagenden
den Tschamru sehen dürfen. Die andern Vögel
lassen keine sichere Deutung zu: der pickende
Vogel könnte ein Huhn oder vielmehr der im
Awesta gefeierte Haushahn, der die Diws oder
Nachtgeister durch seinen Gesang verscheucht,
der neben ihm der Rabe sein, in dessen Ge-
stalt sich Werethraghna (Bahram, der Genius
des Sieges) verkörpert, und der auf den Mi-
thrasbildern neben der Opferszene auf einem
Aste sitzt.

•,1) Awesta »Jascht« 14, 41. Spiegel »Eran.
Alterth.« 2, 118. Kommentar über das Awesta 2,
616. Sara Yorke Stevenson in: «Oriental studies
of Ihe Orient. Club of Philadelphia.« (Boston 1894),
S. 218—220. Simurgh ist weiblich wie lat. Aquila
und der Geier bei den Aegyptern.

Die Darstellung würde hiernach aufser der
Verewigung des Jagdglücks Bahram's auch den
Gedanken zum Ausdruck bringen, dafs der zu-
künftige König schon in seiner Jugend durch
die von der persischen Religion als gutes
Werk betrachtete Vertilgung schädlicher Thiere
dem Reiche des Bösen Abbruch gethan und
die von den Dämonen des Ahriman oder
Teufels ausgehenden Hemmungen der wohl-
thätigen Veranstaltungen des Schöpfers, zu
denen vor allem auch der wunderbare Kreis-
lauf des Wassers sammt der Befruchtung der
Erde gehört, mehr und mehr beseitigt habe.
Das Gemälde im Chawarnak zeigte natürlich
nicht die Theilung in Bild und Spiegelbild
wie das Gewebe, sondern war ähnlich ange-
ordnet wie die Jagd auf der schon angeführten
Schale des Chusrau und andere Jagdstücke.
Es ist zu bedauern, dafs der Name des Malers
nicht aufbewahrt ist, wie der babylonische
Name des Erbauers des Chawarnak, Sinimmar,
und der (römische?) Name seines Sohnes
Katus, welcher das Reiterbild des angeblichen
Rustam verfertigt haben soll, von dem die
Felsen bei Persepolis den Namen Naksch-i
Rustam (Bild des R.) empfangen haben.32)

:!-) Jakut's »Geograph. Wörterbuch«, herausg. von
Wüstenfeld, II, 201, 1. 250, 23.

Der Grundgedanke

ist nitht die Absicht, dem be-
rühmten Fresko des Vatikans, für
das der Name „Disputa del Sagra-
mento" herkömmlich, wenn auch

nicht richtig ist, eine eingehende Erklärung zu
widmen. Ich möchte nur den Versuch machen,
die das Bild beherrschende Anschauung von
einer neuen Seite zu beleuchten. Damit soll
freilich nicht gesagt sein, dafs diese Anschauung
durch die bisherige Forschung, soviel sie sich
auch mit jener schwierigsten aller Schöpfungen
Rafaels beschäftigt hat, klar gestellt sei. Weder
sind die Untersuchungen zu allgemein aner-
kannten Ergebnissen gelangt, noch vermochten
sie alle Räthsel zu lösen. Noch immer gilt,
was Crowe und Cavalcaselle von der ganzen
„Stanza della Segnatura" bemerkten.') „Drei

II, 15.

»Raphael: His Life and Works« (London 1885)

in Rafaels Disputa.

Jahrhunderte und mehr sind verflossen, seit
Vasari diese Gegenstände beschrieb. Mannig-
fache Theorien sind ersonnen worden, hinsicht-
lich der Art, wie Rafael mit der klassischen
Lehre, die sie illustriren, ausgerüstet wurde.
Aber wenig ist herausgebracht worden, ausge-
nommen, dafs die Malereien, welche die Wände
schmücken, die herrschenden Ideen ihrer
Entstehungszeit verkörpern." Die Frage ist nur,
worin diese Ideen bestanden.

Dafs durch die Disputa nach des Künstlers
Absicht die Theologie dargestellt sei, geben
alle zu. Aber dieser Gedanke wird sofort um-
gedeutet, in die Weite gedehnt, auf andere
Gebiete hinübergespielt. Man findet in dem
Gemälde „den Inbegriff der Religion",2) oder
„das Bild aller Gefühle, für welche die Religion

2) Ebenda II, 24.
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