Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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1898.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

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der zweifelhaften Werke auf, Crowe und Cavalca-
selle hielten sie sogar allem Anschein nach für
so apokryph, dafs sie ihre Erwähnung für über-
flüssig erachteten. Vielleicht fanden sie und
andere, dafs die Gemälde zu weich und flau
für den herbsten aller altflandrischen Meister
gemalt seien. Dafs sie dabei deutlich den
Charakter seiner Schule trugen, brauchte nicht
geleugnet zu werden. Wo sonst, als in dem
Bannkreise Rogiers hätte ein vlämischer Meister
solch ein Haupt voll Blut und Wunden mit
dem Ausdruck hoffnungslosen Schmerzes in
den rothgeweinten thränenüberströmten Augen
konzipiren können?

Von den beiden Tafeln des Diptychons
existirt nun eben dieses Ecce homo in einem
zweiten Exemplar. Vor ein paar Jahren fand
ich es in dem kleinen museo zu Varallo-Sesia
in der Provinz Novara. In den wiederholten
Malen, die ich seitdem das Bild gesehen habe,
hat sich bei mir der Glaube an seinen Künstler
befestigt. Der Entwurf ist genau derselbe wie
bei dem Londoner Exemplar. Die Haltung,
der Gesichtstypus, die Stellung der Hände, der
Faltenwurf des Mantels, sogar die Zahl der
herabrinnenden Thränen auf den Wangen,
stimmen hier wie dort überein. Indessen sind
es weniger die Uebereinstimmungen als die
Abweichungen von dem Londoner Gemälde,
die das Varalleser Bild werthvoll machen. Die
Körperbildung ist magerer, der Ausdruck des
Gesichtes herber und strenger, die Modelli-
rung schärfer, der Hals ist etwas länger, die
Schultern sind etwas mehr abfallend. Der
Gesammteindruck ist vielleicht abstofsender
aber zugleich ergreifender als der des Lon-
doner Bildes, und — was die Hauptsache ist —
charakteristischer für Rogier's Eigenart. Dazu
kommt ein eigentümlicher Zeichenfehler. Das
obere Glied des Daumens, das auf dem Lon-
doner Bilde normaler Weise ein wenig kürzer
erscheint als das untere Daumenglied, ist hier
viel zu lang gerathen. Eben diese fehlerhafte

Daumenbildung ist nun eine Eigenheit von
Rogiers Zeichnung. Man sehe sich einmal
daraufhin die Hände der anbetenden Könige
und der Madonna auf dem Middelburger Altar
zu Berlin an, die Hände auf dem Lukasbilde
oder auf der Verkündigung Maria zu München,
die Hände Maria und Johannis auf dem Tri-
ptychon der sieben Sakramente zu Antwerpen
— um nur einige der bekanntesten Bilder
Rogiers herauszugreifen. Der Hintergrund, der
in London golden, mit feinen schwarzen Stri-
chelchen bedeckt ist, zeigt hier gleichmäfsig
vertheilte rothe Punkte auf goldener Fläche.
Rechts gewahren wir den Rest einer gemalten
architektonischen Bogenumrahmung, die ver-
muthlich die Tafeln des Diptychons zusammen-
fafste. Denn natürlich haben wir uns auch hier
als Ergänzung zum Ecce homo die Schmerzens-
mutter zu denken. Die Tafel besteht aus Eichen-
holz. Ihre Dimensionen, 40: 27 cm, sind um
drei Centimeter höher und um einen schmäler
als die des Londoner Bildes.

Nach einer in Varallo lebendigen Tradition,
ist das Christusbild aus Mailand dorthin gelangt,
vermuthlich als die Stiftung eines der frommen
Pilger, die zum sacro monte wallten, wie deren
gerade aus Mailand in Schaaren kamen. Ob
und wo im Mailändischen noch das fehlende
Bild der mater dolorosa vorhanden sei, das
wird die italienische Lokalforschung am ehesten
beantworten können. Ich mufs auf weitere
Nachforschung verzichten und will es zufrieden
sein, wenn diese Zeilen es erreichen, dafs
künftig an Stelle eines mit Recht bezweifelten
Schulbildes, ein neues Original in die Betrach-
tung der Werke Rogiers aufgenommen werde.
Die Provenienz des Bildes gibt in diesem Falle
vielleicht einen Fingerzeig für seine Entstehungs-
zeit ab. Nach dem Bericht des Bartholomäus
Facius war Rogier 1450 in Rom und die Ver-
muthung liegt nahe, dafs das Diptychon auf
dieser Reise in Oberitalien entstanden sei.

Dresden. Gustav Pauli.

Bücher schau.

Da der für die Bücherschau ohnehin
knapp zugemessene Raum in diesem Jahrgang
noch weitere Beschränkung erfahren hat, so
habeu leider manche Referate zurückgelegt
werden müssen und können jetzt nur in redu-
zirter Form zum Abdruck gelangen. d. H.

Der Vatikan. Die Päpste und die Civilisation. Die
oberste Leitung der Kirche. Von G. Goyau,
A. Pörate), P. Fabre. Deutsche Uebersetzung
von Karl Muth. Mit 532 Autotypien, 13 Lichtdruck-
beilagen und einem Lichtdruckporträt Sr. Heiligkeit
Leo's XIII. Benziger & Co., Einsiedeln 1898.

Dieses Lieferungswerk (24 Hefte ä 1 Mk.), wel-
ches bereits im Band X, Sp. 386/387 angezeigt
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