Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

Page: 145-146
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1898.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Haar wird von der Lilienkrone bedeckt. Mit
ihrer erhobenen linken Hand hält sie den Apfel,
zu dem das neben ihr stehende, nur bis an die
Kniee mit dem Röckchen bekleidete Kind seine
etwas unförmliche Linke ausstreckt, während es
von der Mutter mit der Rechten umfafst wird.
Das Kind hat ungewöhnlich grofsen Kopf, dickes,
unten gewulstetes Haar. Die ganz dünne, ohne
Kreidegrund, aufgetragene, durchsichtige Be-
malung wird von der rothen Farbe beherrscht,
mit Ausnahme der Basen, Kapitale, Bogenein-
fassung, die grün gestrichen sind. Die Mutter
hat grünes Gewand, das Kind rothes Röckchen
und von den Knieen an grüne Höschen oder
Strümpfe und, wie die Mutter, schwarze Schuhe.
Das Ganze hat als das Machwerk eines ein-
fachen ländlichen Schnitzers ein durchaus hand-
werkliches Gepräge, schliefst sich aber den Er-
zeugnissen der Uebergangsperiode wie in der
architektonischen Umrahmung, so in der figu-

ralen Gestaltung als ein aus richtigem Stilgefühl
hervorgegangenes, gut disponirtes und durch-
geführtes Gebilde an. Der eigenthümliche Um-
stand, dafs das Kind nicht auf dem Schofse
der Mutter sitzt und nicht mehr die sonst bis
tief in's XIV. Jahrh. übliche Tunika trägt, legt
den Gedanken nahe, diese Almosenschaufel
reiche, trotz der frappanten romanischen For-
men, doch vielleicht nicht bis in deren Zeit,
sondern nur in eine um manches Jahrzehnt
jüngere Periode zurück.

Uebrigens darf dieselbe als typisch bezeich-
net werden, insoweit bei allen derartigen Opfer-
brettern die die Hand verdeckende Rücktafel
mit einem Heiligenstatuettchen verziert ist, wohl
dem Patron der Kirche oder der Bruderschaft,
für welche die Gaben gesammelt wurden; und
die so gefällige wie würdige Gestaltung dürfte,
in Verbindung mit der praktischen Einrichtung,
wohl zur Nachbildung anregen. Schnütgen.

Aquamanil-Leuchter im Nationalmuseum zu Stockholm.

Mit Abbildung,
er hier abgebildete eigenthümliche unmöglichen Stellung, weil es auf jenen allein,

Leuchter ist vor Jahren in Skäne
(südl. Schweden) ausgegraben, vor
Kurzem auf einer Auktion für das
schwedische Nationalmuseum erworben wor-
den. Er bildet, 35*/2 cm hoch, ein einziges
Gufsstück ohne Ansätze bezw. Verlöthungen
und gibt als solches in Bezug auf die Art
seiner Entstehung allerlei Räthsel auf, deren
Lösung mir nicht vollständig gelungen ist, wenn
ich mich nicht auf die Annahme zurückziehen
will, dafs er nur auf der Laune des Giefsers
oder seines Auftraggebers beruhe, mithin als
eine Art von Scherz zu betrachten sei.

Der sonderbare Gegenstand setzt sich näm-
lich aus Aquamanile und Leuchter zusammen,
die sich doch zum gemeinsamen, wenigstens
zum gleichzeitigen Gebrauche vollständig aus-
schliefsen. Jenes ist mit einer gewissen Sorg-
falt, dieser mit unverkennbarer Roheit behan-
delt. Jenes kann wegen seiner Eingufsstelle
auf dem Kopfe und seines Ausgusses durch
die Schnauze nur funktioniren, nur gefüllt
werden, wenn es auf den Hinterfüfsen auf-
recht steht, also in einer nicht blofs ganz unge-
wöhnlichen, bei den weit vorgestreckten Vorder-
tatzen geradezu unerklärlichen, sondern sogar

ohne sonstigen Halt gar nicht standfähig ist.
Es legt sich nun freilich zunächst der Ge-
danke nahe, der Giefser habe ein vorhande-
nes vierfüfsiges Aquamanile in Wachs abge-
formt, und daraus durch allerlei Umbildungen,
besonders der Hinterfüße und des Kopfes, der
dann eine ganz andere Haltung erforderte,
wenn er überhaupt zur Aufnahme von Wasser
geeignet sein sollte, ein neues Modell geschaffen.
Allein diese Prozedur würde so viele Umständ-
lichkeiten verursacht haben, dafs eine ganz neue
Schöpfung viel leichter herzustellen gewesen
wäre, schwerlich auch das einheitliche, form-
schöne Gefäfs sich ergeben hätte, als welches
die Bestie sich darstellt, zumal mit der Ka-
puzenbekleidung, die viel eher zur aufrechten,
wie zur gebückten Haltung pafst. Dennoch
kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs das
Aquamanile nicht zugleich mit dem Leuchter
entstanden, dieser vielmehr erst nachher aus ihm
durch plumpe Angliederungen an das Modell
gebildet ist. Die formlose Gabel, welche sich
aus den beiden Hinterfüfsen entwickelt, viel-
mehr deren Hufen in ganz unorganischer Weise
vorgeschuht ist, um das Ganze standfähig zu
machen, kann unmöglich auf ursprünglicher
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