Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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1898. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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fehlen von den zweiunddreifsig kleinen Figuren,
welche hier Platz haben, nicht weniger als sieben.
Man erkennt die Apostel unter ihnen, thut aber
gut, mit weiteren Deutungen innezuhalten. Die
aus dem Propheten Ezechiel, Kap. XLVII,
V. 1 und 9, genommene Inschrift lautet: üibi
arjuam egtebtentem öe temjjloa laure Oestro. %llt-
luja, alleluja et omneg aü ouog «crlienit aqua. (f.
(if = isekiel, Hisekiel, Hesekiel = Ezechiel).
Aber der Name des Giefsers fehlt hier ebenso
wie auf der älteren Wismarschen Fünte.4)

Geradeso fehlt er auf der Gadebuscher Fünte,
der jüngsten unter diesen dreien: Der „fun-
dator" wird genannt, und auch das Jahr, nämlich
1450, nicht aber der „fusor". Im Vergleich
zu den beiden vorhergehenden Flinten ist die
Gadebuscher ein elegantes Werk an der Grenze
der Hochgothik. Hier herrscht wieder jene
Technik, die uns am Deckel der ehrwürdigen
Fünte von St. Marien zu Rostock entgegentrat:
nämlich die Figurenwerke, lauter kleine Hoch-
reliefs, sind für sich gegossen und nachher auf
die Wand des Kessels aufgenietet, der von drei
knieenden Engeln getragen wird. Die Dar-
stellungen, welche den Kessel in zwei Reihen
umziehen, sind folgende: oben der Einzug Jesu in

4) Vgl. Lisch »M.Jahrbuch« XXXVI,S. 191 bisl94.
Die Buchstaben if am Schhifs hat Lisch unbeachtet
gelassen.

Jerusalem, die Tempelreinigung, das Abendmahl,
die Fufswaschung, das Gebet am Oelberg, Kufs
des Judas, Jesus vor dem hohen Rath, Jesus
vor Pontius Pilatus, Jesu Verspottung, die
Geifselung, die Dornenkrönung, im Ganzen elf
Szenen. Ebensoviele unten : Ecce homo, Pilatus
wäscht seine Hände, Kreuztragung, Kreuzigung,
Bildnifs des knieenden Stifters Heinrich Koppel-
mann mit einem Wappenschilde, auf dem sich
die Initialen seines Namens fj und fi, zu einem
Monogramm verschlingen, Abnahme vom Kreuz,
d. hl. Maria mit dem Leichnam des Herrn
(Pietä), Grablegung, Wache am Grabe, Auf-
erstehung, Himmelfahrt. Zwischen der obern
und untern Reihe die Inschrift: anno • önT • m° •
tctt° • P • ifte • foiig ■ fuf ■ eft • in ■ ijonor' • it)u ■
jcjji • fite • üiroi£ • fei ■ jacoüi • öiouifii • Et • oim •
fcoru ■ arate • Heu • y • bnö • rjinrito • toupclman •
füöatore • cujug ■ äiä ■ rerjtiiefrat • i • pace • ame •
Auf dem Spruchbande des knieenden Stifters
im fünften Bilde der unteren Szenenfolge liest
man die Worte: Miserere mei deus. Heinrich
Koppelmann war nach einer Urkunde vom
6. August 1458 „presbyter, in ecclesia Godebusse
perpctuns vicarius.". Ebenderselbe schenkte der
Kirche zu Gadebusch ein prächtiges Chorgestühl.
Vgl. M. »Kunst- und Geschichtsdenkmäler«
Bd. II, S. 474 bis 478. Dazu S. 38, 39, 554, 555.

Schwerin. Friedrich Schlie.

Bücherschau.

Die frühmittelalterliche Kunst der germani-
schen Völker. Unter besonderer Berücksichtigung
der skandinavischen Baukunst in ethnologisch-anthro-
pologischer Begründung dargestellt von Privatdozent
Friedrich Seesselberg. Mit 500 Textfiguren.
Hierzu gehörig das Tafelwerk: F. Seesselberg,
Die skandinavische Baukunst der ersten
nordisch-christlichen Jahrhunderte. Berlin
1897. Verlag von Ernst Wasmuth. (Preis 150 Mk.)
Die zeichnerische Aufnahme und kunstgeschicht-
liche Beschreibung des Domes von Lund hat den
ebenso begeisterten wie begabten Stipendiaten zu
einer umfassenden retrospektiven Studie geführt, zu
einer Entwickelungsdarstellung, die mit theilweise ganz
neuen, überraschenden Ergebnissen auftritt und ernste
Beachtung verdient. An der Hand eines gewaltigen
Illustrationsmaterials, welches in dem Tafelwerk den
Lunder Dom und einige verwandte Kirchenbauten auf
20 vortrefflich gezeichneten Grofsfolioblättern bis in
die kleinsten Details vorfühlt, in dem Textwerk nicht
weniger als 983 Abbildungen aus den verschiedensten
Kultur- und Kunstperioden, sucht der Verfasser seine
Anschauungen zu begründen, welche, in einige Worte

zusammengefafst, darauf hinauslaufen, dafs die ger-
manische, namentlich die skandinavische Kunst ihre
Motive nicht so sehr dem romanischen (vom Christen-
thum eingeführten), als vielmehr dem urheimischen
(also heidnischen) Formenkreise entnommen habe, unter
Hinzufügung orientalischer und römischer Grundformen.
Der Verfasser will hierbei dem Christenthum und der
Kirche nicht zu nahe treten, obwohl in Bezug auf
diese einige kleine Mifsverständnisse mituntergelaufen
sind; es ist ihm offenbar nur um die Wahrheit zu
thun, und nicht auf irgendwelcher Voreingenommenheit
beruht daher seine Behauptung, dafs „die Germanen
trotz der Romanisirungsbestrebungen ihrer romanischen
Bekehrer eine germanische, nicht aber eine romanische
Baukunst hervorgebracht haben". Bevor er an den
Beweis dieses, das eigentlichste Ziel des Werkes be-
zeichnenden Satzes herantritt, widmet er mit Recht
ein langes, inhaltreiches Kapitel dem germanischen
Ornament, welches er zumeist in Bezug auf seine
eigenen Grundbegriffe, wie Strick-, Flecht- u. s. w.
Formen, sodann auf die importirten Elemente, wie die
orientalische Baumverehrung, Löwen- und Greifenpaare
etc. prüft, um es sodann bis in die Grundzüge der
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