Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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1898. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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So geht es unaufhörlich durch diese einzig
dastehende Briefsammlung hindurch.

Ihr Ton klingt weiter in den Reihen der
Schüler,8) die sich um die Seherin sammelten,
in den Kreisen, aus denen die Reform des
Predigerordens und S. Marcos hervorging. Die
neuen „Poverelli", wie sie in Erinnerung an
den „Armen" von Assisi sich mit Vorliebe
nannten, bekennen sich ganz zu dem Geiste
und der Sprechweise der „verehrungswürdigsten
Braut Christi, der süfsesten Mutter".9) Auch
ihnen quillt alle Mystik aus der geöffneten
Seite des Gekreuzigten; auch sie grüfsen die
Genossen nur in seinem Namen; auch ihre
Briefe sind durchtränkt von den Gedanken an
das „Blut des unbefleckten Lammes".10) Der
Dominikanergeneral Raimund von Capua führte
den Crucifixus in seinem Siegel, und im Kon-
vente zu Bibbiena war er auf einem Gemälde
dargestellt, wie er das Kreuz und die Leidens-
werkzeuge umschlungen hält.11) Giovanni Do-

8) Wie zahlreich diese waren und mit welcher Ver-
ehrung sie an der Heiligen hingen, kann man aus
einem Briefe des Don Giovanni dalle Celle di Vallom-
brosa an Barduccio di Piero Canigiani über ihren Tod
entnehmen (Biscioni lett. XVII, pag. 96 sg.): „Come
oggimai viveremo piü, poiche e morta la nostra madre,
la nostra consolazione ? Che potremo noi fare altro,
se non di piangere la nostra desolazione? E non
siamo soli, che piangiamo; ma e' s' adiempie di pre-
senti quello, che fu da quinci addietro detto per lo
Profeta, cioe: E' sara pianto grande in Gerusalemme."
Alle klagen in der Kirche: Mönche, ,1a turba de' de-
voti Frati", Wittwen, Jungfrauen, ,,i penitenti e quelli,
i quali sono tornati a Dio per Caterina" — ,,m' e
stata tolta l'allegrezza del cuor mio."

9) »Leggenda minore etc.« 1. c. pag. 282.

10) S. die Briefe in der »Leggenda minore«. Ferner
»Lettere della B. Chiara Gambacorti Pisana«. Ed.
Cesare Guasti (Pisa 1871) und Giovanni Dominici,
lett. V, VII, XIX (Biscioni pag. 116, 125, 159).
Als Probe möge der Anfang eines Briefes (»Leggenda«
lett. XX, pag. 295) des Dominikaners und spätem
Provinzials Fra Bartolommeo Domenici an die Suor
Maddalena dienen: „AI nome di Jesu Cristo crocefisso
e di Maria dolce .... Io frate Bartalomeo .... scrivo
e conforto te nel sangue delT Agnello immacolato
sparto per noi a questi dl... . con tanto fuoco d'amore,
che da ogni parte scoppia la ciennare dell' umanitä
nostra in Lui, per la grande calura del fuoco nascosto
sotto essa ciennare, e escie fuore de la ciennare el
fuoco col sangue. Perd che non trasse el sangue del
corpo di Jesu nostro dolcissimo salvatore ne chiovi,
ne lancia, ne altra cosa niuna, ma solo el fuoco
della carita di Dio. In questo sangue 1' anima si con-
forta etc."

n) » Raymundi Capuani XXIII. magistri generalis ord.
Praed. opuscula et litterae« (Koma 189ö) pag. 114 sq.:

minici griff in die Saiten und dichtete ein Lied
auf das heilige Kreuz, das die Schwestern des
Reformklosters „Corpus Christi" in Venedig
singen sollten.12) Der Laudendichter Bianco
da Siena13) feierte Katharina als die „Schwester,
die das Kreuz auf der Stirne trägt". Den um-
fassenden künstlerischen Ausdruck fanden dann
ihre mystischen Ideen in den Wandmalereien
Fra Angelicos.

Nichts kehrt in den Briefen so häufig wieder
als die von glühender Empfindung durchwehte
Aufforderung, hinzueilen zum Kreuze und es
zu „umarmen", nicht zerfliefsend in weichlichem
Leide, sondern mit der Sehnsucht des „männ-
lichen Herzens".14) Umarmen ist der stehende,
mit südlicher Lebendigkeit und plastischer Kraft
geformte Ausdruck für das, was die deutsche
Mystik jenes Zeitalters in sanfter Innigkeit den
„Kehr" der minnenden Seele zu ihrem Heilande
nannte. Es geschieht in drei Stufen, die den
drei sich steigernden Zuständen des inneren
Lebens entsprechen: an den Füfsen des Ge-
kreuzigten entflammt der Affekt, der die Seele
emporträgt; bei der Seitenwunde trinkt sie aus
dem durchbohrten Herzen und berauscht sich
an dem Geheimnisse der Liebe; an dem Munde
des Sterbenden findet sie den Frieden „nach
dem grofsen Kriege".15)

dem Kreuze sei ein Engel beigefügt, „qui tres guttulas
sanguinis de latere Salvatoris cadentes in calice recipit".
Auf einem Gypsabgufs des Siegels, den ich der Güte
des P. Benedikt Reichert O. P; in Rom verdanke,
kniet am Fufse des Kreuzes eine Figur, von der nicht
zu entscheiden ist, ob sie wirklich einen Engel darstellt
oder vielmehr einen Dominikaner, ähnlich wie auf dem
Bilde A.'s. Im letzteren Falle wäre hier das Vorbild
für seine Darstellung gegeben.

") Lett. IX (Biscioni pag. 130) v. 18. Juni 1400
an die Schwestern in Venedig: „Mandovi della croce
una laudetta, sotto 'il canto della laude de' Bianchi (Re-
formbruderschaft in Venedig): Misericordia eterno Dio."

13) »Laudi spirituali del Bianco da Siena, povero
Gesuato del secolo XIV« (Lucca 1851) nr. LXXII,
pag. 167.

u) z. B. lett. XLI (I, 196): „Oime disaventurata
1' anima mia, che non son corsa con cuore virile ab-
bracciando la croce del mio dolcissimo e carissimo
sposo Cristo crocifisso."

151 »Libro della divina dottrina« c. XXI pag. 27,
vgl. cc. LVI, LXIII, LXXVI sgg. pag. 69, 75, 93 sgg,
Lett. XLVII (I, 213), LXXIV (II, 65), CXX (II, 274).
Aehnlich Dominici, lett. V. (Biscioni pag. 116), VII
(ebenda pag. 125): ,,Or vi levate in punta di pie, e
saltate un poco in alto, tenendo le mani e braccia
stese, apparecchiate ad abbracciare: e se vi sapete
appicare all collo del diletto Cristo, ponete la bocca
al costato aperto, e succiate lo 'nebriato sangue."
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