Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

Seite: 316
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316 BESPRECHUNGEN.

ganze Reihe von Faktoren, die mitwirken und deren Wirksamkeit recht bedeutungs-
voll ist, ohne sagen zu können, sie seien an sich rein ästhetisch; wohl aber er-
kennen wir, daß sie die Bewußtseinslage, die den rein ästhetischen Mittelpunkt
bildet, entweder stützen und fördern, oder hemmen und stören, demnach mittelbar
für den Ästhetiker in Betracht kommen. Und sie sind es vor allem, die den blen-
denden, schwellenden Reichtum des ästhetischen Verhaltens ausmachen. Hier sind
nun die Funktionsgefühle einzureihen.

Da das Buch dem Herausgeber gewidmet ist, so wäre es unangemessen, in
dieser Zeitschrift der Inhaltsangabe eine Kritik beizufügen.

Berlin. __________ Max Dessoir.

Johannes Volkelt, System der Ästhetik. Zweiter Band, München 1910,
XXII u. 569 S.

Der zweite Band von Volkelts groß angelegter Ästhetik führt folgerichtig die Ge-
danken weiter, mit deren prinzipieller Festlegung sich der erste Band beschäftigt
hatte: in Anknüpfung an die große psychologische Bewegung, die weite Gebiete
des früheren metaphysischen Landes für sich in Anspruch nahm, ist von Volkelt,
wie von einer ganzen Reihe von Ästhetikern, im letzten Jahrzehnt der Versuch ge-
macht worden, die Ästhetik psychologisch zu begründen. All diese Ästhetiken zeigen,
trotz aller Abweichungen im einzelnen, eine starke innere Verwandtschaft: sie sind
alle Kinder desselben Geistes, geboren aus dem Bestreben, der Ästhetik eine rein
empirische Basis zu geben. In einem freilich ergibt sich bei ihnen eine starke Ver-
schiedenheit, je nach dem Maße, in dem der Systemtrieb auch diese empirischen Aus-
gestaltungen der Ästhetik beherrscht; darin, ob der Forscher mehr der Vielgestaltig-
keit der ästhetischen Erscheinungen Rechnung trägt und dadurch die Rücksicht auf
die Einheit des Systems zurücktritt, oder ob der einheitlichen Theorie zuliebe der
Kreis des tatsächlich Vorhandenen übermäßig eingeengt wird. Von diesem Gesichts-
punkt aus betrachtet, steht Volkelt sicher dem ersteren Extrem näher als dem letzteren:
man wird selten oder nie bei seinen Einzeluntersuchungen sagen können, daß
systematische Voreingenommenheit seinen Blick getrübt habe, und daß die Buntheit
der Erscheinungen künstlich vereinfacht sei, um ein System zu gewinnen. Das hat
sich am ersten Band seiner Ästhetik gezeigt, und das zeigt sich ebenso deutlich an
dem jetzt vorliegenden zweiten Band, der die »Grundgestalten« des Ästhetischen
behandelt: das Schöne wie das Charakteristische, das Tragische wie das Komische,
das Anmutige usw. Noch niemals sind die Ausgestaltungen des Ästhetischen so
weit bis in ihre feinsten Verästelungen hinein verfolgt worden, noch niemals ist ein
so reiches illustrierendes Material von Beispielen aus alter und neuer Zeit für die
Ästhetik herangezogen worden. Es mögen gewiß monographische Behandlungen
irgendeiner einzelnen Grundgestalt in dieser Hinsicht weiter gegangen sein — das
ist selbstverständlich —, aber die ganze Fülle der ästhetischen Welt von Grund-
gestalten tritt nirgends in so reicher Mannigfaltigkeit im ganzen hervor wie bei
Volkelt.

Es ist dem Referenten freilich schwer, den zweiten Band eines Werkes zu be-
sprechen, dessen erstem Band er in fast allen prinzipiellen Erörterungen ablehnend
gegenübersteht. Der Referent darf es demgemäß nicht versuchen, einem zweiten
Band gegenüber Maßstäbe anzulegen, die der Verfasser — den Ausführungen des
ersten Bandes gemäß — verwerfen würde, und so bliebe nichts übrig als allein die
immanente Folgerichtigkeit dieses zweiten Bandes nachzuprüfen, wenn nicht ein
glücklicher Umstand dem Referenten zu Hilfe käme: daß gerade bei der Behandlung
der ästhetischen Grundgestalteu der prinzipielle Standpunkt nicht allzu wesentlich zu
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