Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

Page: 317
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1912/0321
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BESPRECHUNGEN. 317

sein pflegt. Mit Ausnahme der Behandlung des Tragischen und des Humors läßt
sich sogar mit den metaphysischen Ästhetikern über jede einzelne Orundgestalt dis-
kutieren, ohne daß die Verständigung schon von vornherein an prinzipiellen Ge-
sichtspunkten scheiterte. Es liegt das daran, daß — auf welchem prinzipiellen Stand-
Punkt man auch stehe — erst einmal die sachlichen Gegebenheiten klargestellt werden
müssen, ehe man ihre metaphysische Bedeutung oder ihr psychologisches Zustande-
kommen diskutiert, und da scheiden sich die Geister mehr nach der größeren oder
geringeren Schärfe der Analyse als nach sonstigen Gesichtspunkten.

Was sind die »Grundgestalten des Ästhetischen«, deren Analyse dieser zweite
Band unternimmt, ihrem Begriff nach? Es handelt sich bei ihnen, wie Volkelt sagt,
um die »Aussonderung menschlich-charakteristischer und menschlich-wertvoller Ge-
"Ws- und Phantasietypen aus dem Verlaufe des seelischen Lebens« (S. 5). »Die
Abgrenzung eines jeden Typus erfolgt gerade darum so, weil auf diese Weise einem
menschlich-wertvollen, wesenhaften, zur Entfaltung des Innenmenschen notwendig
gehörigen Bedürfnis Genüge geschieht« (S. 5). Es ist die psychologisch-subjektivistische
Grundanschauung Volkelts, die den Begriff des Bedürfnisses in den Mittelpunkt
s e,'t, wenn es gilt, die ästhetischen Grundgestalten abzugrenzen.

Wie aber sucht Volkelt diese Grundgestalten auf? Etwa so, daß er die mensch-
. wertvollen Bedürfnisse aussondert und aus ihnen die Grundgestalten bestimmt,
e man es vielleicht nach der angeführten Begriffsbestimmung erwarten könnte ?
eineswegs. Er greift vielmehr die ästhetisch-wertvollen Formen auf und analysiert
e- Und das »Bedürfnis« wird aus dem Ergebnis der Analyse erst erschlossen,
enn woher weiß Volkelt von einem Bedürfnis nach einer »Sinnenform, die dem
edürfnis nach organischer Einheit Schwierigkeiten und Hemmungen entgegensetzt,
nach deren Überwindung erst der Eindruck der organischen Einheit zustande kommt«
"—woher weiß Volkelt von diesem Bedürfnis, wenn nicht aus der Analyse des
»Charakteristischen«? Und woher von einem Bedürfnis nach den im Komischen
enthaltenen Tatbeständen, wenn nicht aus der Analyse des Komischen selbst? Es
«st natürlich kein Nachteil, daß Volkelt die Grundgestalten nicht aus den Bedürf-
nissen herleitet — sondern umgekehrt; nur wird dadurch die Möglichkeit in Frage
gestellt, die Einheit des Begriffs der Grundgestalt aus dem Bedürfnis herzuleiten, das
durch sie befriedigt wird. In der Tat finden wir heterogene Dinge unter den Begriff
5er Grundgestalt vereinigt: das Wesen des Erhabenen und des Anmutigen sind rein
"m Verhältnis von Gehalt und Form beschlossen, das Komische verlangt nach Volkelts
Analyse noch eine bestimmte Stellungnahme meinerseits (im Wechsel von Ernst-
nehmen und Nichternstnehmen), das Rührende endlich verdankt seine Einheit der
einheitlichen Gefühlswirkung auf mich, eben der Rührung. Volkelt weist selbst auf
diese Unterschiede hin, aber ihm scheint dennoch der Ausdruck »Grundgestalt« weit
genug all diese Unterschiede miteinzubegreifen. Aber wenn nach der Einheit der
Gefühlswirkung, nach der subjektiven Seite hin eingeteilt werden darf, weshalb soll
dann nicht das »Spannende« und vieles andere hereingezogen werden! Und wenn
die Arten der Stellungnahme mit in die Grundgestalt eingehen, weshalb begründen
dann nicht die verschiedenen Unterarten des Ernstnehmens und Nichternstnehmens,
das frivole Auffassen z. B. oder das Pathetischnehmen verschiedene Grundgestalten?
So scheint mir die Aufzählung der Grundgestalten doch noch mehr, als es das
empirische Verfahren notwendig mit sich bringt, der Systematik zu ermangeln.

Noch nach einer andern Richtung. Wenn etwas als ästhetische Grundgestalt
bezeichnet werden soll, so muß zu seinem Wesen die Anschaulichkeit gehören:
die Anschaulichkeit darf nicht zufällig oder relativ zufällig mit ihm verbunden sein.
In der Tat entsprechen die meisten Grundgestalten, die Volkelt aufzählt, solcher An-
loading ...