Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

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Der Welsche Gast (Cod. Pal. Germ. 389)

17 Der WELSCHE GAST des Thomasin von Zerclaere

Cod. Pal. Germ. 389, Pergament, 226 Bl., ca. 17,5 X 11,5 cm, mit 108 Bildern, bayerisch,
Tafel Seite 61 um 1250/60

Den Titel erläutert der Verfasser selbst, indem er sich zu Beginn des Werkes seinen Lesern vorstellt. Er ist ein
norditalienische Kleriker, der gleichsam als Gast in einer anderssprachigen Fremde sein Buch vor das deutsche
Publikum geleitet, um »wackeren Rittern, guten Frauen und gelehrten Pfaffen« in ihrer eigenen Sprache seine
Tugendlehre vorzutragen. Auch über die Abfassungszeit erhält man Aufschluß: Gut 28 Jahre sind vergangen,
seit das Grab Christi in die Hand der Heiden gefallen ist (Dezember 1187). Man schreibt also das Jahr 1216.
Zu dieser Zeit ist der Domherr von Aquileja, der Hof mann des Patriarchen Wolfger von Erla, 30 Jahre alt.

Höfisch-zuchtvolles Betragen und weltmännisches Verhalten empfiehlt er den jungen Leuten. Er warnt vor
der Untugend der Maßlosigkeit. Oberste Tugend der Fürsten ist die alle anderen Tugenden umschließende
innere Standhaftigkeit und Beharrlichkeit. Eine besondere Verpflichtung ist den Herren dadurch auferlegt, daß
sie für die unter ihnen Stehenden ein Vorbild im guten oder schlechten Sinne abgeben. Die Ursachen für die
»Unstaete« werden in Beispielen dargelegt, ihre Folgen für das irdische oder ewige Leben des Menschen ein-
dringlich vor Augen gestellt. Gerechtigkeit, Vernunft und Urteilskraft werden nicht nur vom Richter gefordert.
Der Ritter zeichnet sich durch Freigebigkeit aus. Die Empfehlung der sieben freien Künste wird verbunden
mit einer Kritik an der Zeit, mit der Klage über fehlende Gelehrsamkeit, auch bei den geistlichen Herren. Die
deutsche Ritterschaft wird zum Kreuzzug aufgerufen. Der Autor ist sich dessen bewußt, daß seine in 10 Teilen
abgehandelte, aus »praktischer Vernunft« und »religiöser Grundhaltung« (Neumann) entwickelte Morallehre
nur für den von Wert ist, der Sinn für Tugend hat, der gewisse Voraussetzungen und eine Bereitschaft zu ver-
ständnisvoller Aufnahme der Lehre mitbringt. —

Die Heidelberger Handschrift (A) ist nicht nur die älteste der 13 vollständig oder fragmentarisch überliefer-
ten Bilderhandschriften, sondern das früheste der insgesamt 24 bisher bekannt gewordenen Manuskripte über-
haupt, von denen zwei weitere Bilderhandschriften und ein unbebildertes Exemplar - sämtlich aus dem 15. Jahr-
hundert - in der Universitätsbibliothek Heidelberg aufbewahrt werden.

Neueste Untersuchungen (E.M. Vetter) haben wahrscheinlich gemacht, daß die Zahl, die man auf dem
sogenannten Schreiberbild erkennt (fol. 33v: ein Herr diktiert seinem Schreiber) als »1256« zu lesen ist, und
daß diese Zahl den Zeitpunkt nicht der Entstehung der Vorlage, sondern der Illustrierung der Handschrift
selbst bezeichnet: diese Datierung erscheint auch stilistisch und paläographisch gerechtfertigt.

An der Illustrierung waren (so wiederum E.M. Vetter) nacheinander drei Zeichner beteiligt. Die Bilder
des ersten (bis fol. 31v) gehören noch der romanischen Stilperiode an. Sie wirken altertümlich und sind mehr
auf Ausdruck denn auf Wirklichkeitsnähe hin konzipiert. Die Illustrationen des zweiten Zeichners (bis
fol. 48v) fallen auf durch Unbeholfenheit in der Personendarstellung, während die Tierbilder besser gelungen
erscheinen. Vielleicht ist in diesen Partien die Tätigkeit des Schreibers der Handschrift faßbar, der nach dem
Ausscheiden von Hand 1 aushilfsweise eine Zeitlang die Arbeit fortgeführt haben könnte.

Von der dritten Hand stammt mehr als die Hälfte aller Miniaturen. Sie sind der Formensprache der Gotik
verpflichtet. Gebärde, Haltung und Bewegung wirken natürlicher, wirklichkeitsnäher.

Der Bilderzyklus geht sehr wahrscheinlich auf Thomasins eigene, mehr oder weniger detaillierte Anweisun-
gen zurück. Die Illustrationen haben die Funktion von »Merkbildern«, die gewisse Gedanken und Lehren ver-
mitteln und festigen sollten. Zum Teil geben sie den Text wörtlich wieder, ein andermal wird der Bezug erst
durch die Beischriften deutlich, so, wenn etwa ein allgemeiner Lehrsatz in einer bildhaften Situation konkreti-
siert wird. Mitunter enthält die Gedankenfolge des Textes eine Weiterführung durch die Bilder. - Für die ver-
schiedenen Darstellungen standen den Illustratoren vermutlich zeitgenössische Vorlagen, z.B. illustrierte
Enzyklopädien, zur Verfügung. Mancherlei Parallelen zur mittelalterlichen Bildtradition lassen sich nach-
weisen.

Unser Bild (fol. 139r, Tafel S. 61) zeigt eine Darstellung von sechs der »Sieben Freien Künste«, deren erste
- Grammatik - auf der vorhergehenden Seite behandelt ist. Hier wird die Reihe fortgesetzt mit der Dialektik in

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