Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

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Grosse Heidelberger Liederhandschrift (Cod. Pal. Germ. 848)

Gestalt einer Frau. Als ihr berühmtester Vertreter erscheint Aristoteles. Beide halten zwischen sich eine Lehr-
tafel, die durch Diagonalen in vier Felder aufgeteilt ist. In ihnen sind die Grundmöglichkeiten dialektischer
Beziehungen festgehalten, nämlich »omnis-nullus« als »contrarie«, »quidam — quidam non« als »subcontrarie«,
»omnis-quidam non« als contradictorie subalterne«, »nullus-quidam« als »subalterne contradictorie«.

Im zweiten Bild ist »Rhetorik« zusammen mit Cicero (»Tullius«) dargestellt, dem die Lehrmeisterin Schild
und Schwert überreicht mit den Worten: »age - defende«.

Eine Dreieckskonstruktion demonstrieren Geometrie und Euklid. Die Aufgabe lautet: »Super lineam datam
triangulum equilaterum constituere«. Allerdings entspricht die Seitenlänge des abgebildeten Dreiecks nicht ganz
dem Radius der sich schneidenden Kreise, wie es für ein gleichseitiges Dreieck Voraussetzung wäre.Pythagoras
und Arithmethik verweisen auf ein Schema, das nach dem Prinzip »De dupla nascitur sesqualtera« angelegt ist:
Während in den waagrechten Zahlenreihen sich die Werte bei jedem Schritt verdoppeln, steigen sie in den
senkrechten Kolumnen jeweils auf das Anderthalbfache an. (Allerdings ist irrtümlich 14 für 18 und 37 für 27
gesetzt.)

Thimotius von Milet (»Milesius«) und Musica erläutern die Proportionen der Tonstufen (Quart/
»diateseron«: 8:6, Quint/»diapente«: 9:6, Oktave/»diapason«: 12:6). (Auch hier ist die Darstellung nicht
ganz fehlerfrei.)

Schließlich sind Ptolemäus und Astronomie gezeigt. Sie halten ein Gerät, das offensichtlich zur Messung der
Sternbewegungen bestimmt ist.

Vergl. insbesondere Fr. Neumann und E. M. Vetter, Der Welsche Gast des Thomasin von Zerclaere, Cod. Pal. Germ. 389.
Einführung zum Faksimile. Wiesbaden 1974 (Facsimilia Heidelbergensia. 4). - Ausgabe: Der wälsche Gast des Thomasin
von Zirclaria. Hrsg. von H. Rückert. Quedlinburg und Leipzig 1852. Nachdr. Berlin 1965, mit e. Einl. von Fr. Neumann. -
A. von Oechelhäuser, Der Bilderkreis zum »Wälschen Gaste« des Thomasin von Zerclaere. Heidelberg 1890. -
Fr. W. von Kries, Textkritische Studien z. Welschen Gast Thomasins von Zerclaere. Berlin 1967 (Quellen und For-
schungen ... N.F. 23). - H. Frühmorgen-Voss, Mittelhochdt. weltl. Literatur u. ihre Illustrationen. In: Dt. Vierteljahrs-
schrift 43 (1969) S. 23-75. - W. Stammler, Wort und Bild. Studien zu den Wechselbeziehungen zwischen Schrifttum und
Bildkunst im Mittelalter. Berlin 1962 (S. 144f.).

18 Große Heidelberger Liederhandschrift

Tafel Seite 64 Cod. Pal. Germ. 848, 426 Bl., Pergament, 35 X 25 cm, Zürich, um 1310/40

Der gewichtige Kodex gehört zu den berühmtesten Handschriften der Welt. Er enthält die umfangreichste
Sammlung mittelhochdeutscher, meist weltlicher Lyrik, mit fast 6000 Liedstrophen von 140 Dichtern. Seit
Johann Jakob Bodmer, der daraus im Jahre 1748 »Proben der alten schwäbischen Poesie des dreyzehnten Jahr-
hunderts« veröffentlichte, führt sie den Namen »Manessische« Liederhandschrift nach dem Zürcher Patrizier-
geschlecht der Manesse, die von dem späten Minnesänger Hadlaub in einer seiner Strophen als die Besitzer von
»Liederbüchern« gepriesen werden. Sicherlich haben ihre Sammlungen zu den Vorlagen gehört, die bei der
Entstehung der Handschrift zwischen 1310 und 1340 in Zürich benutzt wurden. Die Auftraggeber bemühten
sich offensichtlich um weitestgehende Vollständigkeit. Dabei wurde die Möglichkeit späterer Ergänzungen
von vornherein in Betracht gezogen. Ganze Seiten, mitunter aber auch wenige Zeilen zwischen zwei Strophen
wurden freigelassen, wo man hoffte, noch weiteres Material aufzufinden bzw. wo man den Eindruck hatte, ein
Lied liege nur unvollständig vor. Nicht selten sind solche Erweiterungen gelungen: Man erkennt sie an der
anderen Farbe der Tinte, auch an dem geringfügig abweichenden Duktus einer anderen Hand. Insgesamt sind
mindestens sechs Schreiber am Werk gewesen.

Für die Reihenfolge der Dichter waren nicht etwa chronologische oder regionale Gesichtspunkte bestim-
mend. Vielmehr ist das Prinzip der ständischen Rangordnung zugrunde gelegt, das allerdings nicht in aller

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