Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

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Processionale (Cod. Sal. viii 16)

7 Processionale

Cod. Sal. VIII 16, Pergament, 46 Bl., 23,5 X 17 cm, Frankreich/Burgund,
Tafel Seite 35 Anfang des 16. Jahrhunderts

Die Handschrift - wenn auch nicht in allen Teilen von höchstem künstlerischem Rang, ist doch mit großem
materiellen Aufwand, mit handwerklicher Sorgfalt und gutem Geschick hergestellt. Die frühere Zugehörigkeit
zum Zisterzienserkloster Salem ist ersichtlich an dem Eintrag des 17. Jahrhunderts auf der ersten Recto-Seite:
»B Mariae in Salem«. In eleganter Bastarda ist auf der folgenden Seite der Inhalt des Bandes umrissen: »Pro-
cessionarius tocius anni secundum usum ordinis Cisterciensis. Et primo in purificatione beate Marie dum
distribuuntur candele«. Diese Seite enthält am äußeren sowie am oberen und unteren Rand je ein schwarz
gerandetes, rechtwinkliges Bordürenfeld unterschiedlicher Größe. Auf blaß-goldfarbenem, gepunktetem
Untergrund sind Rankenabschnitte mit teilweise naturalistischen, teils phantastischen Blumen, Tieren, Fabel-
wesen usw. zwar gefällig angeordnet, aber nicht eigentlich in einen organischen Zusammenhang gesetzt. Das
untere Feld enthält ein Wappen, von einem Kranz umrahmt, den zwei Fabeltiere halten. Es zeigt ein blaues
Feld mit goldenem Sparren. In die Teilfelder ist unten ein goldener Hahn, (heraldisch) links ein Halbmond,
rechts ein Katzen- oder Hundekopf hineingesetzt.

Der Band enthält, in Textura bzw. mit Quadratnoten auf roten Viererlinien aufgezeichnet, Texte und
Melodien der Prozessionsgesänge an Maria Lichtmeß (2r-8r), Maria Verkündigung (8r-12r), Palmsonntag
(12r-21r), Himmelfahrt Christi (21r-25r), Fronleichnam (25r-29v), Maria Heimsuchung (29v-33v), Maria
Heimgang (33v—37v), Maria Geburt und Maria Empfängnis (37v-41r) sowie zum Empfang eines Königs
(>In susceptione regunx, 41r-43r). Es folgen noch einige Ostergesänge (43r-44v), die in Antiqua-Schrift
nachgetragen wurden. Die letzten beiden Blätter sind leer geblieben. Die Prozessionen nehmen von der Kirche
ihren Ausgang und kehren über zwei Stationen wieder zur Kirche zurück. Die Gliederung drückt sich in den
Zierseiten aus, die den Beginn der Abschnitte markieren. Neben den Initialen sind es Bordürenrahmen oder
einzelne Bordürenfelder - meist am inneren oder äußeren Rand —, die den Schmuck ausmachen. Der Unter-
grund ist entweder blaß-goldfarben gehalten und mit Punkten versehen oder er ist einfarbig blau oder auch
mit glänzender — wohl polierter — Goldemulsion bedeckt. Häufig ist der Rahmen aber auch in (meist geometri-
sche) Abschnitte (Quadrate, Rechtecke, Dreiecke u.a.) zerlegt, die verschiedenfarbig (blau, schwarz, rot,
golden) gegeneinander abgesetzt sind. Teilweise sind die Ornamente in diesen Feldern isoliert, teilweise über-
greifen sie mehrere Abschnitte. Charakteristisch ist eine bestimmte Art von Zierinitialen, die fast auf jeder
Schmuckseite anzutreffen ist: In den - meist rosafarbenen, bisweilen blaßblauen - Buchstabenkörper ist ein
Skelett aus weißen Linien eingezeichnet, dessen vertikale Teile von breiten, weiß-rosa schattierten Bändern
umwunden sind, während die Bogenabschlüsse als schlanke, gefiederte Blätter gebildet werden.

Eine Fülle von figürlichen Motiven, mit bemerkenswerter Liebe zum Detail ausgeführt, belebt das teils
stilisierte, teils naturalistische Rankenwerk, darunter vor allem Fabeltiere, die, meist sehr elegant gezeichnet,
auch in Verbindung mit Initialen vorkommen, ferner Vögel, Affen (mit Blasinstrumenten, mit einer Kanone,
auf einem anderen Tier reitend usw.), Frösche, Insekten, Schnecken, menschliche Figuren (34r, Tafel S. 35,
4P) und Gesichter (25v, 26v). Außer den Deckfarbeninitialen sind auch rot-blaue Kadellen zu finden.

Bemerkenswert erscheint ferner die Verwendung der verschiedenen Schriftarten. Während für den Text die
traditionelle Textura benutzt wird, dient als Auszeichnungsschrift entweder die Antiqua oder eine kalligraphi-
sche Bastarda, die - ursprünglich Mischform zwischen Buchschrift und bloßer Gebrauchsschrift - also inzwi-
schen zu einer Schrift von hohem Formniveau und mit entsprechender hierarchischer Einstufung von seiten der
Schreiber sich entwickelt hat.

J. Th. Krug, Quellen und Studien zur oberrheinischen Choralgeschichte. 1. Die Choralhandschriften der Universitätsbiblio-
thek Heidelberg. Diss. Heid. 1937. (Einleitung und erster Teil in: Freiburger Diözesan-Archiv. N.F. 38. 65. Band, 1937).
Seine Datierung (» 14./15. Jhdt.«, vergl. S. 9) ist nicht möglich.

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