Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

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Der Renner (Cod. Pal. Germ. 471)

Wie hier zweifellos ein Lohnschreiber am Werk war, so verrät auch der Stil der Bilder die handwerks-
mäßige Anwendung einer ohnehin wohl nicht sehr bedeutenden künstlerischen Begabung.

Immerhin ist aus kräftigen, flotten Umrißzeichnungen ein lebendiges Bild aufgebaut, das zwar die strenge
Beachtung der in der Realität gegebenen Proportionen vermissen läßt, das aber durchaus Ansätze zu per-
spektivischem Sehen zeigt. Manches zwar ist grob und plump, die zu großen Köpfe sind ohne Ausdruck. Schraf-
furen fehlen, die Innenzeichnung ist knapp angedeutet, sie wird durch die Art der Kolorierung unterstützt,
die durch farbige Schatten und ausgesparte Lichter eine modellierende Wirkung erzielt. Landschafts- und
Architekturelemente sind kaum vorhanden. Aufs ganze gesehen gelingt es dem Zeichner jedoch, das Wesent-
liche eines Vorgangs unter Verzicht auf Details gut ins Bild zu bringen. Unsere Handschrift mit 38 etwa
halbseitigen Miniaturen ist eines von drei Werken, die diesem Zeichner zuzusprechen sind. Insgesamt lassen
sich drei oder vier Maler unterscheiden, die in der »Elsässischen Werkstatt« gearbeitet haben.

Auf unserer Abbildung (fol. 135r, Tafel S. 77) ist dargestellt, wie Montalbane, die Burg des Aeneas, in
dessen Abwesenheit von Turnus, seinem Gegenspieler in Italien, vergebens belagert wird.

Heinrich von Veldeke (ca. 1145-1210) schrieb dieses frühhöfische Epos zwischen 1170 und 1190 wohl in
Kenntnis des Vergilschen Werks, jedoch nach der unmittelbaren französischen Vorlage des Roman d'Eneas
(entstanden um 1160). Aus dem römischen Nationalepos von der Vorgeschichte zur Gründung der Stadt Rom
wurde ein Ritterroman mit den Hauptthemen »Minne« und »Kampf«, wobei Minne in ihrem Wert bestimmt
wird durch die Kategorien »mäze« oder »unmäze« und Kampf noch nicht gesucht wird unter dem Leitbild der
»aventiure« oder in der Form des Kampfspiels, sondern bestanden wird als ernste kriegerische Auseinander-
setzung. Der Autor hatte das noch nicht abgeschlossene Werk einer Gräfin von Cleve geliehen. Anläßlich einer
Hochzeit wurde es — wahrscheinlich 1174 — gestohlen und gelangte nach Thüringen. Erst neun Jahre später
konnte es der Dichter fortsetzen und beenden. Er widmete es seinen Gönnern, dem Landgrafen Hermann von
Thüringen und dessen Bruder Friedrich.

R. Kautzsch, Notiz über einige elsässische Bilderhandschriften aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts. - In:
Philologische Studien. Festgabe für E. Sievers. Halle 1896. S. 287-293. - R. Kautzsch, Einleitende Erörterungen zu einer
Geschichte der deutschen Handschriftenillustration im späteren Mittelalter. Straßburg 1894 ( Studien zur deutschen Kunst-
geschichte. 3). - H. Wegenf.r, Die deutschen Volkshandschriften des späten Mittelalters. - In: Mittelalterliche Hand-
schriften. Festgabe . . . H. Degering. Leipzig 1926. S. 316-324. - Ausgabe: Henric van Veldeken. Eneide. 1. Einleitung.
Text. Hrsg. von G. Schieb und Th. Frings. Berlin 1964 (Dt. Texte des Mittelalters. 58). Darin (S. L.-LIV) Beschreibung
dieser Handschrift (h).

24 Hugo von Trimberg DER RENNER

Cod. Pal. Germ. 471, Pergament und Papier, 69 beschr. Bl., 40,8 X 28 cm,
Tafeln Seite 79, 80 Nürnberg, 1425/1431

Der Verfasser dieses mittelhochdeutschen Lehrgedichts stammte aus dem ostfränkischen Ort Wem bei
Schweinfurt. Sein Geburtsjahr wird um 1230 oder 1235 angesetzt. Als Schulrektor am Stift St. Gangolf vor
Bamberg besaß er ein umfassendes Wissen, das in seinen Werken faßbar wird, insbesondere dem »Registrum
multorum auctorum«, seiner berühmten Einführung in die Lektüre lateinischer Schulautoren, und dem
»Renner«, einem der verbreitetsten deutschen Bücher des Mittelalters, von dem rund 65 Handschriften und
Fragmente überliefert sind. Zwei Klassen werden unterschieden: in der einen sind die Handschriften zu-
sammengefaßt, die Hugos Einteilung in Distinktionen beibehalten haben; die andere ist gekennzeichnet durch
die Kapitelgliederung Michaels de Leone, des Würzburger Kanonikers, der den Renner in seine 1350 ange-
legte Sammlung von Lehr- und Spruchdichtung, Minnesang und Epik, sein sogenanntes Hausbuch (jetzt Uni-

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