Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

Page: 100
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/Cimelia1975/0097
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Leben der Väter (Cod. Pal. Germ. 90)

30 Leben der Väter

Tafel Seite 101 Cod. Pal. Germ. 90, Papier, 164 BL, 27,8X20 cm, Konstanz (?), 1477

Das Buch enthält in deutscher Prosa die Legenden der ersten christlichen Mönche, die — zumeist als
Einsiedler - in der ägyptischen Wüste ein heiligmäßiges Leben führten. Ihre vorbildliche Frömmigkeit, ihre
Demut und Geduld, die Fülle der Zeichen, die Gott an ihnen getan hat, werden in Erzählungen, Anekdoten
und Zitaten dargestellt. Ursprünglich waren diese Geschichten und »Apophthegmata« meist griechisch über-
liefert. Als ihre Verfasser wurden teils namentlich bekannte Kirchenschriftsteller wie Athanasios und Ephraim
der Syrer genannt, teils unbekannte Mönchsväter vermutet. Auf Hieronymus werden die ersten Ansätze einer
Übersetzung ins Lateinische zurückgeführt. Im 6. Jahrhundert entstand die lateinische Sammlung der »Vitas
patrum«. In dieser Form benutzte sie das Mittelalter als Erbauungsbuch, dessen Lektüre bereits in der
Benediktinerregel vorgeschrieben war und das später mehrfach übersetzt und dichterisch bearbeitet wurde.
So diente es - neben der »Legenda aurea« des Jacobus de Voragine - auch dem Verfasser des um 1300
entstandenen »Veterbuchs« (in 41500 Versen) als Quelle, des umfangreichsten und literarisch bedeutendsten
Legendenwerks des deutschen Mittelalters. Weitere deutsche Fassungen, deren Beziehungen untereinander
und zu den »Vitas patrum« noch nicht hinreichend untersucht sind, entstanden im 14. und 15. Jahrhundert,
darunter auch mehrere Prosabearbeitungen.

Unser Buch beginnt mit einem »Register«, das heißt mit einer Übersicht über die 93 Kapitel des Werkes1.
Das erste spricht allgemein vom Leben der »Altväter«, die »den gotlichen schätz verborgen« bewahren
»Inn menschlichen vessern«, von ihren Wundertaten, ihrer friedvollen Sanftmut, wie sie zwar jeder für sich als
Einsiedler leben, doch zusammengeschlossen sind durch das Band göttlicher und brüderlicher Minne, wie sie
alles Irdische so von sich abtun, daß sie nicht an Speise noch Trank, weder an Wohnung noch an Kleidung
denken und ihnen dennoch alles von Gott zuteil wird. - Im zweiten Kapitel werden die Begriffe »Einsiedler«,
»Mönch«, und »Anachoret« erörtert; es wird die Frage gestellt, wer der erste Mönch gewesen sei. Antonius -
der sonst wohl zuerst genannt wird - sei zwar nicht zeitlich der erste gewesen, doch der, von dem das
Mönchswesen einen entscheidenden Anstoß bekommen habe. Zwei Jünger des Antonius aber hätten Paulus
von Theben als den ersten Einsiedler bezeichnet. Und von ihm nun handelt das dritte Kapitel; es folgen
Antonius, Abraham, Maria Abrahams Tochter usw. bis hin zu Melion und verschiedenen Altvätern, deren
Namen nicht genannt werden.

Das Buch, das in einer recht sorgfältigen Buchkursive geschrieben ist »Per me Leonhardus (!) Loffellman
etc. Anno domini etc. [ 14] 77« ist mit 36 ganzseitigen Bildern geschmückt. Der Zeichner ist derselbe, der auch
eines der Heidelberger Exemplare des »Buchs der Beispiele« (Pal. Germ. 466) illustriert hat. Auffallend ist die
kräftige, holzschnittartige Konturierung in kaum schraffierter Federzeichnung. »Die Figuren sind schlank, mit
großen, gut individualisierten Köpfen, oft nicht ohne Ausdruck, dargestellt. Typisch für den Zeichner sind die
großen Augenlider, das dicksträhnige Haar und die vielen Gesichtsfalten« (Wegener). Menschen und Tiere
sind in richtigen Porportionen erfaßt, die Gebäude und Innenräume perspektivisch gesehen. Die Größenver-
hältnisse sind allerdings auch bei diesen spätmittelalterlichen Bildern noch mitunter zugunsten der Idee und
auf Kosten der Realität verändert, so daß etwa der Reiter dem Pferd gegenüber unverhältnismäßig groß er-
scheint. Die Figuren bewegen sich häufig in einer hügeligen Kulissenlandschaft, die von Baumgruppen und
kugeligen Büschen belebt ist. Das Blau des Himmels wird zum Horizont hin blasser. Die Zeichnungen sind
mit kräftigen, etwas grellen Wasser- und Deckfarben koloriert. Die Bilder werden von Wegener nach Konstanz

lokalisiert, der Dialekt ist jedoch nicht rein hochalemannisch, sondern weist offensichtlich bairische Einflüsse w

_ 5

auf (teilweise i>ei; schwäbische Elemente wie a>au fehlen.). ©

Unser Bildbeispiel zeigt den heiligen Vater Johannes, der der kranken Gattin eines reichen Herrn im

Traume erscheint und sie durch ihren Glauben heilt (fol. 80r, Tafel S. 101).

100
loading ...