Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

Page: 75
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(Cod. Pal. Germ. 291) Astronomisches Kalendar

Auf Blatt 10 beginnt ein Traktat über die 12 Zeichen des Tierkreises und ihren Einfluß auf die Geschicke
des Menschen. 12 runde Tierkreisbilder von ca. 6 cm Durchmesser sind ihm beigegeben. Sie sind sorgfältig
in Deckfarben ausgeführt, von kühlem, buntem Kolorit. Die Figuren stehen auf einem Rasenstück vor einem
blauen Himmel mit Mondsichel. Sie sind in dunklerem Farbton meist gut modelliert, die Konturen bisweilen
mit dem Pinsel nachgezogen. Der Kreisrahmen ist unterschiedlich profiliert. Beim ersten Bild ist noch ein
quadratischer Rahmen tangential angelegt.

Die Arbeit ist sicher nicht von höchstem künstlerischen Rang. Die Proportionen sind nicht immer richtig
gewählt, Haltung und Bewegung sind mitunter steif. Dennoch wirken die Bilder im Zusammenhang einer
Buchseite mit makellosem Pergament, breiten, harmonisch ausgemessenen Blatträndern und eleganter kursiver
Bastarda, mit Rubriken sowie roten und blauen Lombarden sehr dekorativ, und auch manche der Figuren
entbehren nicht einer gewissen Eleganz.

Das gilt auch für die folgenden Blätter: für das Planetenbüchlein (19r ff.) mit sieben Darstellungen der
Planeten, denen jeweils die entsprechenden Sternbilder zugeordnet sind, die Ergänzung für den »achten« bis
»elften Himmel« nebst Lucidarius-Auszug (26v ff.) mit einem Bild zweier Astronomen, und die Abhandlung
über die vier Temperamente (28v ff.), deren Charakteristika am Verhalten des Ehemannes gegenüber der Frau
in szenischen Entwürfen gezeigt werden. Es folgen (31r) Kapitel über das Aderlassen mit zwei Bildern, über
das Baden (43v ff.) mit einem Bild, und weitere, in erster Linie medizinische Traktate mit Darstellungen
eines Aderlaßmannes und zweier Ärzte.

Recht unvermittelt schließen sich Blatt 60r ff. geistliche Betrachtungen und Gebete an, die vorbereitet
werden durch ein Rundbild mit der Darstellung der Ölbergszene (fol. 59v, Tafel S. 74) auf der vorher-
gehenden Seite. Trotz einiger Unstimmigkeiten in den Proportionen ist diese Miniatur nach Zeichnung, Farbe
und Dekor doch eine der gelungensten in der ganzen Handschrift. In dem aufgeschlagenen Buch korrespon-
dieren zu den aus dem Rahmen organisch herausgeführten kurzen Akanthusranken ähnliche Ranken mit
Bindungen an ein A-Initial, das die folgende Seite einleitet. Auch farblich und in der Verwendung von Blatt-
gold und Goldemulsion sind beide Schmuckseiten aufeinander abgestimmt. Hier ist wohl die stilistische Ver-
wandtschaft mit Salzburger Miniaturen, welche Wegener festgestellt hat. am ehesten erkennbar.

Es folgt Blatt l()()v ff. noch die Fabel vom kranken Löwen mit acht Illustrationen, die zu den betreffenden
Blockbuchbildern in unserem Cod. Pai. Germ. 438 in enger Beziehung stehen, ja offenbar nach solchen ent-
worfen sind, allerdings stark verkleinert.

Der Band endet mit Notizen über Weinverbesserungsmitte] und Rezepte (109r-lllv). All diese sehr
verschiedenen Texte sind von einer einzigen Hand und sicherlich in einem Zuge mit großer Sorgfalt niederge-
schrieben.

Das Buch stammt aus dem Besitz Ottheinrichs (Kurfürst 1556-59). dem es von einem J. Herold dediziert
wurde. Der betreffende Eintrag Blatt 1' lautet (Kürzel aufgelöst): »Othoni Henrico Rheni Palatino. Duci
Bavariae studiosorum literarumque amatori syncerissimo atque illustrissimo Principi dominoque suo, ad
testandum animi voluntatem promptissimam. Jo. Herold. D.D.«

G. Eis, Altdeutsche Handschriften. München 1949. Nr. 38. - Für die Behandlung einzelner Fachprosatexte ist die Hand-
schrift wiederholt benutzt worden. Hingewiesen sei auf G. Eis. Ein Lucidarius-Auszug. - In: Beitrr. z. Gesch. d. dt. Spr. u.
Lit. 79 (PBB.Tüb.) 1957. S. 380-384.

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