Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1991

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tektonischen Aufgaben sich weigern, den Reichtum
traditioneller Architekturformen aufzugeben, und
ihn zumindest in reduzierter oder transformierter
Form weiterhin beibehalten.
3) Es ist charakteristisch, dass diese Tendenzen
auch in der folgenden, dritten Etappe (1928—33),
die die völlige Durchsetzung des Modernismus und
den Ausgleich mit der europäischen Entwicklung
bedeutet, fortdauern. Ihre Wirkung ist zweifelsoh-
ne zum Beispiel auch im späteren Werk des Klassi-
kers der modernen slowakischen Architektur Emil
Beiluš zu spüren.
Eine Bemerkung zum Abschluss
Wenn wir den Modernismus für den Stilaus-
druck der aus der funktionalen Denkweise heran-
wachsenden Architektur halten — das heisst aus
der Denkweise, die zum allgemeinen Prinzip der
Kultur des 20. Jahrhunderts wurde —, wie sind
dann die erwähnten komplementären Architektur-
strömungen zu interpretieren? Die Qualität ihrer
Erscheinungsbilder widerspricht der Auffassung,
die dazu neigt, sie als retardierenden Historismus
oder Romantismus zu deuten. Die funktionale
Denkweise ist eine Methode, bei der die Aufgabe
(das Bedürfnis, der Zweck) definiert und analysiert
wird und danach die Mittel zu ihrer Erfüllung ope-
rativ gesucht werden. Damit hängt die implizite
Offenheit und Elastizität des Systems zusammen,
die zum Anlass genommen werden kann, die kon-
ventionelle Haltung gegenüber dem Eklektizismus
als Schaffensmethode (und auch gegenüber seiner
Erscheinungen in der Architektur) neu auszuwer-
ten.
Die Entstehungsbedingungen des Stilausdrucks
des Modernismus setzten, erstens, eine bestimmte
Stabilisierung der Aufgaben (d. h. die auf die mate-
riellen Funktionen, also Funktionen elementaren
Charakters, orientierte Hierarchie) voraus, wie

auch, zweitens, den elementaren Zugang zur archi-
tektonischen Form (d. h. den analytischen Zugang
zur Form überhaupt, wie das Verständnis der Form
als Folge befriedigender sachgemässer Raumlösun-
gen und der Harmonisierung der Funktionen in
einem Organismus). Dieser elementare Zugang zur
Form war auch durch Postulat wahrhaftigen Funk-
tionausdrucks determiniert.
Doch die Elastizität des funktionalen Denkmo-
dells widerspricht im Prinzip jedem Formschema-
tismus oder Normativismus. Es ist eine Frage der
(zur zeit gültigen) Hierarchie der Werte, welche
Bedürfnisse bzw. Funktionen im Rahmen dieses
Modells akzentuiert und in den Vordergrund ge-
stellt werden. Wenn die Hauptströmung — das
Modell der Moderne — auf der Fehlerlosigkeit der
Raumdisposition und Erfüllung eines materiellen
Zweckes basiert hat, dann sind die ihr parallelen
komplementären Richtungen vielleicht als polemi-
sche Versuche anzusehen, dieses Modell zu korri-
gieren oder zu ergänzen.
Möglicherweise ging es hier um den Versuch, die
Hierarchie der Funktionen anders zu ordnen, oder
die Gestaltungsmittel der vorherrschenden Rich-
tung um Elemente, die der heimischen Tradition
und dem Charakter der Umwelt entsprechen, zu
erweitern?
Man kann vermuten, dass gerade die Vielfalt der
Entwicklung in ihrer Anfangsphase und die Span-
nung der gegebenen Unterschiede zwischen einzel-
nen Haltungen zur Hebung des Niveaus der archi-
tektonischen Produktion im Laufe der zwanziger
Jahre beitrugen. Jeder der genannten Trends bietet
die Antwort auf eine Frage des architektonischen
Schaffens. Erst im Verlauf der folgenden Entwic-
klung von Gesellschaft und Architektur sollte es
sich zeigen, welche der Fragen lebenswichtig war
und welche nebensächlich blieb, welche der Ant-
worten wahrhaft war und welche es nur so zu sein
schien.
Deutsch von Kuno Schumacher

1 Die den gegebenen Zeitraum synthetisch behandelnde
Fachliteratur beruft sich mit 80 bis 90% auf architektonische
Beispiele Bratislavaer Herkunft. Siehe zum Beispiel KUSÝ, M.:
Architektúra na Slovensku 1918- 1945, Bratislava 1971; FOL-
TÝN, L.: Dějiny architektùry na Slovensku 1918—1939 (Roz-

voj avantgardného architektonického myslenia). Fakultät der
Architektur der Slowakischen Technischen Hochschule (Hand-
schrift). Bratislava 1972; BALÁN, A.: Deset let architektury na
Slovensku. In: Pamätnica bratislavského Spolku čs. inžinierov
— 10 rokov na Slovensku SI A 1919-29. Bratislava 1929.

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