Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1991

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Metaphysik der mittelalterlichen
Bildhauerei Einführung in die Problematik
JACEK DEJBICKI

Der vorliegende Artikel ist ein allgemeines Konzept
der von mir seit einigen Jahren geführten Forschungen
zum Problem der Ideenquellen der mittelalterlichen
Skulptur.1 Die meisten von Bearbeitungen dieser Epo-
chen konzentrieren sich vor allem auf die formale Seite2,
seltener auf die Fragen vom thematisch- inhaltlichen
Typ3, und nur ausnahmsweise spricht man von den
Quellen und ideellen Ursachen der Form der mittelal-
terlichen Figur.4 Ich interesierte mich für dieses Prob-
lem, als ich die Skulpturen Kleinpolens um 1400
erforschte.3 Die verwickelten, sich oft gegenseitig aus-
schließenden Ergebnisse der wissenschaftlichen Unter-
suchungen der Genese und Entwicklung des internatio-
nalen Stils in Europa ergeben sich, wie ich meine, aus
der Einschränkung der Forschungen fast ausschließlich
auf den formalen Bereich der Skulptur, was gut der
Titel des Buches von Clasen veranschaulicht.6 Für mich
ist es aber selbstverständlich, daß die Entwicklung der
mittelalterlichen Skulptur, von den symbolischen früh-
romanischen Figuren, bis zu den klassisch- und spätgo-
tischen Skulpturen, die sich der Natur nähern, in erster
Reihe die wesentlichen Ideenwandlungen veranschau-
licht. Die Entstehung also Ende des 11. Jahrhunderts
der anthropomorphen Figur und ihre einige Jahrhun-
derte zählende Entwicklung in der Epoche des Mittelal-
ters, die gar nicht geradelinig verlief, wäre somit nicht
ausschließlich ein künstlerischer Prozeß. Im Gegenteil:
Dieser Prozeß mußte äußerliche (d. h. außerhalb der
künstlerischen Umgebung) geistige Anregungen be-
kommen haben. Sie scheinen wiederzufinden zu wer-
den, wenn man folgende Fragen stellt:
Erstens, ob in der mittelalterlichen Menschenauffas-
sung irgendwelche wesentlichen Wandlungen eingetre-
ten sind, die der formalen Entwicklung entsprächen,
und ob sie dieser vorangingen; zweitens, ob es sich der

Zusammenhang zwischen dem Wissen vom Menschen
und der Art und Weise seines Darstellens aufweisen
läßt. Die hier angenommene Methode läßt die mittelal-
terlichen Skulpturen zu betrachten sowohl hinsichtlich
ihres damaligen ontischen Status, als auch ihrer
Betrachtung aufgrund der mittelalterlichen anthropo-
logischen Philosophie. Man schließt somit die Ursache
der hauptsächlichen Mißverständnisse in den For-
schungen der Plastik dieser Epoche aus, nämlich ihre
Interpretierung vom Standpunkt des 20. Jahrhunderts.
In den antiken Zeiten erlebte die Bildhauerei ihre
Blütezeit. Diese Entwicklung brach zusammen, als die
frühchristliche Kunst auftauchte. Schon die Synode in
Elwir um 301 verbat die Benutzung der Bilder, und
somit begann eine sehr verwickelte und komplizierte
Geschichte des Bildes im Christentum — vom Verbot
zur Affirmation.7 Die Tradition des Alten Testaments
übernehmend erbten die Christen auch das Verbot, die
Bilder zu schöpfen und zu ehren, worüber Exodusbuch
spricht (Exodusbuch 20.4—5). Auf dieser Basis, aber
nicht immer aus religiösen Gründen, entwickelte sich
die Theologie des Ikonoklasmus, die ihren Höhepunkt
hatte in den Beschlüssen der bildstürmenden Konzilien
in Jahren 753 und 815, als auch der Frankfurter Synode
im Jahre 824.® Diese Richtung stieß in der christlichen
Kirche auf einen großen Widerstand, der sich unter
anderem in der Bearbeitung einer Bildtheologie aus-
geprägt hat. Dazu hat vor allem Sankt Johann von
Damaskus beigetragen, verdammt von der Synode der
Ikonolasten in Hiera.9 An seine Gedanken knüpften die
Beschlüsse des siebenten allgemeinen Konziles in Nitza
787, die den rechtgläubigen Charakter der Bildlatrie
bestätigten: „Gegenstand der Verehrung sollen nicht
nur die Ebenbilder des kostbaren und beseelenden
Kreuzes sein, sondern auch verehrte und heilige

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