Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1991

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Die Persönlichkeiten und Trends
in der Architektur Bratislavas
der zwanziger Jahre

DANA BOŘUTOVÁ

Eine Bemerkung zur Einführung
Die zwanzige Jahre stehen eine besondere Etap-
pe in der Entwicklung der slowakischen Gesell-
schaft dar. Es war die Zeit eines neuen Anfangs,
eine neue Entwicklungsetappe der nationalen Kul-
tur in einem unabhängigen tschechoslowakischen
Staat, unter Bedingungen, die mit denen der Ver-
gangenheit nicht vergleichbar waren. Der Anfang
dieses Jahrzehnts war durch grosse Begeisterung
und Elan, aber auch durch eine Vielfalt von schwer-
wiegenden und komplizierten Aufgaben gekenn-
zeichnet. Im Laufe dieser Etappe, im Prozess der
Lebenspraxis der neuen aufstrebenden modernen
Gesellschaft fand die Prüfung, Überwindung und
Innovation der traditionellen Ansichten und Ideale
statt. Am Ende dieser Etappe stehen die Resultate,
die von einem grossen Mass an geleisteter Arbeit,
von einem Wachstum und einer Intensität der Be-
wegung, von einer strengen Motivation und einer
kraftvollen Kreativität zeugen. Alle diese Phäno-
mene sind in einer einmaligen Weise in der Archi-
tektur dieser Jahre verkörpert. Dank ihres grundle-
genden Zusammenhangs mit den elementaren
Funktionen der Gesellschaft gibt die Architektur
ein plastisches Bild von der Komplexität, Vielfäl-
tigkeit, also von den spezifischen Charakterzügen
der Zeit. Und Bratislava war die Stadt, wo — im
Rahmen der ganzen Slowakei — die Architektur-
entwicklung im Laufe der zwanziger Jahre ein be-
sonders verdichtetes, mannigfaltiges und markan-
tes Gepräge bekommen hat.' Als neue Landes-
hauptstadt hat Bratislava eine wichtige Rolle im
Wirtschaftsleben des neuen Staates gespielt und
hatte ein grosses Bevölkerungswachstum sowie ei-
nen mächtigen Aufschwung auf allen Gebieten des

wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens zu
verzeichnen.2
Um den Einfluss der genannten Umstände auf
die Architekturentwicklung im Laufe der zwanzi-
ger Jahre zu verfolgen, ist es notwendig, die Aus-
gangssituation und die Voraussetzungen für ihre
weitere Entwicklung zu berücksichtigen. Gleicher-
massen heisst es die Haltungen, die die führenden
Architektenpersönlichkeiten dieser Zeit zur gegebe-
ne Situation einnahmen, kennenzulernen, wie auch
die Trends, die durch ihre Auffassungen repäsen-
tiert wurden, im Auge zubehalten.
Ausgangssituation und Voraussetzungen
An erster Stelle ist hier das Erbe der Architektu-
rentwicklung der Stadt in den letzten Dekaden der
k. u. k. Monarchie zu berücksichtigen, einer Ent-
wicklung, die als Dokument und Ausdruck des
Lebensstils der Stadt dreier Nationalitäten verstan-
den werden muss. Es ging um eine Stadt unterge-
ordneter Bedeutung, die jedoch im Nahbereich und
regen Kontakt zu den beiden Hauptzentren der
Monarchie stand, eine Stadt, die sich mit Stadter-
weiterungen im genannten Zeitraum ausgedehnte
Gebiete für den Aufbau von Industrie- und Wohn-
vierteln erwarb und die in den Strassen des Zen-
trums durch öffentliche Gebäude, Miethäuser oder
anspruchsvolle Paläste und Villen ein städtisches
Antlitz erhielt, das ähnlich wie die Bevölkerung
Bratislavas durch Vielfalt charakterisiert war. Die-
se Vielfalt des architektonischen Ausdrucks beweg-
te sich von Eklektizismus und der Sezession bis zu
strengeren rationalistischen Tendenzen und war
zwischen den Einflüssen von Wien und Budapest

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