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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 18.1948/​1950

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https://doi.org/10.11588/diglit.42247#0106

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R. Nierhaus

Phaidros-Bemas des Athener Dionysostheaters mit Füllhorn und Szepter aus
der Mitte des 2. Jhdts. n. Chr.38) (Taf. 21, 1), die von A. B. Cook mit Recht auf
Tyche-Fortuna gedeutet werden39). Das Szepter, bei beiden Figuren verloren,
läßt sich mit Hilfe der erhobenen rechten Arme mühelos ergänzen. Cooks Inter-
pretation der Szenen der beiden Reliefplatten III und IV als Vermählung des
Dionysos mit Basilinna und als Huldigung von Tyche, Theseus und Basilinna
vor dem thronenden Gott, also als festlich-freudige Begebenheiten, schließt eine
präzisere Deutung der beiden Tyche-Gestalten als ’Ay«tb) Tuyj oder Eudzi-
povia, als die ihrer Stadt Glück und Segen spendende Tyche, ohne weiteres
in sich ein. Nur so wird verständlich, warum Tyche hier mit Szepter und Füll-
horn, den Abzeichen des Segens, wiedergegeben wird, nicht dagegen mit dem
Steuerruder, dem Symbol des von ihr gelenkten und beherrschten Schicksals.
— Die beiden fast identischen Figuren der Tyche— eine weitere Figur des-
selben Typs kommt auf den Reliefplatten noch hinzu — sind von einer at-
tischen Kultstatue der vierziger Jahre des 4. Jhdts. v. Chr. herzuleiten, also
aus der Zeit, in der der ’Ajad'V] Tuyjj -Kult in Athen besonders reich blühte.
Der Typus dieser Statue wurde offenbar zur Darstellung verschiedener Gott-
heiten verwandt40); eine Verwendung auch als ’AyaSp] Tuyjj schon im 4. Jhdt.
ist gut möglich, allerdings nicht beweisbar.
Zusammenfassend dürfen wir sagen, daß die Murger Terrakotte als Fortuna,
und zwar als die in der Statuette durchaus griechisch empfundene Entsprechung
der ’AyaJ'Yj Tuyjj zu deuten ist, die sich inhaltlich wie stilistisch aufs engste
an griechische Vorbilder und griechische Glaubensvorstellungen anlehnt. Zeit-
lich wird man ein derart klassizistisches Stück nicht vor Hadrian, etwa in das
2. Drittel des 2. Jhdts. n. Chr. anzusetzen haben. Irgend eine Verbindung mit
einheimischen Gottheiten, besonders mit der immer thronend wiedergebenen
gallischen Muttergottheit mit den Abzeichen der Fruchtbarkeit, wie Opfer-
schale, Füllhorn usw., die in der interpretatio Romana meist als Abundantia,
gelegentlich auch als Fortuna angesprochen wird und deren großartigste Ge-

s8) Brunn-Bruckmann, Denkm. Taf. 15 oben; M. Bieber, Denkm. z. Theaterwesen im
Altert. (1920) Taf. 6—7; dies. The History of the Greek and Roman Theater (1939)
26 ff. Abb. 30—32; R. Herbig, Das Dionysostheater in Athen II: Die Skulpturen
vom Bühnenhaus (= Antike griech. Theaterbauten Heft 6, 1935) Taf. 11 ob. re.
und unt. li.; 14, 3; 15, 1; danach unsere Taf. 21, 1. Die Reliefs werden jetzt von
Herbig 40 ff. überzeugend in die Mitte des 2. Jhdts. n. Chr. datiert.
39) A. B. Cook, Zeus Bd. I (1914) 708 ff. (mir nicht zugänglich; ich zitiere nach Herbig
a. a. O. 36).
40) Vgl. A. Furtwängler, Griech. Orig.-Statuen in Venedig (Abh. München 21, 2. Teil,
1898/99) 305 ff. und Taf. 5. Furtwängler deutet den Typ wegen des Kalathcs auf
dem Kopf der Replik in Venedig auf Demeter. Dazu kommt jetzt die schöne
Replik wohl einer Hera aus Samos in Berlin: Stephanos f. Th. Wiegand (1924)
12 und Taf. 7; M. Schede, zweiter vorl. Ber. üb. d. Ausgr. auf Samos (Abh.
Berlin 1929, 3) 24 und Taf. 14. Die Statue ist aus pentelischem Marmor, also
attische Arbeit. — Zur Datierung des Typs in die Jahre zwischen 340 und 330
aufgrund stilistischer Indizien s. K. H. Süsserott, Griech. Plastik d. 4. Jhdts.
v. Chr. (1938) 174. Schon Schede a. O. datierte das Stück allgemein in die Zeit
der attischen Kleruchie auf Samos (365—322 v. Chr.). — Die verschiedenartige
Verwendung der einzelnen Repliken des Typus läßt es nicht als ausgeschlossen
erscheinen, daß der Typus schon im 4. Jhdts. einer Statue der 'Aya-Dr) Tuyjj
zugrunde gelegt worden ist. — Wieso der Typus: Eirene des Kephisodot — Tyche
von Melos — Tyche von Theben (s. u.) in dem Typus der Tychen des Phaidros-
Bemas wiederzuerkennen sein soll (so ML. 1359 f.), ist unverständlich.
 
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