Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Da s Buch für Alle.

heft I.



neugierig von oben bis unten betrachtet hatte, lebhaft
auf ihn zuſchritt und lachend rief: „Schluckk Zum
Teufel, Schluck, biſt Du es, oder biſt Du es nicht ?"

Der so Angeredete drehte ſich haſtig um, und als
er dem Beamten genauer in's Geſicht geſehen, lachte
auch er, luſtig und übermüthig, als ob eine längſt ver-
gangene, goldene Zeit wieder vor ihm aufgetaucht wäre.

„Der Sonntag! Wahrhaftig, es iſt Erich Sonntag!
Wie kommst denn Du hierher?“ rief er launig und
momentan Noth und Kummer vergessend, „was machst
Du mit der rothen Mütze auf dem Kopfe hier in Burg-
ſaßhauſen? Ich dachte Dich nicht anders, denn als
wohlbestallten Gymnasiallehrer oder sonst was wieder-
zusehen, der den Schuljungen im Schweiße ſeines An-
geſichts die Feinheiten der lateiniſchen Grammatik bei-
bringt! Und nun haſt Du die alten Schmöker in die
Ecke geworfen und zur rothen Dienstmütze gegriffen?
Was soll das heißen, Schlauch? Du biſt am Ende gar
nicht der Schlauch mehr, mit dem ich in Leipzig auf
dem JFechtboden stand?"

„Doch, doch, Schluck, ich bin noch immer der alte
Schlauch von damals, aber, armer Junge, was iſt aus

Dir geworden? Wie ſiehſt Du aus?Ü"
„Das nachher, Erich,“ erwiederte der Andere etwas
ernſter, „zuerſt Du. Wie kommſt Du hierher?“

„Na, das ist ziemlich einfach. Ich bin zweimal

durch's Examen geraſselt; das hielt mein Alter nicht

aus. Da blieb mir denn nichts Anderes übrig, als

~ als die rothe Dienstmüye.“

„Aha, alſo geraſſell! Die Profeſſoren waren ver-
muthlich anderer Meinung wie Du?“

„Mit konstanter Bosheit. Sie fragten mich stets
nach den tollſten Sachen, als ob es ihnen Vergnügen
gemacht hätte, keine Antwort zu erhalten. Ich hätte
im erften Zorn Einen nach dem Anderen auf krumme
Säbel fordern mögen. Eine anſtändige Abfuhr wäre

ihnen sicher gewesen. Aber es hätte auch das mir nicht

durchs Examen geholfen. Da nahm. ich alſo kurzer

Hand die Dienſtnüte. + Aber nun Du? Wie komnmſt

Du, der Du doch der hellſte Kopf im ganzen Semester
warſt, sſo in's Auweh? Wie ſsiehſt Du aus? Wahr-

haftig, ich halte im Anfang Luſt, Dich der freundlichen

zurſorse. des Gendarmen zu empfehlen. Wo fehlt's?
Erzähle. :
jule junge Mann wurde etwas verlegen, ſah ſich
suchend um, bis ſein Blick auf eine Weinlaube fiel.
g„Haſt Du nichts zu trinken, Erich?“ fragte er ab-
lenkend. „Jch habe einen ſchändlichen Durſt. Du
machst Dir keine Jdee von meinem Durst. Zwei Tage
und zwei Nächte bin ich unterwegs ohne einen Schluck

~ ohne einen Happen ~ Ö
| „Steht es ſo, Max?“ fragte der Andere erſchrocken.
„Ebbe? Tiefe Ebbe? Warum sagſt Du das nicht gleich?
Warte einen Augenblick. Ich muß den Zug ſsignalisiren.
Ich komme ſofort zurück. Setze Dich einen Augenblick
dort in die Laube. Ich komme gleich wieder.“

Damit ging Erich Sonntag in das Bahnhofsgebäude,
und der Andere, Max Hendrich, Kandidat der Medizin,
nach der Laube, um ſich von seinen Amerikafahrten
auszuruhen. Nachdenklich stützte er den Kopf in die
Hand und ließ das Auge über die anmuthige, fried-
liche Sommerlandſchaft, die ſich vor ihm ausbreitete,
schweifen. Rings um das kleine Dorf zogen ſich wogende
Getreidefelder, ſattgrüne Wiesen, da und dort, an den
Hügeln hinauf, rauſchten hochwipflige Buchen- und
Cichenwälder, Alles in der ruhigen Pracht eines heiteren,
sonnigen Juliabennds. Man war der Ernte nahe.
Nächſte Woche vielleicht ſchon begann der Roggenſchnitt.
Die Felder färbten sich ſchon gelb und glänzten reifend
in der Sonne. Mutter Natur brachte in gewohnter
Fülle und mit pünktlicher Sicherheit den Preis eines
sauren, arbeits- und mühevollen Jahres. Alles athmete
HNäulhe und Zufriedenheit, einfachen Wohlstand und ge-
sundes Gedeihen.

Der junge Mann seufzte. Wo war seine: Ernte?
Seine Arbeit? Seine Ruhe? Sein Wohlstand? Wes-
halb war er ausgeſtoßen, verlaſſen, einſam? Er war
leichtſinnig gewesen, hatte, statt sich um eine ſichere
Exiſtenz zu bemühen, in fröhlicher Jugend unter fröh-

lichen Genoſſen sein bischen Geld verzettelt. Von

seinen Hoffnungen auf die Neue Welt betrogen, war
er geworden, was er nun war = ein Habenichts, ein
armseliger, heimathloſer Schelm, der nicht wußte, wo
er sein Haupt hinlegen konnte. Mit hochgehenden
Hoffnungen, mit vollem Herzen war er hinausgeſtürmt
in die Welt, hatte von großen Reichthümern geträumt,
die er zusſammenraffen wollte, um dann nach Burgsaß-
hausen zurückzukehren. Dort wollte er vor ſeinen
Onkel, den Gutsbeſiter Weinhold, hintreten als ge-
machter Mann, um ihm zu beweiſen, daß das Geld,
das er ihm zum Studium vorgeſtreckt, nicht verloren,
daß er ein ganzer Mann und ſeiner Base, der hübſchen
Leonore, würdig ſei. Er wollte beweisen, aller Welt
zum Troy, die ihn als unverbesserlichen Leichtfuß und
Schuldenmacher verschrien, daß seine arme Mutter,
die treu an ihn geglaubt, Recht gehabt, wollte alles
Erworbene der Geliebten in den Schoß werfen ~ für
einen Kuß, einen Blick, ein Lächeln! -+$ Und nun -

"s war wohl nichts, wie? Aber nur Muth.



nun sahen die Zehen durch seine Stiefeln, durch seinen
Rock schien die Sonne, und er war glücklich, einen alten
Korpsbruder zu finden, der ihm ~ zu eſſen gab.

„Da, Max, iß!“ hörte er plötzlich den Beamten
hinter sich ſagen, „und denke vorläufig an nichts Anderes.
Nachher erzähle, wie's war, drüben bei den Ygulecs.
Finma
verſpielt, iſt noch nicht verloren.“

Der junge Mann griff haſtig zu und begann mit
großem Äppetit zu eſſen. Es war ein frugales Mahl.
Etwas roher Schinken und Butterbrod und eine Flaſche
Bier, aber es mundete ihm vortrefflich.

„Was iſt da zu erzählen, Erich,“ meinte er etwas
zögernd. „Die Welt ist eben anders, als ich ſie mir

dachte. Erzähle Du lieber. Wie steht's in Burgſaß-
hauſen? Was macht meine Mutter? Sie lebt doch

noh U wiſ, Max, Deine M2utter iſt wohlauf. Ich
habe ſie noch am letzten Sonntag in die Kirche gehen
hs... wohnt noch auf dem Gut, bei ihrer Schwester?"
„Nein, das nicht, Mar ~
„Was? Man hat ſie fortgeſchickt, die alte Frau?

Fortgestoßen, geächtet, weil sie vielleicht dem protzigen

Herrn Onkel Weinhold nicht reich genug, nicht ſtandes-
gemäß war, weil ſie ihm im Wege

„Wie Du Dich erhiteſt, Max! Höre doch zu. Nichts
von alledem iſt wahr ~

„Und ich elender Landſtreicher muß in der Welt
herumlaufen, kann nicht einmal für mich, um wieviel
weniger für eine alte Mutter sorgen. – Hal!“

Wüthend stieß er mit dem Messer auf den Tiſch,
daß dieser wackelte; sein Gesicht verzog sich, ſeine Hände
ballten ſich krampfhaft, und im raſch ausbrechenden tiefen
Weh ſchluchzte er laut auf.

„Höre doch zu, Max. Dein Onkel bekam im Früh-
jahr Beſuch und brauchte die Räume, die bis dahin
Deine Mutter inne hatte. Ich weiß nicht, ob Deine
Mutter ſelbſt ihm angeboten hat, auszuziehen, oder ob
es ihr der Schwager vorgeschlagen, genug sie wohnt ſeit
etwa einem Vierteljahr im Forſthauſe, wo ſie den ganzen
erſten Stock zur Verfügung hat.“

„Ei ja doch, wie gütig,“ spottete der Andere, ,zwei
Stuben, jede kaum so lang wie ich.“

„Laß doch das gut sein und trinke erſt einmal. Ich

verſichere Dich, Deine Mutter iſt sehr zufrieden mit'

ihrer Wohnung.“

„Nun ja doch, freilich. Muß sie nicht? Mit was
iſt man wohl nicht zufrieden, wenn man muß! Was
iſt denn das für ein hoher Beſuch, dem meine Multer
Platz machen mußte?"

„Du mußt ihn von der Univerſität her kennen, den
Doktor Juſtus Dahlitz ?"

„Den, Sohn des Sanitätsraths Dahlitz ?"

tr q.

"Was will denn der in Burgsaßhauſen?“

„Wer weiß? Angeblich iſt er hier in der Sommer-
friſche, um sich zu erholen. Er arbeitet ſehr viel ~
und das glaube ich auch, denn er war immer ein
mächtiger Streber vor dem Herrn, sieht ſehr blaß aus
und = und bereitet sich eben auf die Universitätskarriere
th! ~Ñ“ fügte Sonntag mit eigenthümlicher Betonung

inzu. :
; "Der Andere sah ihn fragend an. „Was willſt Du
damit sagen?"

„Je nun, Du weißt doch, er iſt Philoſoph von Fach.“

„Ja doch. Und was weiter?"

„Und Du weißt auch, daß eine solche Universitäts-
karriere wenig einträglich iſt, und viel Geld dazu
gehört."

„Nun?

„Die Sache iſt doch einfach. Doktor Dahligz ſucht
seine Universitätskarriere durch eine reiche Heirath vor-
zubereiten und hat dazu das niedliche Töchterchen Deines
Onkels Weinhold ausersehen.“

„Leonore?“ fuhr Mar erſchrocken auf.

Der Andere sah ihn erſtaunt an. An den ängſt-

lich gespannten Augen, an der zitternden Aufregung |

und der bis in die Lippen hinein bleicher gewordenen
Gesichtsfarbe sah er die Wirkung seiner unbedachten
Aeußerung, die er nun gerne wieder ungeschehen ge-
macht hätte, um seinem ohnehin ſchwer geprüften Studien-
hensten den neuen Schmerz zu ersparen. Aber es war
zu spät. :

, FU n doch, Erich, handelt es ſich um Leonore?“
fuhr ihn Max wieder an, als er nicht gleich ant-
wortete.

„Ja doch. Dein Onkel hat ja nur die eine Tochter.
Aber es iſt wirklich nur eine Vermuthung von mir,
Max, und wenn Du, wie ich ſehe, in besonderer Be-
ziehung zu Deiner hübſchen Baſe ſtehſt, ſo brauchſt Du

eben keinerlei Befürchtungen zu hegen. Bis jetzt iſt

nichts geschehen, was darauf hindeuten könnte, daß
Doktor Dahlitz an Terrain bei Deiner Base gewonnen
hätte. Ich habe ſie wohl einige Male zuſammen ge-
ſchet chien gesehen!“ warf der Andere mit athem-
loſer Spannung dazwischen.

Leonore und ich.



„Na, warum denn nicht? Sie wohnen in einem
Hauſe, verkehren täglich miteinander, und ſo kommt es
wohl vor, daß sie auch einmal einen Spaziergang mit-
einander machen. Aber so viel ich beobachten konnte,
bewahrte die junge Dame dabei eine unverkennbare
Zurückhaltung, und wenn ich vorhin meinte, daß Dahlit,
sich Rechnung auf sie mache, so geſchah das nur in
Hinſicht auf die Bemühungen des ſpekulativen Philo-
l.: nicht wegen etwaiger Errungenſchaften seiner-
eits.“

Mar ſprang raſch auf und wandte das Geſicht ab.
Er sah hinunter nach dem Waldſtreifen, der ſich an
beiden Ufern des kleinen Fluſſes hinzog. Sein Ge-
sichtsausdruck war ſchmerzlich, bitter, zornig, und nach
einer kleinen Pauſe sagte er mit ſchneidender Jronie:
„Natürlichh Du willst mir aus alter Freundſchaft
Hoffnung machen. Welcher Unsinn! Die Wahl zwiſchen
einem heruntergekommenen, abgelumpten Strolch wie
ich und einem Mann in gesicherter Stellung, dem eine
hochgeachtete und angesehene Laufbahn bevorsteht, wird
Leonoren keine großen Kopfschmerzen machen.“

Sonntag sah ihn ruhig prüfend an. „Wie das
Elend und der Kummer doch herunterbringt!“ dachte
er bei ſich. Aus dem friſchen, mit ſprudelndem Wit;
und hoffnungsfreudigem Uebermuth ausgestatteten Korps-
burſchen von damals war ein verzweifelnder, an ſich
und der Welt irre gewordener Menſch geworden, der
mit starren und verſtörten Augen in eine troſtloſe Zu-

kunft blickte.

„Was ſiehſt Du denn so starr auf die Bäume dort,
Max?“ fragte er besorgt.

„Sind es nicht hübſche Bäume?“ sragte dieſer noch
immer mit giftiger Jronie zurück, ,„ſind sie nicht ganz
zweckdienlich ?" '

„Zweckdienlich? Zu welchem Zweck?“
am un z Ven Leuhtr Bu uses fis
U ' rel. D zu er-
weisen.“ :

Eine Pauſe trat ein. Endlich nahm der Beante

den jungen Mann am Arn, drückte ihn auf den Stuhl
nieder und ſchob ihm das Bierglas hin.
„Trink, Max, damit Du auf andere Gedanken

kommſt, denn was Du denkst und halbverſchleiert aus-

drückst, iſt eine Versſündigung an Dir Fselbst und eine
Feigheit. Ein Menſch, der mit fünfundzwanzig Jahren,
nach zehn Semestern, ein Staatsexamen abgelegt hat,
um das ihn tauſend Berufsgenoſsen beneideten ~ darf
der ſich ſelbſt aufgeben, wenn einmal ein oder zwei
Jahre sich als unglücklich erweiſen? Wer wird die
Flinte so raſch in's Korn werfen? Muth, Max! Es
fehlte Dir doch sonst nicht daran.“ ;

„Du haſt gut Weisheit predigen. Ich erzählte Dir
noch nicht von Leonore, von meiner Baſe. Es –~

Er brach ab. Eine tiefe Röthe überzog sein Gesicht.

„Nun?“ fragte Sonntag nach einer Pauſe, „nur

friſch heraus. Wir sind unter uns. Du weißt doch,
daß ein Arzt die Wunde kennen muß, die er kuriren
soll. Vorwärts!“
p R ru Lt gu qe U q
ihr damals – war. Das sitzt tief, Erich, und wer
das nicht mitfühlt, dem braucht man die Geſchichte
nicht zu erzählen. Es nügt nichts, er verſteht es doch
nicht. Nur so viel, daß ~ nein, Nichts! Dort ſchau'
hin. Siehſt Du den Apfelbaum im Garten meines
Onkels, der der Mauer links zunächſt steht? Oben
ragt noch ein Staarkaſten aus den Zweigen, den ich
vor vier oder fünf Jahren selbſt gezimmert und be-
festigt habe. Siehſt Du ihn?“ ,

„Nun ja. Was ſoll's mit dem Baum? Ich sehe

ihn. Was iſt damit?“ :
„Dort nahmen wir vor zwei Jahren Abſchied,
Onkel Weinhold durfte natürlich
nichts davon wissen. Ich glaube, er hätte mich ſchon
damals aus dem Hauſe gejagt. Du kennſt ihn ja.
Um wieviel mehr jett, wo ich ~

„Weiter. Nur weiter. Was ſtockſt Du ſchon wieder?"

„Hm. Du mußt wissen –~ mein Sündenregiſter iſt
etwas umfänglich, und es iſt nicht meine Schu.d, wenn
meine Beichte etwas verworren ausfällt. Du mußt
nämlich wissen, daß mir Onkel Weinhold sechs Wochen
vorher dreihundert Thaler gepumpt hatte, damit ich
davon mein Doktorexamen machen könne. Der Edle!
Er hat keinen ſeiner ſchönen Thaler wiedergesehen.“

„Aha. Ich verſtehe. Du machteſt Deinen Doktor
nicht und haſt das Geld verwichst ?“"

„Ja, so iſts. Ich habe die dreihundert Thaler
verwichst und meinen Doktor nicht gemacht, aber es
ging beim besten Willen nicht anders. Als das Geld
in Leipzig eintraf, hatte ich einige kleinere Schulden
da und dort; sobald die Manichäer aber den Brief-
träger bei mir sahen, setzten ſie ſich plötlich in den
Kopf, daß ich diese Schulden bezahlen müsse, und
wichen mir nicht mehr von der Seite. Ich bezahlte
alſo ten Schwindel. Dann kam noch ein Kommilitone,
der mich anpumpte –~ es kommt eben kein Unglück
allein – weil man ihm seine Bibliothek abgepfändet
hatte, kurz, ehe ich noch dazu gekommen war, mich an
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