Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Heft ?7.

Illuſtrirte Familien-Zeitung.










Das heilige Recht.

von

Friedrich IJarobſken.

(Fortſezung.)



; (Nachdruck verboten.)
q n die Familie des Direktors Held ſchlug die
!) Nachricht von Körner's Verhaftung wie ein
YH CVCSM Blitzſtrahl. Der Direktor selbſt hatte das
te; / Kommende allerdings vorausgesehen, aber
22; > es war nicht ſeine Gewohnheit, amtltliche

(. Satchen mit den Seinigen zu beſprechen, und

als Roſa Weber mit todtenblaſſen Wangen

: in ſein Zimmer stürzte und ihn um Aufklä-
rung bat, da trieb er die gewiſſenhafte Auffaſſung der
Amtsverſchwiegenheit ſo weit, daß er sich faſt ſchroff
weigerte, irgend welche Auskunft zu geben.
„Was in den Zeitungen ſteht, das iſt nur aus-
nahmsweiſe die Wahrheit," sagte er in seiner ver-
bitterten Weise, „und Anderes kann ich Dir nicht
mittheilen. Warte ruhig ab, bis die öffentliche Verhand-
lung ein richtiges Urtheil gestattet; nach meiner Auf-
faſſjung liegt der Fall nicht ganz ſo ſchlimm, wie es

vielleicht den Anschein hat.“



Das war natürlich kein Troſt für ein aufgeregten.

Frauenherz, ja, Roſa begriff nicht einmal den Grund,

weshalb ihr nächſter Verwandter, der den Sachverhalt

doch genau kannte, ſich in ein geheimnißvolles Schweigen
hüllte. Es mußte ſchlimmer um Adolph stehen, als
man anzudeuten wagte, ſonſt wäre dieſe Geheimniß-
krämerei eine ſinnloſe Grauſamkeit gewesen.

So dachte sie, aber ſie ſprach mit Keinem mehr.
Die träumeriſche, sentimentale Hülle, die bisher ihre
eigentliche Natur verdeckt hatte, schien plötlich durch
die rauhe Hand eines großen Unglücks zerriſſen zu
ſein; ſie beſchloß, ſelbſtſtindig zu handeln und sich vor
allen Dingen Gewißheit darüber zu verſchaffen, ob der
Jugendfreund nur von einem Schickſalsſchlage getroffen
sei, oder ob eine schwere Verſchuldung vorliege.

Der Weg, den sie ging, war für ein junges, fern
von der Welt erzogenes Mädchen unendlich ſchwer;
ſie begab sich geradenwegs auf das Gericht, deſſen bloßer
Name einer Frau Schrecken einzuflößen pflegt, deſsſen
Betreten ihr ohne männlichen Schuß ~ o sehr wirkt
die Rauhheit vergangener Zeiten in die Gegenwart ~
faſt unmöglich erſcheint.

Es stand gerade eine große Verhandlung gemeinſter
Art auf der Tagesordnung; die Korridore wimmetlten
von Männern, denen das Verbrechen ſeinen Stempel
zgncaufgeprägt hatte, und von Weibern, vor deren Be-
rührung eine anständige Frau die Kleider zuſammen-
rafft; Roſa drängte sich mitten durch das sie frech
anſtarrende Gesindel, erhaſchte endlich einen Genichts-

boten und frug nach dem Bureau des Staatsanwalts. .

Sie kannte Wilde nicht persönlich, aber sie hatte
gehört, daß er ein liebenswürdiger Mann sei, und das
genügte ihr vorläufig. Wilde empfing die junge Dame
mit dem offenkundigen Ausdruck aufrichtiger Theilnahme

Erinnerung, Nach einem Gemälde von D. Maillart. (S. 647)


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