Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Heft 10.

Die Erbſchaft ses Volkes.

Roman aus dem dentſch-franzöſiſchen Kriege.
Z Lax
H. v. Beldrungen.

(Fortsetzung.)





(Nachdruck verboten.)
ettine drückte sich, ſo gut und so raſch es ging,
„_an der Mauer hin, vorbei. Endlich kam sie,
— immer raſcher laufend, faſt athemlos an dem

und das „La chatte noire“ (die ſchwarze
Katze) hieß, an. Einen Augenblick zögerte ſie
ängstlich. Hatte sie ſich nicht doch zu viel zu-
gemuthet? Sie war allein. Wenn man ſie be-
leidigte, was konnte ſie thun? Das Haus lag
trübſselig-finſter da, nur mit elenden Dellämpchen da
und dort nothdürftig erhellt, wie auch die Straßen. Man
hatte keine Kohlen mehr, um Paris mit Gas zu verſorgen.
Welcher Unterſchied gegen früher, wo Alles in strahlendem
Lichterglanz funkelte und gliterte.

Endlich trat ſie mit raſchen, entſchloſſenen Schritten ein.
Im Hausgang war die Kaſſe. Sie mußte einen Franken
_ Eintrittsgeld bezahlen und erhielt dafür einen Zettel, worauf
gedruckt stand, daß sir „une consommation“ frei habe.
Noch betlommener wurde ihr, als sie gleich darauf den
Saal betrat, wo die Vorträge stattfanden. Es war ein
längliches Viereck, das mit Tiſchen und Stühlen angefüllt
und oben mit einer Gallerie verſehen war, wo ſich die
„stalles“, kleine, voneinander abgetrennte Räume oder Logen,
befanden. Die Bühne war ihr gegenüber. Der ganze Raum
war mit Tabaksqualm, mit Abſsynthdunſt und einer Stick-
luft erfüllt, die ihr faſt den Athem benahm. Das Lokal
war voll von Menſchen. Sie fühlte, wie freche Blicke von
allen Seiten auf sie geworfen wurden. „Und hier hatte
er ſich als Kellner verdungen?" fragte sie ſich ſchaudernd.

Zu ihrem Glück war das Publikum gerade von einem
Vortrag in Anspruch genommen. Auf der Bühne stand
ein derbes, robuſtes Frauenzimmer, im kurzen, tauin bis
zum Knie reichenden Röckchen, und sang die Marſeillaise
mit einer rauhen, abgeſchrienen Stimme. In der Hand
hielt sie eine rieſige Tricolore, in die ſie ſich am Ende jedes
Verſes maleriſch drapirte, auf dem Kopfe trug ſie eine
phrygiſche Mühe.

Als der Vortrag zu Ende war, entstand ein Höllen-
lärm. Das Publikum ſchrie, trampelte mit den Füßen,
ſchlug mit den Stöcken auf die Tiſche und fing nun ſseiner-
seits an, den wilden Revolutionsgesang zu ſingen.

îYVBettine zitterte am ganzen Leibe. Sie war bleich ge-
worden und glaubte jeden Augenblick infolge der ſchlechten
Luft in Ohnmacht zu fallen. Sie setzte ſich möglichst abseits
an ein kleines Tiſchchen, an dem noch Niemand saß. Sie
hätte weinen mögen bei dem Anblick, über ein Volk, das
sich in dieſer Weise amüſirte, während draußen vor den
Wällen die Kanonen donnerten und Tauſende von Brüdern
und Söhnen, Vätern und Gatten hilflos blutend im Winter-
froſt auf dem Boden lagen und elend zu Grunde gingen.
Elin Kellner stürzte auf sie zu. Es war aber nicht der,
den ſie suchte. Ein glattraſirtes, nichtsſagendes, übernäch-
tiges, bleiches Trinkgeldergesicht sah sie an.



Illuſtrirte

kleinen Café, das ihr der Portier bezeichnet

H

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S

milien-Zeitung.



;; /A

Jahrg. 1896.















YAnerwartele Koſlgänger.
Driginalzeichnung von O. B lu hm. (S. 239)
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