Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Hlimumumumuuuu



amilien-Zeitung. Inhrg. 1806.



Illuſtrirte F



Der Fund am Strande.
| Roman
) YB. Ryvlercaal-Donia,

T (Fortſezung und Schluß.)





(Nachdruck verboten.)

:(P)eshalb denn? Was für einen Zweck

verfolgten Sie dabei?" fragte der

Unterſuchungsrichter den Assessor.
Dieſer ſah ein, daß er verdächtig

Gut ſich anzueignen.
H Er begriff, daß ihm
B nichts weiter übrig blieb,
als seine Heirathsſpekulation zu gestehen.
Es war ihm dies höchſt peinlich, aber es
ging nicht anders. Der Unterſuchungs-
richter ließ kein dunkles Pünktchen in seinen
Aussagen beſtehen, und Alles wurde zu
Protokoll genommen. Mit knapper Noth
entging Reinhard dem Schickſal, ſelbſt in
Unterſuchung gezogen zu werden; völlig
entlaſtet verließ er das Gerichtsgebäude
nicht. Es wurde ihm auferlegt, während
der Dauer des Prozeſſes im Stadtgebiet
von Hannover zur Verfügung der Behörde
zu bleiben. ö

Der Tag der Verhandlung war her-
angekommen. Die Tribünen des großen
Gerichtsſaales konnten die Menge der
Neugierigen kaum faſſen, welche die Ent-
wickelung dieſes sonderbaren Falles mit an-
sehen wollten. Die helle Septemberſonne
schien durch die Fenster des Saales, deſſen
Leinwandjalouſien herabgelaſſen waren, und
es herrſchte ein freundlich gedämpft-helles

Licht in dem Raume.

Klaus saß auf der Anklagebank, hinter
ihm der Vertheidiger, auf dem Gerichts-
tiſch lag in einer Holzſchale das bare Geld,
welches Klaus noch besſeſſen, der Depot-
ſchein der Londoner Bank, daneben die
Bricfcohe und die am Strande gefundene
Taſche.

Der Staatsanwalt las die Anklage vor.
„Bekennen Sie ſich ſchuldig ?“ frug der
Präsident, sich an Klaus wendend.

„Ja,“ erwiederte dieſer. ,Ich that
das, was die Anklage mir zuſchreibt, weil
mich das elende Leben, welches ich auf der
Insel führen mußte, zur Verzweiflung ge-
trieben hatte, und ich die Kraft in mir
fühlte, etwas zu wirken und zu ſchaffen,
das mehr war und höher ſtand, als Körbe
zu flechten und Netze zu stricken. Ich wollte
das Geld auch keineswegs behalten. Nur





sei, verſucht zu haben, gestohlenes

so viel beabsichtigte ich davon zu brauchen, um nothdürftig
einige Jahre leben und mein Malerſtudium beſtreiten
zu können. Später wollte ich das Fehlende wieder er-
ſeßen und dann die ganze Summe dem Vorſtande der
Insel einsenden. Ich glaubte durch ein solches Ver-
fahren Niemand». zu ſchädigen, ich hatte keine Ahnung,
daß die Verunglückte noch lebe, ſondern sah das Geld
als Strandgut an."

So ſprach Klaus ruhig und mit dem Ton über-
zeugender Wahrheit.
dichtgedrängten Tribünen, und die Richter neigten die
Köpfe zu einander. :

Der Staatsanwalt erklärte, daß Geld und Geldes-
werth, welches Angeſchwemmte am Leibe trügen oder
sonst irgendwie mit ſich führten, nie als Strandgut
betrachtet werden könne.

Gegen Klaus wurde als Zeuge aufgeführt der Aſseſſor



Hholographie einer Damenhand,
nach dem Roentgen’ſchen Verfahren aufgenommen von P. Spies in Berlin 1896. (S. 383)

Es entſtand Gemurmel auf den



Reinhard, der jedoch nichts weiter aussagen konnte,
als daß er Klaus in New-York abreiſen geſehen und
in Paris dann mit ihm eine ſtürmiſche Begegnung ge-
hret hebe, als er die Herausgabe des Geldes von ihm
orderte. |

Belaſtungszeugen gab es ſonſt nicht gegen Klaus,
und so kam jetzt der Vertheidiger zum Wort. Er
schilderte Klaus als einen hochbegabten jungen Mann,
zum Beweis dafür las er Zeugniſſe des Profeſſors
Bonnier und einiger seiner Kollegen vor, eine phantasie-
volle Künſtlernatur, die durch das Elend und die Enge
des Lebens auf der Insel zu dem verzweifelten Entſchluß
getrieben worden sei, mit dem gefundenen Strandgute &
denn als solches ſehen die Schiffer auf der Jnſel all-
gemein auch das Geld an, welches Todte mit ſich
führen — zu einer höheren, edleren Stufe des Daseins
ſich aufzuſchwingen und seiner Begeiſterung für die
Kunst Cenüge leiſten zu können. Daß
Klaus den feſten Willen hatte, das Geld
so wenig wie möglich anzutasten, könne er
beweisen durch eine einwandsfreie Zeugin.

Miß Johny, die gleich Maria auf den
Wunſch des Vertheidigers zu der Ver-
handlung herbeigeeilt war, wurde in den
Saal geführt. Sie warf einen ſchmerz-
lichen Blick auf Klaus und ſagte aus:
„Ich lernte diesen Herrn in der Penſion
Bovery in New-Yorkt kennen. Er fiel mir
auf durch ſeine Schweigſamkeit und Zurück-
ßz'sryſit Fr rank kues Erurtet 2u1
Grade sparſam und zeigte ſich ängstlich bei
jedem Cent, den er ausgeben mußte. Herr
Gehren arbeitete den ganzen Tag. Ich war
fins Stubennachbarin und konnte das be-
obachten."

Miß Johny erröthete etwas und ſchwieg.

Die Sache mit dem Schriftendiebſstahl
hatte man nach einer bereits vorher ſchrift-
lich gemachten Aussage Miß Johny's fallen
laſſen. Sie kam jett nicht mehr zur Sprache.

Nun kam Maria an die Reihe.
sah vor sich nieder und warf auf Klaus
keinen Blick. Ihr Gesicht war bleich, und
sie athmete ſchwer.

Der Vertheidiger flüsterte Klaus einige
Worte zu. Dieser richtete den Blick auf
Maria und war im Begriff aufzuſpringen.
Der Vertheidiger aber drückte ihn schnell
auf seinen Sitz nieder.

Im Publikum entſtand eine große Be-
wegung, denn blitzſchnell hatte sich das
Gerücht verbreitet, dies ſei die Gerettete
und Beſtohlene.

Maria wurde gefragt hinsichtlich deſſen,
was sie in Paris an dem Angeklagten be-
obachtet. Sie sagte aus, daß der Herr
fleißig kopirte und für nichts als für ſeine
Kunſt Sinn zu haben ſchien, denn er war
ſtets bei der Arbeit. Sie habe den Herrn
oft im Louvreſaal bei der Arbeit gesehen,
jedoch nur einmal einige Minuten ge-

Jprochen.

Sie..
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