Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Iluſtrirte Familien-Jeitung.

Iahrg. 1896.





Der Fund am Strande.

Roman

von

î cFortſezgung.)



(Nachdruck verboten.)

aria ward im Gespräch mit Reinhard

) \® allmählich munterer, sie vergaß zeitweise

ihr Unglück und war dem gebildeten

F !.) fbr qe Yuerhetung karktor

ziehend fand. . :

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Reinhard begab sich dann auf ſein Zimmer und ging
nachdenklich mit starken Schritten in dem kleinen Raum
auf und niede. Das Mädchen hatte einen großen
Eindruck auf ihn gemacht, einen noch größeren jedoch
ihre Traumerzählung und die Unterſuchung der Taſche.
Dies hatte neben einem anderen Intereſſe auch seine
alte Vorliebe für das Kriminalistisſche erweckt. ,„Durch
keinerlei Umherwerfen, durch keinerlei Wellen-
ſchlag,“ so überlegte er, „konnte die Ledertaſche
von ſelbſt aufgehen. Es mußte sie Jemand ge-
öffnet haben. Im Boote konnte dies nicht ge-
schehen sein, alſo nur hier am Strande. Es
hatte alſo hier Jemand das Geld herausge-
nommen. Der Pfarrer hatte die Taſche ſchon
offen und leer gefunden, und zwar früh am
Morgen. Also ſchon in der Nacht war das
Geld entwendet worden. Die Inselbewohner
hatten in jener Nacht keine Veranlassung ge-
habt, an die See zu gehen. Einzig von dem
Klaus Gehren war es bekannt, daß er des Nachts
sein Haus verlaſſen hatte, und in derselben
Nacht war er ſpurlos verſchwunden. Die Ver-
unglückte hatte außerdem eine Vorstellung ge-
habt, als ob sie unter einem Schiffe gelegen
habe, dort hervorgezogen und von einem Manne
weiter hinauf an den Strand getragen worden
sei. Das Alles zuſammen war doch höchſt ver-
dächtig."

ht. jener Mann wirklich die große
Summegenommen hätte,“ dachte Reinhard weiter,
„und ich ihn auffände und das Geld wieder
herbeibrächte, ſo müßte das Mädchen die größte

Dantkbarkeit für mich haben. Könnte da nicht
mein Glück noch blühen? Ich legte meine
Stellung als Beamter nieder, wir gingen nach
Berlin, ich errichtete ein Advokatenbureau –~

Diese Vorstellungen berauſchten ihn faſt, seine
kleinen Augen leuchteten und sein bleiches Ge-
ſicht röthete ſich. „Unsinn, Unſinn!“ rief er
dann wieder faſt laut. „Ein Gebäude aus Muth-
maßungen, Folgerungen aus Phantasien. Jener
Mann liegt vielleicht hundert Fuß unter flüſſsigem

Sande, und die Brieftaſche mit dem Gelde
auf dem Meeresgrunde. Wie kann nur ein alter





Knabe, wie du, einem solchen Märchengebilde, einer
solchen Wunſchphantaſie nachhängen !“

Jedoch troy allen Weglachens seiner Folgerungen
und Muthmaßungen drängte immer wieder ein gewisses
kriminalistiſches Etwas sich ihm auf, das sprach : „Das
Versſchwinden jenes Klaus Gehren iſt verdächtig, es ſteht
in Verbindung mit dem Verluſt der großen Summe,
welche in der Ledertaſche war." Seltſam hartnäckig erhob
sich immer wieder dieſe innere Stimme und rief ihm
zu: „Spüre dem Geheimniß nach, ſpüre nach Fäden,
die zu jenem Klaus führen. Hier kannſt du dein Glück
erjagen und erringen !Ú

Unter solchen sich bekämpfenden Gedanken ſuchte
erſt ſpät Reinhard sein Lager auf und verfiel bald in
“tres h Schlaf, der allem Zweifeln und Sinnen
ein Ziel sette.

Als er am nächſten Morgen erwachte und aus dem
Fenſter zu den weißen Dünenhügeln schaute, auf welche
die Herbſtſonne herablächelte, fiel ihm sofort der Strand
ein, und vor ſeinem inneren Auge ſtand jetzt deutlich
wieder das Bild der Auffindung des Mädchens.

„Nein, das Geld iſt nicht verſunken, nicht verloren,
sondern geraubt, geſtohlen,“ stieß er faſt laut hervor,
„entwendet von dem Menſchen, den sie in ihrer Be-
wußtlosigkeit traumhaft wahrnahm. Dieser Menſch iſt



Niemand anders, kann Niemand anders ſein als jener





Wen Davies. (S. 287)

Klaus Gehren, der von der Jnſel entflohen iſt, vielleicht
gar mit jenem Boote, welches die Schiffbrüchige auf
die Inſel brachte!“ '

Er kleidete ſich ſchnell an, nahm eilig den Kaffee
ein und begab sich zu den zerſtreuten Häuſern des
Dorfes, um sich überall nach den Vorgängen der Auf-
findung des Mädchens und dem Verſchwinden des
Klaus Gehren genau zu erkundigen. Durch dieſe Nach-
forſchungen im Dorfe erlangte er die Gewißheit, daß
Niemand von den Einwohnern der Insel in der frag-
lichen Nacht das Haus verlaſſen und sich nach dem
Strand begeben hatte. Es lag auch hierzu gar kein
Grund vor, da keinerlei Nachricht von einer Schiffs-
ſtrandung an die Insel gelangt und daher eine etwaige
Anſchwemmung von Gütern nicht zu erwarten war.
Ueber Klaus Gehren sagte man ihm übereinstimmend,
daß dieſer ein seltſamer Menſch gewesen sei, der nie
in das Wirthshaus ging, stets einſam und abgesondert
ſich verhalten, gezeichnet, gemalt, allerhand Thiere be-
obachtet, die Flöte und Geige geſpielt und immer mit
dem Wunſch ſich getragen habe, die Inſel verlassen zu
können. Man hielt ihn für nicht ganz richtig im Kopfe
und glaubte, daß er in seiner Verrticktheit den Tod im
Saugſand gefunden.

Der Assessor machte nun auch der Mutter des Ver-
schwundenen einen Beſuch, und was er hier erfuhr, be-
| stätigte nur seinen Verdacht und entwickelte in
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über den Durchſchnittsinſulanern stehen mochte.
Die Angaben der Mutter befestigten seine Ueber-
zeugung noch mehr, daß Klaus in jener Nacht
an dem Strande gewesen ſei, das Mädchen ge-
funden, die Taſche geöffnet, das Geld an ſich
genommen habe und mit Hilfe des Bootes in
das Meer hinaus entflohen sei. Und es bemäch-
tigte ſich des leidenſchaftlich nach Geld und Be-
haglichkeit ſtrebenden Mannes eine wahre Wuth
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Er ſchwor sich zu, alle seine Kräfte daran
zu setzen, sſelbſt seine mühſam errungenen Er-
ſparnisse dafür aufzuwenden, dem Verſchwun-
denen nachzuforſchen und die große Summe
wieder herbeizuſchaffen. ~

Das Fährboot brachte vom Feſtlande die
Poſt auf die Inſel. Diese enthielt einen schwarz
geränderten Brief für Maria Ribera. Er kam
von Hamburg und betraf die Tante. Der Sohn
derselben meldete der Verwandten, daß seine ſchon
längere Zeit kränkelnde Mutter in der vergange-
nen Nacht ganz unerwartet an einem Herzſchlag
verſchieden sei. Das Hausweſsen der Verſtorbenen
würde aufgelöst werden, und man wiſſe jetzt
nicht, wohin man die Verwandte bringen ſolle.

Diese Nachricht versetzte Maria Ribera in
die ſchmerzlichſte Betrübniß und drückte sie auf
das Tiesste nieder. Das Schreiben war ſo kalt
und förmlich und abweisend in Ton und Wor-
ten, daß es sie wahrhaft durchfröſtelte. Sie
war keinen Augenblick darüber in Zweifel, daß
ſie von ihren Verwandten in Hamburg keinerlei
Unterſtitung und Hilfe zu hoffen habe und
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