Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Heft 3.



Illuſtrirte Familien-Zeitung.

Jahrg. 1896.







Die Erbſchaft des Volkes.

Roman aus dem deutſch-franzöſiſchen Kriege.

: Von
L YH. v. Heldrungen.
u Ö

(Fortſetzung.)





[.f ich möchte so gern einige Us. Uri s
’ einmal in der Nähe ſehen,“ meinte Fräu-
lein Bettine. „Jch habe
noch nie welche gesehen.
Iſt es wahr, daß ſFie
Talglichter eſſen und
S Spiritus trinken?“

„Bah –~ und man-
ches Andere vielleicht noch,“ meinte
Lieutenant Saint- Roche leichthin,
vielleicht nur, um seiner ſchönen
Partnerin nicht Unrecht zu geben.
In Wahrheit wußte er über die
deutſchen Lebensmittel nichts, was
Der Rede werth geweſen wäre, und
muſſterte momentan ſeine weißen,
außerordentlich zierlichen und wohl-
gepflegten Hände, ſchnippste mit dem
Finger flüchtig-elegant ein Stäubchen
von seinem nagelneuen Uniformrock
und beschloß seine kleine, maleriſch
gegensätzliche Poſe, indem er mit
dem Fuß den blank geputzten Degen,
der einen vergoldeten Griff hatte,
hinter sich warf.

Fräulein Bettine konnte nicht
umhin, die Absicht dieses Manövers
zu bemerken. Der kleine Lieutenant
wollte ſich nach der eben stattgefun-
denen Schilderung der deutſchen
Bärenhäuter in ein vortheilhaftes
Licht setzen, und das gelang ihm auch
vollſtändigz. Er war werirklich ein
hübſcher junger Mann, mit vollen,
ſchwellenden Lippen, gesundem Teint,
feurigen Augen und einer ungeſuch-
ten, nachläſſigen Eleganz, die ſich
auch in der Uniform nicht verleugnete.
Die Stiefeln ſaßen so fein und prall,
die Hoſe fiel in ſo untadelhaften
Falten, die feine Wäſche glänzte so
friſch weiß, wie man das nur von
einem Pariser Lieutenant verlangen
konnte. Fräulein Bettine hätte blind
sein müssen, wenn sie den Gegensatz
nicht hätte merken Jollen.

„Was iſt denn das für ein
Rollen?" fragte die Marquiſe nach
einer kleinen zufälligen Stille, die
in dem Thurmzimmer entstanden
war. „Iſt denn ein Gewitter im
Anzuge ?"



„Ein Gewitter? Warum nicht gar," antwortete ihr
Sohn, riß aber gleichzeitig raſch ein Fenster auf, um
das Geräuſch beſſer zu hören.

Wie von einem geheimen Gedanken beherrſcht, den

auszusprechen ſich aber Jeder fürchtete, lauſchten jezt |
HManquiſe etwas nervös auf, „man wird sich doch nicht

Alle mit athemloſer Spannung hinaus in den Sommer-
tag. Das Geräuſch, das ſich anhörte, etwa als ob in
der Ferne ein ſchwerer Laſtwagen über eine Brücke gefahren
wäre, kam von Norden oder Nordoſten her, gerade aus
jener Himmelsrichtung, wo ihnen die Fernsicht durch vor-
gelagerte Hügelketten verſperrt war. Ein eigenthüm-
liches ſtampfendes Rollen, das vielleicht sehr weit her-

kommen mochte, das aber gleichwohl dem Gespräch im



Marquis v. Salisbury, der neuernannte engliſche Iremierminifter. (S. 63)



Salon des Château rouge ein Ende machte und die
Herzen ſchneller ſchlagen ließ.

„Das iſt Kanonendonner,“ bemerkte plötlich einer
der älteren anweſenden Offiziere. .

„Um's Himmels willen, Herr Kapitän,“ fuhr die

in so unmittelbarer Nähe von uns ſchlagen ?“

„OD, nur keine Furcht. Das iſt noch meilenweit."

„Aber das hört ja gar nicht wieder auf,“ liſpelte
Fräulein BVettine ſchmollend, „man wird doch nicht etwa
gar eine Schlacht ſchlagen?“

G. U Met se zuuu eue Lutten
" wird. Das Korps de Failly iſt ja noch
nicht eingetroffen. Gegenwärtig kann
es ſich nur um ein kleines Schar-
juel oder eine Rekognoszirung
andeln.“ ;

Aber die Beruhigungen wollten
doch nicht mehr recht verfangen. Die
sorglos heitere, übermüthige Stim-
mung, in der sich die Tiſchgeſellſchaft
bisher befunden, war fort und machte
einer gewissen Unsicherheit und Be-
klemmung Platz. Plötlich ſchmetterten
aus den etwas tiefer liegenden Kan-
tonnements der Truppen, zu denen
die Gäste der Frau Marquise d'Aulnay
gehörten, Alarmſignale herauf.

„Mein Gott, mein Gott, was
U! denn vor?“ rief die Marquiſe
entſetzt.

„Ei nun, meine Gnädigste, das
iſt im Kriege einmal nicht anders,“
rief Kapitän Didier, „wir müſſen
eben aufbrechen. Vorwärts, meine
Herren! – Meine Damen, wir sind
troſtlos, aber die Pflicht ruft. Haben
Sie keine Sorge, dieſe Herren Preußen
werden dieſe freche Störung theuer

.

tetshlcn use nahmen die Gäſte
der Frau Marquise Abschied, nur ihr
Sohn blieb zurück. Er hatte bis
morgen früh fünf Uhr Urlaub erhalten.
In dieſer Zeit würde sein Regiment
iu t Nähe ſtehen und er zu ihm
toßen.

„Vergesſſen Sie nicht, Herr Lieu-
tenant, was Sie mir. verſprochen
haben,“ flüſterte Fräulein Bettine
noch hastig und halblaut.

„Sie ſollen mit mir zuſrieden
ſein, " erwiederte der hübſche, elegante
Lieutenant mit einer tadellos korrekten
Verbeugung.

Wenige Minuten später ſah man
die Offiziere in aller Eile durch die
Weinberge, die das Château rouge
am Südabhange umgaben, hinab-
laufen zu ihren Truppentheilen.

In den Dörfern rings um das
Schloß, so weit man sie von da aus
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