Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

Page: 473
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1896/0484
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile


T
+

f



U!










| Heft 20.

G r ärh tet.

Roman

von

(Fortsetzung.)



(Nachdruck verboten.)

Z ein Gott, sollten wir dennoch nicht früh

> genug Ihnen zu Hilfe gekommen sein ?"
S| rief der Reiter, als er Elisabeth erreichte.
> [ \V „Wie blaß Sie sind, mein Fräulein!

[MI M; Und Sie halten ſich kaum noch im Sattel !

' te.) I Hatten diese wilden Bestien Ihnen be-
i reits ein Leid zugefügt?“

.) t Cliſabeth schüttelte verneinend den
Kopf, aber ihre weitgeöſfneten, schönen Augen hingen
noch immer mit ſtarrem Ausdruck an dem Gesicht des
Fragenden, wie wenn sie kein Wesen von Flkeiſch und
Blut, sondern ein dem Grabe entsſtiegenes Gespenst in
ihm zu sehen vermeinte.

„Nichts – mir iſt nichts geſchehen !" brachte
ſie mühſam, beinahe tonlos hervor. „Jhre Hilse
kam zur rechten Zeit. Ich danke Ihnen, mein
Herr, aber ich bitte Sie, laſſen Sie mich vor
Allem erfahren, wem ich die Erhaltung meines
Lebens schulde.“

Unter dem Schnurrbart des Offiziers zuckte
es ſeltſam. Er wandte sich im Sattel und
gab seinen Leuten einen Wink, weiter zurück
zu reiten. Dann ſagte er, wieder die Hand
an seine Kopfbedeckung legend: „Major Sir-
tus, mein gnädiges Fräulein, Führer eines
therÑs? in preußiſchen Diensten stehenden Frei-
orps.“ /

ü ſchrie Elisabeth auf. „So ist
es doch keine Täuſchung, keine zufällige Aehn-
lichkeit! - Herr v. Plothow — Sie ſind es?“

„Bis vor acht Jahren nannte man mich

allerdings so, Fräulein v. Marschall! Da-
mals aber habe ich meinen ererbten Namen
für immer abgelegt. Ich bin der Major Sixtus
~ Jonſt nichts, und ich bitte Sie, zu vergessen,
dh es jemals einen Herrn v. Plothow ge-
eben.'
f Es war kein Zweifel, daß er vom erſten
Augenblick an gewußt hatte, wen er in der
Geretteten vor ſich ſah. Aber in seinem Be-
nehmen zeigte ſich nichts von beglückter Ueber-
raſchung und jubelnder Freude über diese
Wiederbegegnung, die so wunderbar war, daß
Cliſabeth ſich noch immer in einem Traum zu
befinden wähnte. Höflich und ritterlich, doch
mit unverkennbarer Zurückhaltung, hatte er
ihr Rede gestanden, und namentlich seine letzten
Worte klangen so ernſt und dringend, daß
ſich das junge Mädchen davon im tiefsten Herzen
getroffen fühlte.

„Wenn Sie es so wünſchen, Herr Major,

Iluſtrirte Fa







milien-Zei
werde ich Sie gewiß niemals bei Ihrem alten Namen
nennen. Aber daß ich die Vergangenheit vergesſſe, nein,
das werden Sie nicht im Ernſt von mir fordern. Sind
doch meine Gedanken seit acht Jahren unablässig bei
dieſer Vergangenheit geweſen, und habe ich doch nie-
mals aufgehört, mich als die Urheberin Ihres Un-
glücks anzuklagen. Wie dürfte ich hoffen, daß Sie mir
je verzeihen werden, wenn Sie es mir verbieten, von
meiner alten Schuld mit Ihnen zu ſprechen !“

Das Pferd des Majors begann plötzlich unruhig
zu werden, und die Nothwendigkeit, es zu beſänftigen,
erſparte ihm den Zwang einer ſofortigen Antivort.
Als er es nach Verlauf einer Minute wieder an Eliſa-
beths Seite gebracht hatte, sagte er mit wohlabge-

mesſener Ehrerbietung: „Von einer Verzeihung, mein

gnädiges Fräulein, kann ſchon deshalb keine Rede sein,
weil es nichts gibt, das ich Ihnen zu verzeihen hätte.

Bedarf es indeſſen noch weiterer Versicherungen, um

Sie davon zu überzeugen, so bin ich mit Vergnügen
bereit, ſie Ihnen zu geben ~ nur nicht in diesem
Augenblick, wo Sie dringend der Erholung und viel-
leicht auch einer kleinen Stärkung bedürfen. Der Weg
bis Lasdehnen ist weit. Sie können ihn unmöglich zu-
rücklegen, ohne sich zuvor für den langen Ritt ge-
kräftigt zu haben. Die Gastfreundschaft, die ich Jhnen



Adrien Lachenai, Wundespräſident der Schweiz für 1896. (S. 479)

tung.



Iahrg. 1896.



zu bieten vermag, iſt zwar nur von der allerbeſcheiden-
ſten Art, doch ich hoffe, daß Sie sie unter den ob-
waltenden Umſtänden trotzdem nicht verſchmähen.“

Eliſabeth wäre am liebſten in Thränen ausge-
brochen, so weh that ihr die kühle Fremdheit in seinem
Wesen. Für sie war ja dies Wiederſehen das größte,
das herrlichſte Ereigniß ihres Lebens ~~ eine Befreiung
von jahrelanger Gewissensqual, ein Wunder, wie es
selbſt ihre ausſchweifendſten Wünſche seit Langem nicht
mehr zu erhoffen gewagt. Sie würde laut aufgejubelt,
würde dem Wiedergefundenen, der ja in ihren Augen
ein vom Tode Erstandener war, voll überſtrömender
Herzensfreude ihre beiden Hände dargereicht haben,
wenn in seinen Worten oder in seinen Mienen auch
nur das kleinſte Zeichen gewesen wäre, daß er ihre
Empfindungen theile. Statt desſſen aber hatte er sie
begrüßt, wie irgend eine gleichgiltige Bekanntschaft aus
vergangenen Tagen, ohne Groll und ohne Herzlichkeit,
in jenen tade!los höflichen Formen, die ihm durch seine
Erziehung vorgeschrieben waren. Ihre Dantkbarleit
gegen das Geschick, das ihn am Leben erhalten, und
ſie ſo vor der ſchwerſten Schuld bewahrt hatte, war
zwar dadurch nicht geringer geworden ; die ſchmerzliche
Enttäuschung jedoch träufelte einen gar bitteren Tropfen
Hr peu Vettez three Freges. gesprochenen Dankeswort
hatte ſie das Anerbieten des Majors ange-
nommen, und nun ritt er im vorsichtigsten
Schritt 'an ihrer Seite, immer darauf bedacht,
ihr sofort Beistand leiſten zu können, falls sie
unterwegs von einer Schwäche befallen würde.
Sein Gesicht, das in diesen acht Jahren noch
edler und männlicher geworden war, hatte
einen tief bekümmerten Ausdruck angenommen,
und als sie einmal ſcheu zu ihm aufsah, glaubte
ſie in ſeinen Augen eine beinahe düſtere Trau-
rigkeit zu lesen. Sie wagte nicht, eine Frage
an ihn zu richten, obwohl ſie ſich vergebens den
Kopf darüber zerbrach, wie er mit seinen Sol-
daten gerade hierher gekommen sein möge.
Denn hier gab es ihrer Ansicht nach für eine
Militärabtheilung nicht das Geringste zu thun,
und sie begriff nicht einmal, wo die vielen Leute
mit ihren Pferden Unterkunft gefunden haben
konnten. Da ihre von Minute zu Minute
wachſende Befangenheit ihr verbot, dem Blick
des ſchweigſamen Begleiters allzu oft zu begeg-
nen, wandte sie ſich wiederholt nach den Hu-
ſaren zurück, die ihnen in geringer Entfernung
folgten. Dabei machte sie erſt jettt die Wahr-
nehmung, daß die Uniformen der Leute Ab-
zeichen trugen, wie sie solche nie zuvor gesehen
hatte, und daß sie überdies abgetragen, geflickt
und verblichen waren. Nur der Umſtand, daß
ſich die Pferde durchweg in vorzüglichster Ver-
faſſung befanden, und daß die Reiter ausge-
zeichnet im Sattel saßen, konnte der kleinen
Truppe auf den ersten Blick ein leidliches
Ansehen geben; bei näherer Betrachtung er-
ſchien ſie verwahrlost und abgerissen, wie es
sonst nur in Kriegszeiten erklärlich iſt.

Der stumme Ritt führte eine kurze Strecke
durch den Wald, welcher der jungen Herrin
loading ...