Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Or änhtet.
: Rontien.

von
Lokhar Brenkendorf.

(Fortsetzung.)



(Nachdruck verboten.)

! dunkel ahnen, daß Charlotte trotz aller
. Verſprechungen ihren Spott mit ihm treibe,
aber als er dann mit sſcheuem Seitenblick
über ihr Gesicht hinwegstreifte, wurde er
durch den ehrlichen Ausdruck deſſelben doch
wieder beruhigt.
„Hm!“ machte er, „äußersſt ſchmeichel-



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haft, in der That, ich bin glücklich über ein Lob aus
solchem Munde! Aber wenn mir das Fräulein v. Mar-
ſchall, wie Sie damit nun ſchon verrathen haben, über-
haupt die Ehre erwies, ſich mit meiner Wenigkeit zu

beſchäftigen, so dürfte sie doch noch einiges
Weitere über mich geäußert haben. Ist es
nicht so, Fräulein Charlotte?"

„Es mag wohl sein, aber ich werde es
Ihnen nicht sagen.“

„Ah, das iſt nicht freundschaftlich. Und
weshalb soll ich vergebens darum bitten?"

êÑHErſtens, weil ich Sie nicht noch eitler
machen will, als Sie es leider ſchon ſind, und
zweitens, weil ich Jhnen keinen Kummer berei-
ten möchte. Denn das Eine wie das Andere
würde ſicherlich geſchehen, wenn ich Alles
ausplaudern wollte.“

Der Lieutenant dachte ein wenig nach,
aber das Ergebniß dieſes Nachdenkens befrie-
digte hu “üs denn mißvergnügt ſchüttelte
er den Kopf.
gaHDoas iſt mix zu dunkel. Seligkeit und
_ Verdammniß in einem Athem. Wahrhaftig,
Sie hätten in Delphi als Pythia auf dem
Dreifuß ſitten können, Fräulein v. Menzelius !"

,„ZJIch kann nicht beurtheilen, ob das ein
Kompliment ist, denn ich habe nicht die Ge-
lehrſamkeit des Herrn Lieutenants unb weiß
nicht, was für ein Frauenzimmer dieſe Pythia
geweſen. Aber wenn ich so offenherzig sein
ſoll, könnte ich zuvor doch wohl auch einige
Offenheit verlangen. Ehrlich geſagt, Herr
v. Kapniſt: weshalb liegt Ihnen fo viel daran,
die Meinung Cliſabeth’'s über Sie zu erfahren?“

„Weil - weil — nun, Sie haben es ja
doch ſchon längst errathen ~– weil ich im Be-
griff bin, dem gnädigen Fräulein mein Herz
und meine Hand anzutragen.“ ;

Aus den braunen Schelmenaugen war mit
einem Male auch das letzte Spottteufelchen
verſchwunden. „Wirklich? Darauf haben Sie
ſich Hoffnung gemacht? Armer Herr Lieute-
nant, Sie thun mir von Herzen leid!“

: Iluſtrirte

war mochte . der Lieutenant v. Kapniſt





Familien-ZJei

Mit höchſt verblüffter Miene nahm er diesen un-
verkennbar ganz ehrlich gemeinten Ausdruck des Be-
dauerns entgegen. „Jch thue Ihnen leid? Das heißt
alſo, Sie meinen, daß es eine Vermessenheit wäre, und
daß ich nicht würdig bin ~ j

Fräulein Charlotte proteſtirte durch eine verneinende
Kopfbewegung. „Nicht doch! Sie könnten noch hundertmal

besser tanzen und Sie könnten ein Fürst oder gar ein

Herzog sein, Eliſabeth würde Sie doch nicht nehmen.

Denn ſie heirathet überhaupt nicht – niemals! Das
hat ls der Mutter i Y sinent Betſei gtd erl.

„Jun, wenn es nur das iſt! Solche Gelöbniſse
einer jungen Dame muß man llt gar zu ernsthaft
nehmen." .

M lein v. Menzelius ſstrafte ihn mit einem streng
verweisenden Blick. „Wenn diese junge Dame Cliſabeth
v. Marſchall heißt, Herr Lieutenant, dürfte es doch rathſam
sein, eine Ausnahme zu machen. Ein Wort aus ihrem
Munde iſt genau so viel werth, wie das Wort irgend
eines Kavaliers. Wäre es ihr nicht heiliger Ernst damit,
ſie hätte wohl kaum auf Jhren ehrenvollen Antrag zu
warten brauchen. Seitdem vor fünf Jahren der General

v. Marſchall auf dem Felde der Ehre den Heldentod

gestorben iſt, haben sich bis zum heutigen Tage nicht



Eberhard Freiherr von der Recke von der Horſt,
preußiſcher Miniſter des Innern. (S. 430) :

tn



nag. Iahrg. 1896.

weniger als sechs tadelloſe Edelleute um ihre Hand be-
worben. Sie ſind der ſiebente, Herrn v. Kapniſt &
Uh uettt bie auch vielleicht der ſchönſte und geist-
reichſte ſind – i ;

Jetzt war es an dem jungen Offizier, sie abwehrend
zu unterbrechen. „O, ich bitte gehorſamſt; das gnädige
Fräulein braucht die Pille nicht noch bitterer zu machen;
ſie will ohnedies schwer genug hinunter. Sechs Be-
werber und sechs Körbe! Alle Teufel! Pardon, es
fuhr mir nur so heraus. Aber das muß doch irgend
eine Ursache haben. Vielleicht eine unglückliche Liebe –“

Charlotte v. Menzelius zuckte die Achſeln. „Sie
ſpricht nicht darüber. Aber ich denke mir, daß sie einen
gefallenen Offizier auch über das Grab hinaus die
Treue bewahrt. Sie hat einen so starken Charakter :
und denkt so viel größer und edler als alle anderen
Menſchen, die ich kenne; mehr als einmal vermöchte
ſie gewiß nicht zu lieben.“

„Nein," stimmte der Lieutenant aus voller Ueber-
zeugung zu, „dazu wäre sie ſicherlich nicht im Stande.
Aber es iſt ſchade, sehr schade, ich hatte mich so darauf

efreit.! i G

hf Er sah äußerſt betrübt aus und ſchaute recht weh-

leidig vor sich hin. Eine kleine Weile verharrten sie
Beide in bedrücktem Schweigen; dann rückte
Charlotte ein wenig näher zu ihm heran und
ſagte im Tone einer freundlichen Tröſterin:
„Sie müſſen es mannhaft überwinden, Herr
v. Kapniſt! Es thut mir herzlich leid, daß
ich Jhnen keine beſſere Auskunft geben konnte;
aber am Ende ~ am Ende hätten Sie doch
gar nicht zu einander gepaßt.“

Er behielt zwar noch immer seine nieder-
geschlagene Miene; aber der theilnehmende
Zuſpruch that ihm sehr wohl. ..

„Weshalb meinen Sie das, Fräulein
Charlotte?“ fragte er kleinlaut. „Etwa weil
ſie mir an Alter gleich iſt oder vielleicht
ſogar noch ein paar Monate älter iſt als ich ê"

„Nein, nicht darum! Elisabeth ist jung
und schön mit ihren fünfundzwanzig Jahren,
wie sie es noch mit fünfzig sein wird. Aber +
mein Gott, ich weiß nicht recht, wie ich es
ſagen soll, ohne Ihnen von Neuem wehe zu
thun, aber es iſt doch eine so große Versſchieden-
heit zwiſchen Ihnen. Sie nannten ſie vorhin
ſelbſt eine königliche Erscheinung. Und ich
meine, Herr v. Kapniſt, Sie müßten keine
königliche Frau haben, sondern eine luſtige,.
die mit Ihnen lacht -

„Oder über mich, nicht wahr?" ;

„Oder auch über Sie, wenn es ſich gerade
ſo trifft; der es nichts verſchlägt, allerlei dum-
mes Zeug zu ſchwatzen, wenn eben weder
Ihnen. noch. ihr 'was Geſcheidtes einfallen
will, die mehr übermüthig als hoheitsvoll,

î mehr kindlich als erhaben iſt + kurzum
eine Frau, mit der Sie vergnügt ſein können,
ſtatt immerfort anbetend zu ihr aufzuſehen.“

| Es war feltſam anzuſchauen, wie raſch
unter dem Einfluß dieſer eigenartigen Tröftung
die Wolken. des Kummers von des Lieute-
nants Antlit, verſchwanden. Er hob den
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