Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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L Jahrg. 1896.



Von
H. v. Heldrungen.

(Fortſezung.)

(Nachdruck verboten.)
3 war nur ein kurzer, kaum ſekundenlanger
/ Blick, den Müller auf die Viſitenkarte Didier's
ZA) warf, aber er erschrak über diese Entdeckung
o f so, daß er momentan wie gelähmt war. Ihm
K . wurde plöglich klar, daß Bettine dieſen Herrn
E' Kapitän im Park gesprochen und daß es
( 5) ſich dabei nicht um ein Liebesſtelldichein ge-
W handelt hatte. Denn wozu ſollte das Signal
mit dem Licht im Fenster dienen, wenn nicht, um ein
Zeichen zu geben, ob der Zeitpunkt eines Ueberfalles
des Schloſſes günſtig war oder nicht? Viele kleine Mo-
mente, die er beobachtet und die er, beeinflußt durch
Bettinens Nähe, nicht richtig gedeutet, ſprangen ihm jetzt



in anderer Bedeutung in's Auge. So als ſie ihm ihre

Wort gegeben, daß das Stelldichein für die Einquar-
tierung des Schloſſes keinerlei Bedeutung habe. Das
war in einer Weiſe haſtig und eifrig gegeben worden,
als ob sie geglaubt habe, dadurch jeden anderen Ver-
dacht verwiſchen zu müſſen. Sie hatte ihn belogen, und
er hatte ſich, durch ihr Aeußeres beſtrickt, von ihr über-
tölpeln laſſen. Er hätte dieſen Didier nicht entwiſchen
laſſen, ihm eine Kugel auf den Pelz brennen, unbedingt
einen Alarmſchuß abgeben müssen. Statt dessen war er
wie ein verliebter Thor auf ihre Koketterien eingegangen !

Bleich und zitternd wandte er sich endlich nach ihr
um; er war wüthend über sich und sie, und doch fühlte
er gleichzeitig einen endloſen Schmerz, ein bitteres Weh,
wenn er daran dachte, wie bitter ſie ihn und seine
Landsleute haſſen müſſe, um zu solchen Ungeheuerlich-
keiten zu kommen, und wie sehr sie ſich in Gefahr
begeben hatte, wie ein thörichtes Kind, das nicht wußte,

an welchem Abgrund es stand.
Sie stand ruhig neben einem Sessel, auf den ſie
den Schleier gelegt hatte, und strich mit den feinen

weißen Fingerchen ihr Haar zurecht, das etwas in Un-

ordnung gekommen war.

„Sie wissen, Fräulein d'Aulnay," preßte er endlich
fteryy hervor, „daß ich Sie auf der Stelle verhaften
ann ?

d Sie sah ihn drollig lächelnd an. „Was haben Sie
enn?

„Sie wiſſen, daß es keine Gnade für Sie gibt,
wenn Sie auf Verrath an den deutſchen Truppen be-
troffen werden?“" fuhr er ungesſtüm fort, indem er ſich
ihr drohend näherte.

Sie machte eine heftige Bewegung, maskirte dieſe
aber gleich darauf wieder und that, als hätte sie ſich
auf s Kleid getreten. Dann sagte sie wieder lächelnd
und mit einer großen Seelenruhe im Ausdruck: „Aber
Monsieur Mullere! Das iſt gar nicht ſehr höflich, was
Sie mir da ſagen. So ſpricht man doch nicht zu einer
jungen Dame. Was iſt Ihnen? Sind Sie krank?"





Das Hc<walbenneſt. Originalzeichnung von J. R. Wehle. (S. 91)


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