Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Illuſtrirte



Iahrg. 1896.







Gr ärhtetk.

Roman

von

Lokhar Brenkendork.

(Fortſezung und Schluß.)

(Nachdruck verboten.)

L s iſtnicht wöglich,“ suhr der Major zu Elisabeth
/) fort, „das Geschehene ungeſchehen zu machen,
und alle meine Selbstvorwürfe vermögen
h u Ft eV.
. die Pflicht, Dich von meiner
) verderblichen Gegenwart zu
befreien, bevor jener Andere
mich erkannt hat. Denn noch hat er mich
nicht erkannt. Was hätte ihn ſonſt ab-
halten sollen, mich sofort an die Soldaten
auszuliefern !“

„Gott gebe, daß Deine Vermuthung

zutrifft, Sixtus!" versetzte Eliſabeth. „Aber
es iſt wahr, der Morgen darf Dich hier
nicht mehr finden, denn im hellen Tages-
licht könnteſt Du den Mißtrauiſchen ſicher-
lich nicht länger täuſchen. Noch weiß ich
nicht, wie ich Deine Flucht ermöglichen
soll, doch wir haben zum Glück faſt die
ganze Nacht vor uns. Es muß ſich bis
zur Morgendämmerung ein rettender Aus-
weg gefunden haben, ohne daß Du ver-
ſuchen müßtest, Dich gewaltsam zu befreien.“

Ein Laut wie ein qualvolles Stöhnen,
der aus den unteren Räumen des Hauſes
kommen mußte, drang in dieſem Augen-
blick zu ihnen herauf.

„Ich vergeſſe meinen armen Kamera-
den, Eliſabeth,“ sagte der Major in schmerz-
licher Bewegung. , Vergib, wenn ich Dich
bitte, vor Allem meine Bruderpflicht
set cih V. k.n hintern!
Ich gehe mit Dir, denn vielleicht kann
ich doch noch irgend etwas für den Un-
glücklichen thun.“

Sixtus gestattete es nur ungern, denn
die Erkenntniß, durch seine Tollkühnheit
the Peet Get pi htſen
Seele, und er wollte durchaus Alles ver-
mieden sehen, was eine Entdeckung ihrer
heimlichen Gemeinſchaft beschleunigen
konnte. Erſt als er ſah, daß ihr Ent-
ſchluß unerſchütterlich war, und als ſie
! ry het e Kemuer §es
gab er alle weiteren Einwendungen auf.
Sie stiegen in das Erdgeſchoß hinab und
tſctes sie tr res keiten ; Uicvrigen

emaches, in das man den to





Wachtmeiſter getragen. Es war ein kahler, unfreund-
licher Raum, den man bis dahin nur zur Aufbewah-
rung von allerlei Wirthſchaftsgegenständen benutzt hatte.
Ein Tiſch und ein hölzerner Schemel bildeten neben
dem dürftigen Lager jetzt seine ganze Ausstattung.
Von einer wollenen Decke umhüllt, ruhte die muskulöse
Gestalt des Sterbenden auf dem roh gezimmerten Bette.
Er war noch immer nicht zum Bewußtsein erwacht,
und ſein blutloſes, verfallenes Antlitz wies bereits alle
Anzeichen des nahen Todes auf. Es war ſicherlich nicht
ſchön zu nennen, das harte, verwetterte Gesicht dieſes
rauhen Kriegsmannes, der wie ein Sechziger aussah,
obwohl er in Wahrheit wohl noch um mehr als ein
Jahrzehnt jünger sein mochte. Unter anderen Umstän-



Photographie.-Verlag der Photographischen Vnion in München.

Das Gänſemädcen. Nach einem Gemälde von Carl Heyden. (S. 550)




den würde ſich Eliſabeth vielleicht sogar vor seinem

Anblick entsetzt haben. Jetzt aber war er für sie nichts

Anderes als der heldenmüthige, opferwillige Lebens-

retter des Geliebten, und ohne jede Anwandlung schwäch-

lichen Grauens beugte ſie ſich über ihn herab, um seine
bleiche Stirn zu küssen.

Gerade in diesem Moment ſchlug wieder jenes qual-
erpreßte, ſchauerliche Stöhnen an ihr Ohr, das sie soeben
in den oberen Zimmern vernommen. Aber es kam
nicht aus der zerſchoſſenen Bruſt des Wachtmeisſters, wenn-
gleich sie es ſo deutlich gehört hatten, als müsse sich der
Aechzende durch aus in dem nämlichen Raume befinden.
hier E So s ct OEC zue z.: is pet

Auch Elisabeth war im erſten Augen-
blick heftig erschrocken zuſammengefahren,
dann aber erinnerte ſie ſich, daß man ihr
geſagt hatte, der im Walde aufgeleſene
Taglöhner Jakubeit sei in einem Verſchlage
neben dieser Kammer untergebracht, und
ſie klärte Sixtus über die Herkunft des
räthſelhaften Stöhnens auf.

„Wir sind nur durch eine dünne Bret-
terwand von ihm getrennt," fügte sie hinzu.
„Aber ich werde Befehl geben, daß man
ihn anderswohin bringt, damit Dein Ka-
merad dieſe unheimlichen Laute nicht länger
zu hören braucht."

Doch der Major ließ es nicht zu, daß
ſie ihre Abſicht zur Ausführung brachte.
„Mein Wachtmeister hört das Stöhnen
jenes Unglücklichen so wenig, als er Deine
liebe Stimme hören könnte. Und mir flößt es
kein Entsetzen ein. Der Krieg hat mich an
Schlimmeres und Grauſigeres gewöhnt.“

Nach einer Weile wurden die Klage-
töne denn auch ſeltener und schwächer.
Sixtus aber mahnte CEliſabeth an ihr Ver-
ſprechen und drängte sie liebevoll, zu gehen,
damit ihr langes Verweilen bei ihm den
Hausgenoſſennichtverdächtig werde. Schwe-
iz! eres entschloß sie sich endlich zu
ehorchen.

'! „Wohlan, ich gehe. Aber ich komme
zurück, wenn Alles im Schlafe liegt, und
wenn ich einen Weg zur Flucht für Dich
ausfindig gemacht habe. Vertraue auf
mich, Geliebter, wie ich auf die Hilfe des
Allmächtigen vertraue, der uns nicht ver-
laſſen wird, nachdem er Dich bis zu diesem
Augenblick so wunderbar beschützt hat."“

Zärtlich küßte der Major ihre Lippen.
Aber er hatte keine Erwiederung auf ihre
letten, hoffnungsvollen Worte, und als
er dann leiſe die Thür hinter ihr ge-
ſchloſſen, ſagte er, an das Lager des ſtcr-
benden Wachtmeiſters zurückkehrend, voll
schmerzlicher Bitterkeit vor ſich hin:
„Warum ſFollte ich es ihr offenbaren, daß
dieſer kommende Tag mein letzter iſt?
Die Gewißheit, denke ich, kommt ihr immer

noch früh genug."


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