Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Roman

von
Lokhar Brenkendort.
c) (Fortſetung.)
R (Nachdruck verboten.)

q < erinnerte Sie an Ihre damalige Frage,“
|) erwiederte Sixtus, „weil die Antwort, die ich
). einst gegeben, für meine jetzige Situation
© zutrifft, wie wenn wir Beide ſie vor acht
Jahren hätten vorausahnen können. Und
ich denke heute, wie ich damals dachte. Ich
erwarte das Schickſal, dem ich nicht mehr
entgehen werde, wie eine verdiente Strafe."

„Sie zerreißen mir das Herz,“ ſagte Eliſabeth. „Und
weshalb muß es denn ganz unabwendbar ſein, dieſes ent-
setzliche Schicksal? Hat man bis heute nichts Ernſtliches
unternommen, um die Urheber jener Plünderung zur
Rechenschaft zu ziehen, so geſchah es doch wohl, weil
ſie in Vergeſſenheit gerathen iſt, oder weil man längst
die Hoffnung aufgegeben hat, die Schuldigen zu er-
mitteln." /

„Es wäre nicht gerade ein Beweis für den Eifer
und die Tüchtigkeit der preußiſchen Behörden, wenn
es ſich so verhielte. Aber wir dürften auch dann
nicht darauf rechnen, hier dauernd unbehelligt zu
bleiben. Der König hat die Pflicht, ſein Land von
gefährlichen Elementen zu säubern, und wie ich ihn
kenne, wird er nicht lange ſäumen, dieſe Pflicht zu
erfüllen. Wir ſind täglich darauf gefaßt, den Soldaten
zu begegnen, die uns unſchädlich machen ſollen.“

„Und Sie würden ihnen offenen Widerſtand ent-

gegenſetzen, würden sich in einen Kampf einlassen mit
Ihren ehemaligen Kameraden ?"
_ Der Major zuckte die Achſeln. „Was ſollen wir
Anderes thun? Ich kann meinen Leuten nicht zumuthen,
ſich zu ergeben, da doch Jeder von ihnen genau weiß,
was nach der Gefangennahme ſeiner wartet. Ein ehr-
licher Soldatentod iſt Alles, was sie noch für sich er-
hoffen. Und + offen heraus gesagt ~ wenn ich doch
ſchon einmal ein Rebell sein soll, ſo will auch ich lieber
mit dem Säbel in der Fauſt auf dem grünen Raſen
mein Leben laſſen, als wie ein Strauchdieb und
Meuchelmörder am Galgen ſterben.“ j

. „Das llingt, als ſsehnten Sie insgeheim ſchon
ros Ende herbei. O, Herr Major, es iſt nicht chriſtlich,
o zu denten."

'Es iſt menſchlich, Fräulein v. Marſchall, und den
möchte ich sehen, der in meiner Lage anders empfände.
Aber Sie dürfen darum nicht glauben, daß ich wie
ein Selbſtmörder handeln werde. Wie herzlich müde
ich auch immer dieses Lebens sein mag, ich vergesſe




doch nicht, daß. die Verantwortung für meine Leute |

auf meinem Haupte ruht, und daß ich ſie nicht frevel-
haft hinopfern darf, so lange es noch eine Möglichkeit
gibt, das Aeußerſte hinauszuſchieben. Schickt man uns,



auf den Hals, so werden wir uns ſchwerlich wie die

Schafe abſchlachten laſſen. Veranstaltet man aber ein

richtiges Keſſeltreiben auf uns, was früher oder ſpater
gewiß geschieht, ſo bleibt eben nichts Anderes übrig,
als daß wir kämpfen bis zum letzten Mann und unſer
Leben so theuer wie möglich verkaufen.“

„Und jenseits der Grenze, auf ruſſiſchem Gebiet,
wären Sie dort nicht ſicherer als hier?"

„Nein. Denn auch dort ſtehen wir auf dem Kriegs-
fuße mit dem Militär und hatten bereits mehrere Schar-
mühel, die zweien meiner Leute und mindestens einem
halben Dutzend Russen das Leben gekoſtet. Sie ſehen
nach alledem, daß es sehr gefährlich wäre, uns Verfehmten
und Geächteten Beiſtand zu leiſten. Niemand aber doll
unseretwegen in Gefahr gerathen ~+ die Tochter meines
unvergeßlichen Generals gewiß am allerwenigsten.“

' „lind ich folk Sie jetzt verlafſen mit der ſchreck:
lichen Gewißheit, daß ich nichts, aber auch gar nichts
für Sie zu thun vermag?

„Gedenken Sie meiner ohne Verachtung, und be-
wahren Sie mir ein freundliches Erinnern, wenn Sie
hören, daß Alles vorbei iſt. Das iſt mehr Gunst und
Glück, als ich's noch vor wenig Tagen für mich zu er-
hosfen gewagt hätte."

IIIòni

I MMM.

Otto Roquellte +. (S. 503)

I!.

Rach einer Aufnahme von Hofphotograph Karl Back ofen in Darmſtadt.

Elisabeth schwieg und starrte mit dem leeren Blick
der Verzweiflung in den grauen Regentag hinein.
Nach Verlauf einer Minute fügte der Major hinzu:

„Und nun lassen Sie uns scheiden, Fräulein v. Mar-





y



Heft. Illuſtrirte Familien-ZJeitung. Jahrg. 1896.

Unglückskameraden zurück. Und wir würden uns nur
gegenseitig die Herzen schwer machen, wenn wir jett,
nachdem Alles gesagt iſt, diese nutzloſen Erörterungen
fortſeßen. wollten. Ich danke Ihnen nicht, denn Worte
wären dazu viel zu arm. Aber ich wünſche Jhnen für
Ihren künftigen Lebensweg von ganzem Herzen Alles,

‘was eines Menſchen Daſein ſchmücken und erhellen

kann." ;
Es verlangte ihn unverkennbar darnach, der Zu-
sammenkunft schnell ein Ende zu machen, und auch
Eliſabeth fühlte nur zu deutlich, daß ihre Kraft, ſich
zu beherrſchen, nahezu erſchöpft war. Darum ließ ſie
es geſchehen, daß er wieder seine Signalpfeife hervorzjen
und dem Huſaren damit das Zeichen zum Herbeiführen
der Pferde gab. Bis der Mann die Eichengruppe er-
reicht hatte, wurde kein Wort mehr zwiſchen ihnen ge-
sprochen; während dieser langen, ſchmerzlichen Minuten
aber mußte irgend ein neuer Entſchluß in Eliſabeth's Kopfe
gereift ſein, denn ehe ſie dem Major ihre Hand reichte,
um ſich von ihm in den Sattel helfen zu laſſen, sagte
ſie: „Sie haben mir den Muth geraubt, etwas zu Jhrer
Rettung zu unternehmen, und ich muß mich bescheiden.
Aber es könnte ſich nichtsdesſtoweniger ereignen, daß
ich mich mit Jhnen in Verbindung zu setzen wünſche,
weil ich irgend eine wichtige Nachricht für Sie habe.
Wo foll ich Sie dann finden oder wohin ſoll ich Jhnen
meine Botſchaft ſenden?"

Sirtus dachte einen Augenblick nach, offenbar un-
entſchloſſen, ob er ihrem Verlangen willfahren ſolle.
Dann aber deutete er mit ausgeſtrecktem Arm in die .
Ferne: „Sehen Sie jene fünf niedrigen Birken dort,
Fräulein v. Marſchall? Sie ſind als Merkzeichen

nicht zu verfehlen, zumal ſie gewiſſermaßen eine Natur-

merkwürdigkeit darſtellen, da sie aus einem einzigen
Stamm entſpringen. Wenn der Bote, den Sie an
mich senden, von dort aus auf dieſer Signalflöte einen
fünfmaligen Pfiff ausstößt, so wird ihn einer meiner
Poſten gewiß vernehmen. Aber Sie müſſen Ihrem
Boten einſchärfen, daß er nicht über die Birkengruppe
hinausgeht, und daß er geduldig wartet, bis ſich ihm
Jemand nähert. Auch bitte ich Sie dringend, für ſolche
Sendung, wenn sie überhaupt jemals nothwendig wer-
den sollte, nur einen durchaus zuverläſſigen Mann zu
wählen. Man wird vielleicht Prämien auf unſere
Köpfe sehen, und es finden sich dann immer genug
wackere Menschen, die Luſt haben, solche Belohnungen
zu verdienen. Kommt auch nach einer Wiederholung
des Signals im Verlauf einer Biertelſtunde Niemand
zum Vorschein, so dürfen Sie das als einen ſicheren
Beweis dafür nehmen, daß wir uns nicht mehr in
dieſer Gegend befinden.“

Er hatte ihr die kleine Hornpfeife eingehändigt und
sie dann in den Sattel gehoben. Zweimal küßte er
ihre Hats. dann trat er einen Schritt vom Pferde
zurück.

Ö „Ich sage Ihnen nicht Lebewohl,“ rief Elisabeth,
sich tapfer beherrſchend, ihm zu, während ſie die Zügel
ergriff. „Es kann nicht unſere lette Begegnung ge-
weſen sein. Auf Wiederſehen alſo, Herr Major!"
„Ja, auf Wiederſehen!“ gab er zurück. „Wenn nicht
hier, so doch gewiß dereinſt an einem Orte, wo die
Macht des Königs von Preußen zu Ende iſt, wie die

wie ich vermuthe, zunächst eine kleinere Militärabtheilung | ſchall! Mich ruft eine unabweisbare Pflicht zu meinen | der ruſſiſchen Kaiſerin. Und. es soll mich nicht ver-
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