Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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. J„cMadame befehlen?" fragte er.

„Cinen Absynth," antwortete ſie tapfer.

Nach einer Weile brachte der Mann das Getränk.

„Mein Freund,“ sagte sie ihm etwas leiſer, „Sie
bekommen fünf Franken, wenn Sie mir Jhren Kollegen
esu Baptiſte Didot auf einen Augenblick her-

chicken.“

J Der Kellner sah sie etwas überraſcht an. Bettine,
die sorgfältig jeden Schmuck, jede beſſere Toilette weg-
gelaſſen hatte, mochte ihm den Eindruck einer kleinen,
hübſchen Nähterin machen. Eine kleine Liebſchaft oder

Aehnliches, dachte er.

G „Sofort, Madame, sofort!“ antwortete er und lief
rieves fort, um seine fünf Franken so raſch wie möglich
zu verdienen.

Es dauerte eine ziemliche Weile, ehe er wieder er-
schien. Bettine ſah manchmal, wie er am Buffet stand
und irgend etwas fragte, wie er hier und dort im
Lokal herumſuchte ~ sie ſaß wie auf Kohlen. Wenn
ſie Aufsehen erregte, nur den kleinſten Verdacht auf
ſich oder den sogenannten Baptiſte Didot zog, was
für unberechenbare Unfälle konnten unter dem wüſt
aufgeregten Volk entstehen! In diesem Augenblick be-
reute sie ſchwer, überhaupt hierher gegangen zu Fein.

Er mußte ja wohl wissen, warum ſie sich jeßt nicht

sehen und sprechen durften. Was befugte ſie, ſeine
seht Wege zu kreuzen? Was konnte Alles daraus
entſtehen?

Endlich kam der Kellner zurück.

„Bedaure sehr,“ sagte er gleichgiltig und geschäfts-
mäßig, „aber Monsieur Didot iſt heute Nachmittag aus
dem Heu! fortgegangen und bisher noch nicht wieder
zurückgekehrt."

Fort war er wieder. Bettine fiel ein Stein vom
Herzen. Sie athmete erleichtert auf und flüsterte un-
willkürlich: „Gott sei Dank!“

Sie ließ ihr Getränk unberührt stehen und machte ſich
ſo raſch und so unauffällig wie möglich wieder davon.



Vierundszwanzigltes Kapitel.

Je härter nun die Winterſtrenge auftrat, um ſo

lebhafter gedachte man auch in Deutschland der im Fe.de
stehenden Truppen, und je häufiger und länger die
Verluſtliſten in den Zeitungen publizirt wurden, um
so stürmiſcher und gewaltiger wurde die Sehnſucht nach
dem Frieden! Immer schöner erschien er und immer
höher lernte man ihn schätzen, der ſich gerade in
Kriegszeiten als das höchſte Gut einer Nation fühlbar

macht. Weihnachten stand vor der Thür. Jn allen

Familien arbeiteten die Frauenhände an allen möglichen

niùztlichen oder überflüſſigen Geschenken für ihre Lieben

im Felde, aber man wußte ja nicht einmal, ob der,
für den man die Gaben vorbereitete, noch am Leben
sei, oder noch leben würde, wenn Weihnachten kam.
Wie mancher Seufzer, wie manche Thräne wurde mit
eingewebt in das Gewebe der Fingerchen, die raſtlos
mit Nadel und Scheere befliſſen waren, dem Gefühl
des Herzens Ausdruck zu geben.
Schon am 1. Dezember hatte man in Burgsaßhauſen
durch die Zeitung erfahren, daß sich ein großer Ausfall
der Pariſer Besatzung gegen die Stellungen der Sachsen
und Württemberger richte. In den folgenden Tagen
wurden Einzelheiten bekannt, und auf dem Gutshof
in Burgſsaßhauſen las man ſchon am 8. Dezember
Abends, daß das Regiment, bei dem Hauptmann Wein-
hold und die meisten der aus dem Ort Ausgerückten
standen, vom 30. November bis 2. Dezember Abends
einen Heſanntscetuſt von fast ſiebenhundert Mann er-
litten habe.

. t Weinhold saß mit ihrer Schweſter, die seit
einiger Zeit wieder auf dem Gutshof wohnte, weil es

dort gar zu einſam wurde, ſtumm und weinend zu

sammen. Wenn der Briefträger auf dem Hof erſchien,

suhren sie erſchrecktt zuſammen und wagten kaum zu

fragen, was er gebracht habe. Wenn es ſich dann
herausſtellte, daß es wieder keine Nachricht von der
Armee war, so paßten sie auf, in welche Häuſer der
Mann weiter ging, um ſeine Beſorgungen zu machen,
und Leonore mußte nachher ausforſchen, ob Nachrichten
von Brie und Champigny eingegangen seien. So ver-
gingen der 4. und der 5. Dezember. Jede Stunde
wurde zur Qual.
Endlich am Abend des Fünften erfuhr Leonore, daß
Frau Heinrich von ihrem Mann, der in Le Bourget
stand, wo das Gardekorps ebenfalls harte Kämpfe zu
bestehen gehabt, eine Poſtkarte bekommen habe. Die-
selbe machte natürlich sofort in ganz Burgsaßhauſen die
Runde und kam auch auf den Gutshof. Frau Wein-
hold las sie. Sie lautete: /
„Liebes Lieschen !
Ich befinde mich noch immer wohl. Die Socken
und Pulswärmer, die Du mir geschickt, habe ich noch
nicht bekommen und könnte sie doch gerade jett ſo gut
brauchen. Wir frieren auf Poſlen ganz mörderlich.
Gestern und am 30. November iſt es bei Champigny
und Brie und Vlilliers sehr heiß zugegangen.
Sachſen, Württemberger und Pommern haben es mit

Die









Da s Buch für A lle.

über hunderttauſend Franzoſen zu thun gehabt und sollen
fürchterliche Verluſte gehabt haben. Hoffentlich iſt Keiner
aus Burgsaßhauſen darunter. Wir haben natürlich
wieder geſiegt und die Franzoſen wieder in ihr Nest
hineingeworfen. Wie lange das noch so fort geht, weiß
kein Mensch. Wir müssen uns Alle tröſten. Viele
Grüße und Küsse für Dich und den Juzgen ut Peiner!
Adolph.

Das war Alles. Die Karte war am z. Dezember
srüh aufgegeben. Der Schreiber konnte alſo auch noch
nicht mehr melden, als was sie ſchon aus der Zeitung
wußten. Die Befürchtungen stiegen auf's Aeuzgersſte.
War denn von all’ denen, die aus dem Dorfe sſtammten,
n <t Einer davongekommen, der über ſeine Kameraden
hätte in die Heimath berichten können?

Es vergingen wieder zwei Tage + kein Sterbens-
wort. Der alte Häſſel ſaß am Abend des 7. Dezember
in der Linde mit Anderen zuſammen und nickte nur
immer stumm und schwer vor sich hin, als wollte er
sagen: „Nun werden ſie ja wohl auch inne werden,
wie mir's zu Muthe iſt.“ ;

Und endlich am 8. Dezember Abends kam die erſte

Poſt von den Schlachtfeldern von Champigny und Brie

in Burgſaßhauſen an. Der Briesſträger brauchte an
diesem Abend nicht im Dorfe herumzulaufen, die Leute
kamen Alle zu ihm auf die Straße. Wie ein Lauf-
feuer hatte ſich die Kunde verbreitet, und wer Briefe
von Paris erwartete, stürzte ihm entgegen, wo er seiner
zuerſt habhaft werden konnte. Freilich, Mancher ſchlich
betrübt und ſchluchzend wieder davon, wenn der Brief-
träger einfach sagte: „Nichts, nichts!“ Und wie hastig
griffen sie zu, wenn er sagte: „Hier ein Brief, zwei
Briefe, eine Postkarte."

Frau Weinho!d gab gerade das Abendessen an die
Leute aus, als Leonore haſtig gelaufen kam.
K {Er Brief vom Vater! Ein Brief, Mutter! Aus
Venſailles.'

„Zeig' her, Leonore! Weshalb weinſt Du? Was iſt?"

„Von Mar iſt nichts mitgekommen," meinte dieſe.

„Jenun, Max iſt Arzt. Er hat zu viel zu thun. Er
wird wieder eine Menge Kranke haben. Wo iſt Amalie?
Zeig her. Ja, das iſt Moritens Hand. Gott im
Himmel sei Dank. Wenn er ſchreibt, kann es doch
nicht ganz schlecht stehen." :

'ferns vor Aufregung erbrach sie das Schreiben
und las:

„Versailles am 5. Dezember 1870.
o o

Obwohl ich weiß, wie sehr Du Dich gerade jett
nach Nachrichten von uns sehnst, iſt es mir doch erſt
jezt möglich, einige Zeilen an Dich zu richten. Aus
den Zeitungen wirſt Du schon wissen, daß wir am
30. November und 2. Dezember wieder zwei fürchterliche
Schlachten geschlagen haben. Also vor Allem das Cine:
Mich selbſt hat der liebe Herrgott diesmal gnädig vor
jedem Unfall beschützt. Ich bin trotz der großen Gefahr
und der unmenſchlichen Strapazen geſund und heil ge-
blieben bis auf diese Stunde. Leider haben wir aber
andere, ungeheure Berluſte zu kellagen. Du kannst Dir
eine Vorſtellung davon machen, wie es hergegangen iſt,
wenn ich Dir mittheile, daß ich am 2. Dezember bei
dem Sturm auf Brie ſur Marne, ein kleines Dorf von
kaum hundert Häuſern hart an der Marne, die Hälſte
meiner Kompagnie verloren habe. Auch die mit mir
ausgezogenen Burgsaßhäuſer haben dabei ſchwere Opfer
gebracht. Es werden von ihnen noch drei vermißt,
ivahrſcheinlich ſind sie in Gefangenschaft gerathen, einer
iſt schwer und elf ſind leicht verwundet. Die Namen
laſſe ich von meinem Kompagnieschreiber auf ein be-
sonderes Blatt ſchreiben, das ich Dir beilege. Du wirst
daraus erſehen, daß auch unser guter Neffe Max dies-
mal dem Schickſal seinen Tribut hat bezahlen müſsen.
Er gehört indessen, wie ich zu Deiner und Deiner
Schwester Beruhigung gleich hier bemerke, nach seiner
eigenen Angabe zu den Leichtverwundeten. Er hat einen
Streifschuß am Halse, und nicht die Wunde ſelbſt,
sondern die Art und Weise, wie er ſie erhielt, iſt das
Traurige an dem Vorgang. Nach seiner eigenen Mit-

theilung ging das so zu: er wurde in der Nacht vom

2. auf den 8. Dezember beordert, die Bergung der
Verwundeten vom Schla.htfeld in die dazu bezeichneten
Häuſer zu leiten. Die Nacht war bitterkalt, ein wenig
Mondschein erhellte das blutige Feld, wo Freund und
Feind, wie sie die Kugel im Verlauf des herüber und
hinüber wogenden Kampfes hingestreckt, beiſammen lagen.
Gegen vier Uhr Morgens, nachdem also längst Alles
vorbei war, und seit faſt zehn Stunden kein Schuß
mehr gefallen, erhielt Max plötzlich einen Schuß von
hinten, und noch wie er hinsinkt, sieht er, wie ein ver-

wundeter Franzoſe, den er vor kaum fünf Minuten

selbſt verbunden, das rauchende Gewehr, mit dem er

den Schuß von hinterrücks abgegeben, fortwirft. Die

Leute, die mit Max waren, geriethen über dieſe abſcheu-
liche That in so!che Erbitterung, daß sie den Franzoſen
auf der Stelle niedergemacht haben. Du ſiehſt an
diesem Vorgang, mit welchem zähneknirſchenden Zorn
ſich die Soldaten im tagelangen Kampfe gegenüber-

gestanden haben.







Heft 10.

Ich erfuhr von Mar’ Verwundung erſt am 1. Dezem-
ber. Er war ſchon in das große Hospital im Schloſſe
zu Versailles gebracht worden, wo ich ihn in der ſogenann-
ten Marſchallsgallerie endlich auffand. Jch erfuhr von
Mar, der sehr ernſt und bewegt mit mir sprach, wie ich
ihn noch nie geſehen, daß er seit dem 1. Dezember zum
Stabsarzt mit fester Anstellung avancirt iſt. Er hat
damit den Grund zu einer ehrenvollen Lauſbahn gelegt.

Wie er mir sagte, hat er ſeine Ernennung ſeinem direkten

Vorgesettten, dem Oberstabsarzt Schurich, zu danken,
mit dem er sehr gut steht und der großen Respekt vor
ſeiner medizinischen und besonders chirurgiſchen Geſchick-
lichkeit hat. Daraufhin fragte mich Max, ,weil er doch
nun auf eigenen Füßen ſtehe und fremder Hilse nicht
teh bedürfe, ob ich ihm Leonore zur Frau geben
wolle !

Leonore fuhr mit den Händen nach ihrer Mutter
hin, als wolle sie, in Ermangelung eines Anderen, ſie
umarmen. Aber es kam nicht ſo weit. Sie wurde
plötzlich bleich, ihre Lippen ſtammelten etwas Unver-
ſtändliches. Ihre Kehle war so trocken, daß sie kein
klares Wort hervorbrachte. In demſelben Augenblick
taumelte sie auch schon wie trunken zur Seite und ſsiel
in einen Seſſel.

„Aber Leonore!“ rief ihre Mutter erſchrocken, „was
iſt denn? Mein Gott, wenn alle Mädchen in Ohnmacht
fallen wollten, die ſich Jemand zur Frau wünſchte, das
wäre eine ſchöne Geſchichte.“

Nun wurde Leonore wieder dunkelroth bis hinter

die Ohren, fing an zu weinen und küßte ihre Mutter
auf die Wange.

„Lies weiter, Mama," flüsterte sie, „lies weiter.
Es ist ja noch nicht zu Ende.“

„Na, falle aber nicht wieder um!“

„Nein, nein! Ganz gewiß nicht. Lies nur weiter.
Es kam zu raſch. Es war nur die Freude über sei
Avancement.“ S U

„Hm,“ machte ihre Mutter etwas zweifelnd, ,1
meinetwegen freue Dich, über was Du wiſilſe, *
nur nicht so lebensgefährlich. Also wollen wir , „en,
was der Vater zu der Sache geſagt hat.“ ,. 2

Dann fuhr sie fort aus dem Briefe vorzy eſen.

„Ich hatte ſchon an der ganzen Einle.cung und
an der Art und Weiſe von Max, der vor r & im Bett
lag, gemerkt, daß so etwas kommen werde Er brachte
nun noch die üblichen Verſicherungen un Redensarten
vor, machte aber auch damit einen durchaus aufrichtigen
und ehr!ichen Eindruck, so daß ich üb... ugt bin, daß
Max unſere Tochter wirklich in der.. vpeiſe liebt, die
ta menschlichem Ermessen eine g êliche Ehe ver-

ürgt ~

„Das wissen wir ja Alles schon, .utter,“ unterbrach

t

Leonore sie ungeduldig. „Was ho! enn nun der Vater

zu ihm geſagt! Darauf kommt

„Na ~ na!“ machte Frau einhold verwundert,
„haſt Du so lange warten ls n, ſo wirst Du doch
wohl auch noch die paar Sekur . warten, bis ich fertig
bin mit Leſen.“ ;

„Aber so lies doch endli , ſo ~

„Also! ~ „Nach menſc cem Ermeſſen‘ ~ hm, ja,
alſo hier: .Es handelt ſich lso nur noch darum zu er-
fahren, ob wir auch von L nore annehmen können ~Ü

„Aber was fragt den... der Vater nach Sachen, die
ſich von selbſt verſtehen? Steht denn nicht da, was er
selbſt zu Max gesagt hat?"

Ihre Mutter ſah § lange an. Wenn sie noch im
Zweifel gewesen wärc über die „Sachen, die ſich von
ſe!bſt verstehen“, so hätte ſie in diesem Augenblick ihre
Zweifel gewiß aufgegeben. Die Augen Leonorens
funkelten aufgeregt, ihre Hände fuhren unruhig und
ungeduldig hin und her, und als sie den prüfenden Blick

doch an."

ihrer Mutter merkte, verſtummte sie plöglich verſchämt,

schlug die Augen nieder und zerrte und zog verlegen
an ihren Fingern hin und her. Sie war in dem Augen-
blick wunderſchön und zum Küſſsen lieb, aber der, dem
das Alles galt, war so fern, war krank und leidend, im
Krieg und täglicher Gefahr + er konnte sie nicht küſſen.

„So lies doch, Mutter,“ bat Leonore. nach einer
langen Pauſe wieder leise.

„Na, gut. Ich will's noch einmal verſuchen,“ ant:

wortete ihre Mutter mit scheinbarer Strenge, „wenn
Du mich aber wieder unterbrichſt, so stecke ich den Brief
in die Taſche und sage keinen Ton weiter.“

„Lies nur. Ich werde kein Wort mehr ſagen, und

sollte ich mir den Mund mit der Hand zuhalten."
„Also! Wo war ich denn stehen geblieben. Hm,

hier – ;ob wir auch von Leonore annehmen können,

daß ſie + Gut. Ja. Dos iſt nichts für Dich,“ unter-
brach ſich nun ihre Mutter zu ihrer großen Ueber-
raſchung selbst, las heimlich weiter und ſchlug das Blatt
u é nach einer Weile fuhr sie wieder fort, laut
zu lesen:

„Ich habe natürlich in der Sache eine Stellung
eimgenommen, wie sie mir unter den gegebenen Um-
ständen unerläßlich schien. Ich habe Max gesagt, daß

ich schon aus Dankbarkeit und schon in Hinſicht auf

seine jetzige gesicherte Poſition meinen früheren Wider-

ſtand gegen die Verbindung aufgebe ~*

E..
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