Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Das Buch fuün Alle.

Heft 9.



daten zu unterhalten, und ließ deshalb merken, daß er
die Unterhaltung beendigt zu sehen wünſche.

„Ich denke, es werden auch wieder andere Zeiten

kommen, Fräulein Bettine,“ sagte Müller wieder, „in
denen es mir vergönnt iſt, auch Ihrer Familie gesell-
schaftlich näher treten zu können.“
. „Man hofft, was man wünſcht. Aber ich muß nun
wirklich fort. Mama iſt gewiß in Sorgen um mich,
und Onkel wird ungeduldig. Wir dürfen keinen Miß-
brauch treiben. Adieu, mein Freund, auf morgen. Sie
ſind doch morgen noch hier?"

„Das wissen die Götter.“

„Jch werde es morgen auch wiſſen. Adieu.“

Sie reichte ihm die Hand, die er haſtig küßte.

„Sie sind ein Engel, Bettine,“ flüſterte er bewegt.

Sie ging einige Schritte, dann blieb ſie wieder
chen. „Wenn Sie ausgewechſelt werden –~ ſagte sie
tockend.

f „Es ist mein sehnlichſter Wunſch.“
„Sie Böer! Aber Sie ſchreiben mir dann?

„Ganz bestimmt."

„ „JMieu. Ybvieu.!

Oberst de Bls machte wieder eine ſteife Verbeugung,
die der Gefangene ebenso steif erwiederte. Während
deſſen wandte ſich Bettine, ſchon in der Thür ſtehend,
f r)als uu 't ort hte vegr Rue es Oberſt

. » . §
streckte die Hand nach ihr aus ~ ~ dann u er plöt-
lich mit seiner Wache wieder allein. Einen Augenblick
noch stand er wie bezaubert still. Bettine war o liebens-
würdig, ja noch mehr, so lieb zu ihm gewesen, daß er
sehr geneigt war, Alles nur für einen Traum zu halten.
Was konnte er ihr ſein? War er ihr wirklich mehr,
als der erbarmungswürdige, heruntergekommene, hilfs-
bedürftige Gefangene? War es lediglich Dankbarkeit
oder Mitleid, oder Liebe, was ſie an ihm bethätigte?

î Dann wurde er wieder fortgeführt. Er durfte hier

nicht bleiben.



; ZBweiunodzwanzigltes Zapitel.
. Das ,schönſte Regiment“ ~ der Name war nach-
gerade eine blutige Jronie geworden, denn die Leute
sahen in ihren verſchliſſenen, die Spuren von vielen
Schlachttagen und Biwaklagern an ſich tragenden Uni-
formen jämmerlich genug aus + konnte ſich seiner ge-
müthlichen Einrichtung in Claye nicht lange erfreuen,
sondern wurde weiter an die Marne heran nach Chelles
vorgeſchoben. Dort blieb es ziemlich lange.
Hier erreichte Hauptmann Weinhold ſein Bataillon
wieder, nachdem er in St. Privat als geheilt entlassen,
und Frau und Tochter nach Burgsaßhauſen zurückgekehrt
waren. Zufällig traf Weinhold gerade an dem Tage
in Chelles ein, an dem hier der Fall Straßburgs be-
fannt wurde, nämlich am 29. September. Es war alſo
eine doppelte Ursache zu einem Feſstgelage der Kom-
pagnie gegeben, deſſen Kosten die entdeckten Weinlager
zwiſchen Chelles und Villemomble bestreiten mußten.
Wie mancher Feldkeſſel voll dunklen, feurigen Roth-
weins wanderte in jenen Tagen aus der Felſenhöhlung
bei Villemomble nach dém Lager von Chelles! Auch
sonſt fehlte es an Unterhaltung in Chelles nicht. Wacht-
dienſt in der äußerſten Vorpoſtenkette gegen Neuilly und
Villemomble hin, kleine Scharmützel mit den französiſchen
Vorposten oder Päriſer Kartoffelmarodeuren, Luftballons,
welche die deutſchen Stellungen ausſpioniren wollten,
Arbeiten an den Verhauen, Schanzen, Laufgräben, mit
denen man Chelles und die ganze Stellung der Sachſen
umgab, um gegen Ausfälle der Pariſer Truppen Stüh;-
punkte zu haben, ferner das Eintreffen von Erſayreſerven
aus L., die einexerziert werden mußten und natürlich
einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mit aus der Hei-
math brachten, die Liebesgaben, die aus Deutſchland
eintrafen, und hundert andere Vorkommnisse ließen
Langeweile nicht aufkommen. Hätten nicht von Zeit zu
Zeit die Pariſer Forts ihren donnernden Mund gegen
die Vorpoſtenkette aufgethan, oder Nachts mit großen
Scheinwerfern die Umgegend unsicher gemacht, man
hätte wirklich den Ernst der Lage vergeſſen können.

Zur Rechten hatten die Sachſen, wie ſchon während
des ganzen Krieges, das Gardekorps, zur Linken waren
die Württemberger in den eiſernen Cernirungsgürtel ein-
gerückt, und zwiſchen diesen und den Sachsen entwickelte
ſich über die Marne hinweg ein ziemlich lebhafter Ver-

kehr.

Dieses verhältniß mäßig behagliche Lagerleben wurde
aber ſchon Ende Oktober unterbrochen. Gambetta, der
Diktator Frankreichs, hatte Paris in den erſten Tagen
des Oktober im Luftballon verlaſſen, und in den noch
nicht okkupirten Provinzen Frankreichs begann alsbald
ein reges Leben. Im Süden, Westen und Norden
wuchſen die Armeen ſsozuſagen aus der Erde und
setzten ſich zur Befreiung der Hauptſtadt in Bewegung.
In den Siegesjubel über den Fall von Mey, der in
Chelles am 29. Oktober bekannt wurde, miſchten ſich
nur gar zu bald die ernſten Nachrichten aus dem Süden
Frankreichs, von Dijon, von Orléans, von Châteaudun,

Baume la Rolande u. ſ. w., wo sich die deutſchen Truppen |











mit einem wenn auch ungeſchulten, so doch ſtellenweiſe
zwei- und dreifach an Zahl überlegenen Feind herum-
ſchlugen. Der letzte Akt des Krieges begann sich im
Rücken der Pariſer Belagerungsarmee abzuſpielen, und
wenn die Mannſchaften in Chelles Abends um ihre Ka-
mine und Wachtfeuer herum saßen und ſsich die frie:
renden Glieder wärmten, dann fragte man einander un-
geduldig: „Sollenwirdennauch Weihnachten, vielleicht gar
den ganzen Winter vor dieſem Nest liegen?“ Es wurde
doch ſchon empfindlich kalt, der Winter stellte sich zeitig
ein und versprach ein harter zu werden. Die Friedens-
ſehnſucht regte ſich immer mächtiger und ſteigerte den
Unmuth auf die Franzoſen zu immer wilderem Grimme.

Es war im November, als das ,ſchönste Regiment“
Chelles wieder räumen mußte, um auf das linke Marne-
ufer vorgeſchoben zu werden. Nur ungern verließen
Stock und Hendrich ihr lieb und traut gewordenes Quar-
tier, wo sie sich so nett eingerichtet hatten. Der Auf-
enthalt in Chelles hatte ihnen doch manche gute Stunde
gebracht. Die Verbindung mit der Heimath war immer
sicherer und besser geworden, Stock war zum Unter-
offizier avancirt, und Aſsiſtenzarzt Hendrich erhielt für
sein Verhalten während und nach der Schlacht von
St. Privat das Eiſerne Kreuz.

Nun kamen unruhige Tage. Auf der anderen Seite
der Marne, wo sie in die Stellungen kamen, die vor
ihnen Württemberger innegehabt, war es höchſt un-
gemüthlich. Die eine Feldwache, die ſie von den Würt-
tembergern übernahmen, hatte in den letzten fünf Tagen
einige dreißig Todte und Verwundete gehabt. Das
Regiment wurde auseinander geriſſen, ein Bataillon
kam hierhin, eines dahin; bald stand man in der Re-
serve bei Noiſy, Champ oder Villiers, bald mußte man
auf die äußerſte Vorpoſtenkette in die Schleife hinein,
die hier die Marne macht und die rechts und links
von den Dörfern Brie und Champigny flankirt wird.

Auf Vorposten mußten sich die Leute in Erdlöcher
eingraben. Am 26. November kam Unteroffizier Stock
an ein solches Loch, um den darin befindlichen Mann
abzulösen. Er stand, das Gewehr im Arm, mit dem
Rücken an die hintere Erdwand gelehnt ruhig da und
schien eingeſchlafen zu sein, denn er regte ſich nicht,
auch als die Patrouille näher kam.

„Heda, Eilitz, iſt was paſſirt? Haben Sie etwas
zu melden?" fragte Stock. Keine Antwort.

„Zum Donnerwetter, was iſt das für eine Mode,
auf Vorpoſten zu ſchlafen, Eilißt! Wollen Sie in den
Kasten fliegen? Denken Sie vielleicht, man ſtellt Sie
zum Spaß hierher?" wetterte Stock den Mann an, im
Bewußtsein seiner neuen Unteroffizierswürde. Es kam
wieder keine Antwort. Der Mann regte ſich nicht. Stock
wurde nun wirklich zornig.

„Da soll doch ein – ~ Eilit! 'raus da! Sie
werden gemeldet. Ei~li–“ Plötzlich stockte er. Der
Zorn verflog und machte einem Ernst, einer gewissen
traurigen Ueberraſchung Platz. Ja, freilich ſchlief der
Mann, aber er ſchlief den Schlaf, von dem Niemand
wieder aufwacht. Mitten durch die Stirn geſchoſſen,
lehnte er an der Wand. „Armer Kerl!“ murmelte
Stock mitleidig. In der Nacht ſchaffte man den Leich-
nam zurück, und am anderen Morgen wurde er gleich-
zeitig mit zwei anderen Kameraden, die im Lazareth
von Noisy le Petit am Typhus gestorben waren, mit
j1lés ftiltectihen Ehren auf dem Kirchhof von Villiers

egraben.

ye!e! diesem Tag hörte die Unruhe, das Alarmiren
am frühen Morgen und das Warten auf die Franzoſen
nicht mehr auf. Man mußte Wind bekommen haben,
daß die Pariser Beſatuung einen großen Ausfall plane,
auch das ewige Donnern und Krachen von den Forts
rings um Paris ſchien eine große Aktion anzukündigen

oder einzuleiten, nur wußte man offenbar noch nicht,

nach welcher Seite hin sich der Angriff auf den Cer-
nirungsgürtel richten werde. So standen denn die
Truppen bei immer zunehmender Kälte, in ihre Mäntel
gehüllt, tagelang in Gefechtsſtellung, und auch Nachts
hatten ſie vor dem Feuer der Franzoſen in den elenden
Quartieren keine Ruhe. Es durften keine Feuer mehr
angezündet werden, um den feindlichen Feſtungsgeſchützen
keine Zielpunkte zu geben.

In der Nacht vom 29. zum 830. November lag Stock
jtit Luck Korporalſchast in einem Schuppen von Noisy
le Grand.

„Mein schönes, gemüthliches Chelles,“ seufzte er,
als er kaum so viel Raum fand, um ſich strecken zu

können, „wann werden wir Dich wiederſehen! Werden

wir Dich überhaupt wiederſehen?"

Ach, es wurde ihnen mit der Zeit Alles gleichgiltig.
Und wenn im nächſten Moment eine feindliche Granate
den Schuppen zerriß und Alle begrub + sie waren ſo
apathiſch, so abgestumpft, daß sie auch das nicht kümmerte.

Früh um vier Uhr, es war noch vollſtändig Nacht,
ertönte wieder das Alarmſignal. Man sprang auf, und
fort ging's. Mit nüchternem Magen, in aller Eile
rannte man nach dem Sammelplatz des Bataillons.

„Es wird wieder nichts sein,“ murrte Stock. „Die
Kerle halten uns nur zum Narrenn.

"„Wohin geht's?! fragte ein Andree.





„Nach Champigny. Wir müssen die Württemberger
vort rhtiſe. auf dem Sammelplatz eintraf, sah er
Hauptmann Weinhold neben seinem Neffen, dem Assi-
Frenttzzt He fehcs. sagen, „ich weiß nicht, mir
iſt heute wieder so bang. Wo ſeid ihr denn heute?
Es gibt heute gewiß 'was.“ . ;

„Ich glaube nicht, Onkel. Es ist nur blinder Lärm.
Ich bin übrigens bis auf Weiteres im Lazareth des
Schlosses, Lalande. Du kennſt es?“

"Vils, haſt Du nicht etwas Feuer?" rief ihm
Stock eilig zu, der sich als Erſat für den Morgenkafsfee
eine Cigarre anstecken wollte.

Max reichte ihm seine Streichholzſchachtel.

„Du bist der beste Aſsiſtenzarzt in der Armee,"
meinte Schluck. „Sogar Streichhölzer hat er. Nun,
Gott vergelt's. Wer weiß, ob es nicht die letzte Ci-
garre ist, die ich mir in dieſem Leben anſtecke.“

„Was, Stock?“ lachte der Aſsiſtenzarzt, „Du biſt
auch todesahnend? Nur keine Bange. Du weißt, Un-
kraut verdirbt nicht.“

In aller Haſt lief man in die Finsterniß hinaus,
an Villiers vorbei nach Champigny hinunter, wo man
etwa gegen sechs Uhr ankam. Auch hier waren die Poſten
meist in Erdlöchern oder in Gräben untergebracht, wäh-
rend die Soutiens weiter zurück in Champigny ſelbſt
lagen, zu zwanzig, dreißig bis fünfzig Mann in den
hierzu paſſend gelegenen Häuſern vertheilt. Eben war
man dabei, die Württemberger abzulöſen, und Stock kam
dabei mit Hauptmann Weinhold in eine eigens errichtete
Bretterbude zu liegen, wo sie das Glück hatten, in
einem Weinfaß, das die Württemberger gefunden, aber
auch ſchon über die Hälfte in der Nacht ausgeleert
hatten, noch eine kleine Stärkung zu finden, als ein
gewaltiges Schießen aus den Forts begann. Noch nicht
zwei Minuten waren sie in der Bude, der Tritt der
abziehenden Württemberger war noch nicht verhallt, als
ein Soldat vom Poſten zurückkam und in großer Auf-
regung meldete :

„Der Feind iſt über die Marne gegangen. Das
ganze Ufer wimmelt von Franzosen."

Hauptmann Weinhold lauſchte einen Augenblit
hinaus. Das Krachen der Geschütze, in das sich jezt.
auch ſchon Kleingewehrfeygx miſchte, troßdem es noch
so finſler war, daß maMnicht zwanzig Schritt weit
sehen konnte, wurde immer ſtärker.

„Es iſt ſchon richtig,“ murmelte er, „heute gilt's!
Sie kommen oder sie ſind vielleicht ſchon da."

Dann hieß es: „Gewehr über!“ und fort ging's.

Sobald. Stock in's Freie trat, ſuchte er ſich zu
orientiren. Ein schwacher, fahler Dämmerschein breitete
ſich eben über die Landſchaft aus, die, hier nach dem
Fluß zu sanft abfallend, faſt eben war. Der Fluß
war ihnen zur Linken, zog sich aber in einem mächtigen
Bogen vor ihnen herum, bis er dann drüben bei Brie
wieder zurückkam. In diesem Bogen mußten die Fran-
zoſen den Uebergang, geſtützt von dem Feuer der Forts,
bewerkstelligt haben. Aber zu langem Orientiren war
keine Zeit. Die Granaten sausten unaufhörlich über
ihnen hin, krachten und platzten in der Luft, und vor
ihnen wogte und wob Alles im Nebel auf und ab,
aus dem man hier und da feindliche Infanteriemaſſen
und Artillerie auftauchen sah. Es war kein Zweifel
mehr: der Feind war in ganz bedeutenden Maſſen in

der Nacht über den Fluß gegangen und drang nun * .

unaufhaltſam vor. Da war nicht mehr von einigen
Regimentern die Rede, sondern da entwickelte ſich eine
Armee von etwa hunderttauſend Mann und darüber.
Und in Champigny stand noch nicht einmal ein ganzes
Regiment. Daher zog sich die Feldwache eiligſt auf
das Dorf zurück.

Trotzdem man bei diesem Zurückgehen in Anbetracht
des heftigen feindlichen Feuers verhältnißmäßig wenig

Verluste hatte, zeigte es sich, daß es auch für eine

disziplinirte Truppe nichts Schwierigeres gibt, als das
geordnete Zurückgehen vor dem Feind. Unwillkürlich
wurde der Schritt schneller und ſchneller, immer mehr
und mehr löste sich die ſtraffe Ordnung, wurde der
Rückzug eine Flucht. Jeder liebt sein Leben, und Jeder
besilie fich die ſchütenden Häuſer des Dorfes zu er-
reichen. :

Stock kam mit etwa zwanzig Mann hinter ein Haus
zu stehen, wo sie aushalten mußten. Von dem Haupt-
mann Weinhold und der übrigen Kompagnie ſah er
nichts. Sie waren ohne Zweifel auch im Dorf, aber
bei dem Geschoßhagel, mit dem jetzt das Dorf über-
schüttet wurde, war das Suchen und Umſehen eine
heikle Sache. Sie standen hinter ihrer Mauer und
lshen ziemlich bedenklich, Manche sogar bleich und zit-
ternd aus.

Es wurde nun raſch hell, aber mit der Helligkeit
nahm auch die Kraft des feindlichen Feuers zu. Das
Dorf brannte an vielen Stellen, mächtige Granaten
riſſen die Dachstühle der Häuſer herunter, fuhren durch
die Wände und hüllten die Umgebung in Feuer und

Staubwolken, wenn sie platten. Das Fürchterlichſte .






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