Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

Page: 330
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1896/0345
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
330

die Bemannung des Boston‘ etwas herausgekommen, weil
ich dort angab, daß ich Paul Nehringer von Norderney
sei und bei einer Nachfrage auf der Jnſel Niemand
fehlte? ~ Iſt es auf der Inſel bekannt geworden, daß
ich das Geld genommen habe, so gelte ich sür einen
Dieb und bin verachtet und ehrlos. Was wird meine
arme Mutter sagen! Wird diese Schande, die ich auf
die gute alte Frau geladen hibe, sie nicht unter die
Erde bringen ?" :

So drängten ſich in fieberhafter Schnelligkeit die
Gedanken in Klaus Gehren's Kopf und bedrückten ſein
Herz zum Zerſpringen. Das Geld hatte ihm bisher
noch kein Glück gebracht. In New-York hatte er eine
sorgenvolle, unruhige Zeit verlebt, und jetzt merkte er,
zh seins That herausgekommen sei, und er verfolgt
werde.

Wäre es nicht beſſer, er würde von hier aus Alles,
iwas er an barem Gelde besaß, ebenſo den Depotſchein
nach der Insel schicken? „Was wäre aber damit er-
reicht?“ fragte er ſich. „Auf der Insel würde ich doch
sür einen Dieb gelten, die That wäre nutlos und ver-
geblich gewesen, sie hätte mir und meiner Mutter nur
Elend und Schmach gebracht.“

„Nein!“ rief Klaus so laut aus, daß, wenn die

gzecher nicht so laut gelärmt hätten, sie seine Erregung

hätten wahrnehmen müſſen. „Weiter, weiter! Wenn
ich etwas geworden bin, dann mögen sie mich einsperren,
meinetwegen! Daß ich ein Maler geworden und nicht
mehr Segel zu flicken und Körbe zu flechten brauche,
das können sie mir nicht mehr nehmen! Ich fechte es
durch, ich habe angefangen und will mit dem Schickſal
weiter ringen !“

Er beſttoß jedoch, nun nicht nach München, über-
haupt nicht nach Deutſchland zu gehen, wie er anfangs
gewollt hatte, das war jetzt zu gefährlich, sondern nach
Paris. Er hatte dieſen Gedanken ſchon früher einmal
gehabt, seine völlige Unkenntniß der franzöſiſchen Sprache
ihn jedoch von dieſem Vorhaben abgeſchreckt. Jett
hst é gezwungen, in diesen üblen Umſtand ſich zu
ergeben.

! Während Klaus in tiefem Sinnen so ſein Schictſal

sich gestaltete, hatte er mechaniſch zum Fenster hinaus-
gesehen, jetzt erblickte er wieder den Assesſor, dieser schien
in seiner Wanderung Kehrt gemacht zu haben und kam
neuerdings an dem Restaurant vorüber. Klaus stand
das Herz in der Bruſt still. Der Aſſeſſor blieb stehen
und betrachtete die Laterne, warf einen Blick durch das
Fenster und machte Miene, in das Gaſstzimmer einzu-
treten. Klaus war wie erstarrt, seine Füße schienen
ihm am Boden festgewurzelt, er wagte sich nicht einmal
zt tte. L! eat uus q Vtettttt §
das Zimmer voll Dunst und Tabaksrauch, und die Gas-
flammen brannten nicht sehr hell.
Reinhard ging jedoch draußen weiter seines Wegs.
Klaus zog seine Ühr. Es war noch eine Viertelſtunde,
bis der Dampfer drüben an der Landungsbrücke an-
legen würde. Er zog seinen Mantel an und schlug
den Kragen hoch, nahm ſeine beiden Koffer, drückte den
Hut tief in das Gesicht und wartete so, den Rücken
gegen den Eingang des Lokals gerichtet, in dumpfem,
sorgenſchwerem Bangen. Endlich hörte er die Schiffs-
glocke läuten. Er hob seine Koffer auf, verließ das
îDWirthshaus und ſchritt, die Augen auf den Boden ge-
senkt, über den Plat, dem Quai zu. Es hatte stärker
angefangen zu ſchneien, die Straße war schon mit einer
weißen Schicht bedeckt, die Laternen, das Buſchwerk,
die Umhegungen der Anlagen auf dem Platze bekamen
seltſame Kappen und Aufsätze. Die fünf Minuten,
welche der Friese bis zur Abfahrtsstelle zurückzulegen
hatte, schienen ihm eine Meile. Er getraute ſich nicht,
schnell zu gehen. Gemessen, wie Jemand, der keine
Eile hatte, schritt er seinem Ziel zu. Er wurde nicht
gestört, von Niemand angehalten.

Er erreichte den Quai und sah die Landungsbrücke
vor sich und die Laternen eines Dampfers leuchten.

„Die , Königin Anna‘ ?“ frug er einen der Boots-
leute auf der Brücke.

„Ja, Sir,“ bekam er zur Antwort.

„Nach Calais ?“

„ga, Sir'!

Klaus ſchritt auf das Schiff zu, betrat das Deck

und begab sich sofort in die Kajüte hinunter.

Als der Assesſor Miß Johny verlaſſen hatte, die
Dame wieder in ihrem Zimmer saß und ſich die Er-
lebniſſe des Tages vergegenwärtigte, ſtanden zwei Punkte
unaufgeklärt vor ihrem inneren Auge. Erstens: welche
Ursache hatte die so schnelle Abreiſe des jungen Mannes ?
Zweitens: was hatte jener unangenehme Fremde von
ihm gewollt? Ueber die erſte Frage kam Miß Johny
zu keiner befriedigenden Erklärung. Er hatte ſchon
lange fortreiſen wollen, ſchon mehrere Male die Koffer
gepackt und endlich sein Vorhaben ausgeführt. Daß
etwa die Scene, welche am Tage vorher zwiſchen ihnen
stattgefunden, seinen Entschluß gereift haben könne,
glaubte sie nicht. Er mußte etwas auf dem Gewissen



D a s Buch sf ür Alle.

haben; sie hätte blind und dumm ſein müssen, wenn
ſie das nicht gemerlt hätte. Und damit stand der Be-
ſuch des großen plumpen Mannes in Verbindung. Wahr-

scheinlich hatte der Flüchtling Nachricht erhalten, daß der
Große käme, und war vor ihm geflohen. Das folgerte

die kluge Amerikanerin.

Was war jener Fremde aber für ein Mann? Er
sprach daſſelbe spite Engliſch wie der Entflohene, und
sah faſt aus wie ein Poliziſt in Civil. Für einen Ge-
heinz listet benahm er sich aber zu dumm und leiden-

aftlich.

j Miß Johny nahm des Aſseſſors Karte zur Hand
und las seinen Namen. Eſens in Ostfriesland stand
als Wohnort darauf. Miß Johny ergriff einen Atlas
und suchte in Holland die Stadt Csens. Sie fand sie
endlich in Deutschland, allerdings sehr in der Nachbar-
schaft Hollands und ganz nahe bei der ſchrecklichen
Insel, auf welcher ihre Freundin lebte. Das dünlkte
Miß Johny höchſt merkwürdig. Miſter Laarſen hatte
angegeben, daß er aus Amsterdam sei. Das war weit
von Esens, wie Miß Johny auf der Landkarte ſich über-
zeugte. Wie kam der Mann aus Esens dazu, Peter
Laarſen hier zu ſuchen? Sollte er bei Maria Ribera
ihren Brief geleſen haben? Die Insel lag so nahe, er
war Regierungsasseſſor, alſo ein Beamter, der vielleicht
auf der Insel zu thun hatte.

Miß Johny ging plötzlich ein Licht auf. „Also daher
wußte er meinen Namen und die Adreſſe von Peter
Laarsen!“ dachte ſie. „Sollte Maria so unzart gewesen
sein und ihm meinen Brief gezeigt haben? Nein, das
glaube ich nimmermehr. Der Menſch iſt jedenfalls auf
unrechtmäßigem Wege zur Kenntniß des Briefes ge-
langt. Aber es muß eine ſehr wichtige Sache sein, um
derentwillen er von Eſens aus bis hierher gereist iſt.“

Dieses Wirrniß von Fragen beſchäftigte Miß Johny
den ganzen Abend, ohne daß sie einen Faden fand, der
aus diesem Labyrinthe führte. Die Amerikanerin war
eine Dame von schnellen Entſchlüssen, sie setzte sich hin
und ſchrieb einen freundſchaftlichen Brief an Maria,
verſchwieg in diesem Schreiben, daß ihr Jdeal durch-
gegangen sei, frug jedoch an, ob ihre Freundin einen
Aſseſſor Otto Reinhard aus Eſens kenne, der nach New-
York gekommen sei, um ihren Freund Peter Laarsſen in
einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Und diesen
Brief sandte Miß Johny ſofort ab.

1 >
*

Eine Stunde, bevor die „Königin Anna“ nach Calais
abging, war der „Bellerophon“ in die Themſe ein-
gelaufen und hatte ebenfalls in Gravesend angelegt.
Der Aſsſseſſor hatte das Vertrauen in ſeine Begabung
als Detektiv etwas verloren und beſchloſſen, die Hilfe
eines Fachmanns in London anzunehmen, vorher jedoch
ſelbſt die Liſte der mit der „Mayflower“ angekommenen
Passagiere nach einem Peter Laarsſen durchzuſehen.

Der Assessor hatte ſich in den langen Tagen der
Ueberfahrt überlegt, daß Klaus Gehren doch wohl Pa-
piere, welche auf diesen in ganz Holland sehr verbreiteten
Namen lauteten, in die Hände bekommen haben müſse,
denn daß der schlaue Klaus gerade den Namen des
Inselvorsſtandes von Spiekeroog als seinen Falſchnamen
wählen würde, ſchien ihm ganz unglaublich.

Er ging sofort nach seiner Ankunft auf das Hafen-
amt und bat, die Paſſagierliſte der heute Nachmittag
eingelaufenen „Mayflower" durchſehen zu dürfen. Man
erwiederte ihm höflich, daß die Liſte erſt in einer Stunde
für ihn zugänglich sei, und diese Zeit mußte der Aſſeſſor
in dem Landungsorte todtschlagen. Das Wetter wurde
schlecht, es machte dem Asseſſor das Spazierengehen sehr
zuwider, und er sah sich nach einer Restauration um;
hierbei kam er an jener vorbei, in welcher Klaus Gehren
saß. Einen Augenblick dachte der Asseſſor daran, ein-
zutreten, in diesem Fall hätte ihm höchſt wahrscheinlich
eine große Ueberraschung bevorgeſtanden. Das Loka
jedoch, der Lärm und der durch die Thüre dringende
Dunft trieben den feiner gewöhnten Mann fort, und
er begab sich in einen der Gasthöfe, um in beſſerer Luft
und anständiger Gesellschaft ein Glas Stout zu trinken.

Währenddessen schickte ſich die „Königin Anna“ an,
abzufahren, und läutete energiſch.

„Wo geht das Schiff hin?" erkundigte ſich der Assessor
bei dem Kellner. ;

„Nach Calais, Herr. Es iſt kein Paſſagierboot,
obwohl es auch Reisende aufnimmt. Wollen Sie mit?"
_ „D nein," lächelte der Assessor. „Ich werde wohl
Ur UU UU LU e! uu

„So viel ich weiß, nur wenige, kleine Londoner
Kaufleute, die billig reiſen wollen. Man landet ge-
wöhnlich, wenn man von Amerika kommt, in South-
ampton, das iſt der Kurs für die großen Dampfer.“

„Sahen Sie vielleicht die ankommenden Paſsagiere ?"
fragte der Aſsessor weiter. .

„Ja, ich war zufällig an der Brücke." ;

„War ein junger Mann mit grauem Mantel und
schwarzem, kleinem Filzhut, mit ausdrucksvollem Gesicht
iy tuuuf langen blonden Haaren unter den Ankom-
menden?"



Heft 14.

„Ja, Herr. Ich bot dem Herrn unser Hotel an, er
löste jedoch eine Karte nach London."

Der Aſseſſor ward roth vor freudiger Erregung und
ließ sich noch ein Glas Stout geben.

Da pfiff die „Königin Anna“ zum letzten Male und
fuhr ab. Verlauf von fünf Stunden kam der Dampfer
in Calais an, und zwei Stunden ſpäter rollte Klaus
im Schnellzuge durch das verſchneite Hügelland, das
mit den Schatten der Nacht bedeckt war, der Hauptstadt
Frankreichs zu.

z Als . P nuetball als große roſenrothe Scheibe
aus gelbgrauen Nebelbänken stieg, fuhr der Zug in die
mächtige Halle des Nordbahnhofes von Paris ein, und
Klaus umgab ein toſendes Geräuſch, Rufen und Schreien
in einer Sprache, die er nicht verstand. Es wurde ihm
hierbei in den erſten Augenblicken recht unbehaglich zu
Muthe. Er kam ſich ſehr hilflos vor, und ein starkes
Gefühl von Unsicherheit drohte ihm den Muth zu rauben.
Er raffte ſich jedoch ſchnell auf und frug einen uni-
formirten Mann, der auf dem Bahnsteig stand, in eng-
liſcer Sprache nach einem bescheidenen Gasthof in der
ähe.

t. Beamte verſtand ihn, winkte einen Kofferträger
herbei und sprach zu diesem einige Worte. Der Koffer-
träger lud darauf das Gepäck des Fremden auf ſeine
Schultern, ging voraus, und Klaus folgte ihm auf die
Straße, wo eben die Gaslaternen ausgelöſcht wurden.

Nach wenigen Minuten ſaß Klaus in einem kleinen
Zimmer der „Weißen Taube“, das ſehr geſchnörkelte,
wackelige Möbel, dagegen viel Goldleiſten und andere
vergoldete Zierrathen hatte, und ein Stubenmädchen mit
weißgepudertem Gesicht und krauſem, schwarzem Locken-
haar stand vor ihm und ſchwatzte auf ihn ein in un-
aufhörlich rollenden Sätzen, von denen Klaus nur das
häufig wiederkehrende Wort Monſieur verstand.

Klaus hielt es für gut, manchmal zu nicken, worauf
schließlich das Mädchen lachte und fragend: „ Anglais
Amerieain ?“ über die beweglichen rothen Lippen brachte.

„Americain,“ wiederholte Klaus, und die Zofe ver-
ſchwand.

Einige Minuten später erſchien die muntere Person
wieder und drückte dem Ankömmiling ein kleines, altes
und ziemlich zerriſſenes Büchlein in die Hand. Klaus
warf einen Blick hinein, es war ein engliſch-französſiſches
Gesprächsbuch.

„Kostet nur einen Franken,“ machte das Mädchen
ihm bemerkbar.

Klaus bezahlte lachend das Verlangte, behielt das
G. und die Zofe eilte sichtlich vergnügt aus dem
Zimmer.

Klaus fand die franzöſiſche Art, wie ſie hier ſich ihm
darbot, gar nicht übel und warf sich sofort auf das
Studium dieſes Sprachführers. Er war ſo vertieft in
seine Arbeit, daß er Eſſen und Trinken vergaß, bis
gegen zwölf Uhr die Zofe wieder erſchien, ihn beim
Arm nahm und aus dem Zimmer die Treppe hinab in
einen kleinen Salon vor einen ſauber gedeckten Tiſch
führte. Nun kam ein magerer Kellner, der ihm ſtumm
und gewandt Braten, Rühreier und Salat auftrug,
auch eine kleine Flaſche Wein vor ihn hinſtellte. Klaus,
der keine geistigen Getränke zu sich nahm, ſchob die
Flasche zurück; der Kellner stellte sie wieder vor ihn
hin. Doch ließ Klaus den Wein stehen und verzehrte
das sehr gut zubereitete Frühſtück mit beſtem Appetit.
Als er aufstand, machte der Kellner durch Finger-
bewegungen ihm klar, daß er zweieinhalb Franken zu
entrichten habe. Klaus hatte auf dem Schisfe ſich für
hundert Dollars franzöſiſches Geld eingewechselt, er
f § . k GU z Oki tc
und sichtlicher Geübtheit die Flaſche Wein ſelbſt trank.

Er ging wieder in ſein Zimmer und studirte in dem

| | Gesprächbuch weiter. Gegen sechs Uhr Abends wurde

er von dem Zimmermädchen wieder in das Eßzimmer
gerufen. Er nahm daſelbſt das Abendbrod in Geſell-
ſchaft von fünf anderen Herren ein.

So ging das drei Tage, bis Klaus sich auf die
Straße wagte. Er hatte die freundliche Zofe nach der
Aussprache verſchiedener Sätze gefragt, und diese ihm
bereitwilligſt die Worte vorgeſprochen. Jetzt konnte er
sehr verständlich vorbringen: „Wo iſt die Akademie der
schönen Künſte? Ich wünſche den Direktor zu sprechen.“

Ausgerüstet mit dieſen Sprachkenntnissen ging er zu
einem Droſchkenplat, und gab dem Kutscher den ersten
Theil seines Sprachſchates zum Besten. Der Kutſcher
besann sich einige Augenblicke, dann lud er Klaus zum
Einsteigen ein und fuhr mit ihm davon. Nach langem
Fahren durch die menſchenwimmelnden Straßen voll
prächtiger Häuser und glänzender Läden hielt der Wagen
vor einem alten, riesigen Hauſe mit hohem Portal.
Klaus stieg aus und wandte ſich an einen Portier, der
in einer Loge innerhalb des Portals saß. Er brachte
hier seinen zweiten Satt vor, daß er den Herrn Direktor
ſprechen wolle.

Der Portier erwiederte Klaus etwas, das dieser nicht
verſtand, und forderte ihn durch eine Handbewegung
auf, ihm zu folgen.






loading ...