Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Kopf stößt. So viel mir bekannt ist, bewirbt er sich um
die Hand von Fräulein Weber." ;
„Die hat doch der Vater zu vergeben, Herr Staats-

anwalt."

„Hm ~ freilich. Sie wollen damit sagen, daß der
Vater mit dem Schwiegerſohn ſchon beſſer überein-
stimmen würde." Ñ

„So weit ich ihn kenne ~ allerdings." ;

„Ich kenne ihn auch, sogar ziemlich genau. Er ist
ein sehr humaner Mann, aber er hat doch mehr von

einem alten Römer an ſich, als Manche glauben.“

Körner und Held hatten theilweiſe denſelben Weg,

und sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander

her, dann sagte Körner:

„Ich war zu heftig, Herr Direktor, ich bitte des-
wegen um Verzeihung.“

„Ihre Heftigkeit betrübt mich weniger, als Jhre
Denkweiſe,“ gab Jener zur Antwort. „Jene ist eine
Schwäche der Jugend, diese ein Fehler des Charakters.“

Der Arzt schwieg, um den Streit nicht zu erneuern.

„Sie wissen vielleicht, daß ich einen Lieblingswunſch

hege,“ fuhr Held fort, „aber ich muß gestehen, daß
mich die Möglichkeit seiner Erfüllung jettt mit einiger
Sorge erfüllt."

ue . ts Sie von dieſer Sorge befreien, Herr
Dirxektor,“ verſette Körner bitter.
Roſa und mir zur Aussprache gekommen; ſie lehnt
meine Hand ab.“

„Also ein Bruch!“ ;

„Nein, Herr Direktor, kein Bruch. Wir lieben uns
Beide, aber sie vermag die Scheu vor meinem Beruf
nicht zu überwinden.“ :

„Dann iſt es keine richtige Liebe, Herr Doktor.“

„Man könnte das glauben, aber es ist nicht so.
Ich möchte eine Bitte ausſprechen, Herr Direktor, denn
Sie stehen Roſa faſt näher, als der eigene Vater. Sie
hat Neigung zu schwermüthigen Anwandlungen, und
darauf beruht ihre Scheu vor Allem, was mit meiner
Thätigkeit zuſammenhängt. Es ist mir in der letzten
Zeit klar geworden, und ich habe es nicht als Liebhaber,
ſondern als Arzt erwogen. Ich will die Thatſache auch
nicht ſchärfer ausdrücken, denn es liegt keine Veranlassung
dazu vor. Aber meine Bitte geht dahin: Tragen Sie
Sorge, daß Rosa in eine heitere Umgebung kommt.“

Der Direktor ging stumm neben seinem Begleiter;

man konnte auf dem unbeweglichen Antlitz nicht sehen,
was in seinem Innern vorging. .

Endlich sagte er leiſe: „Die Freude iſt in meinem
Hauſe ein seltener Gast, nicht wahr, Herr Doktor?“
„Ich wollte das nicht so ausdrücken, Herr Direktor;
sagen wir, daß die Jugend in Ihrem Hauſe fehlt.“

„Ja, ein altes kinderloſes Ehepaar, eine verſchüch-
terte Frau und ein grämlicher, zurückgesſetzter, um seine
Hoffnungen betrogener Mann. Sie haben das nicht
gesagt, aber die Welt sagt es, und sie hat wohl Recht.
Aber wissen Sie auch, Herr Doktor, daß dieſes einzige
junge Wesen das Licht meiner Tage iſt, und Sie ver-
le von mir, daß ich mein Haus ganz dunkel machen
0 + sss ; ' § ;

„Ich will auch ein Haus gründen," sagte Körner
bitter, „und es wird dunkel sein."

Die beiden Männer standen an ter Stelle, wo ihr
Weg ſich schied. Der Sturm wehte über ihnen in den
Bäumen der Anlagen, und man ſah keinen Stern.
Der Direktor reichte dem jungen Arzte die Hand, und
auf seinem verſchloſſenen Gesicht lag faſt ein weh-

mithiges Lächeln.

„Die Welt steht Ihnen offen, lieber Freund,“ sagte

er faſt herzlich, „ich habe von der Welt faſt nichts mehr

zu hoffen. Aber ich will mir Ihre Worte überlegen,
hoffentlich hat die Gewöhnung Ihres Berufes Sie für
diesmal getäuſcht." ;

Er verſchwand unter den Bäumen, und Körner

î ettte nachdenklich seinen Weg fort. Als er in die Nähe

der Irrenanstalt kam, fiel ihm etwas auf. Es herrſchte
in dem ſtillen Gebäude eine unerklärliche Unruhe, man
sah Fenster, die sonst um diese Zeit dunkel waren,
erhellt, und hinter den Scheiben glitten Schatten hin
und her. Es mußte irgend etwas sich begeben haben,
was außerhalb der Berechnung stand.

Als Körner die Anstalt betrat, kam ihm ein Wächter
athemlos entgegen. z

„Wir haben Sie ſchon überall geſucht, Herr Doktor,
denn der Herr Geheimrath meinte, es ſei ein ſehr ſchlimmer
Fall, und eigentlich gehört die Sache ja gar nicht hier-
j er B C1 ; ~
Körner nahm ſich nicht die Zeit, den bestürzten und
verwirrten Menſchen auszuforſchen; er frug nur kurz,
wo sich der Direktor befinde, und eilte dahin.
_ HVarlhauſen saß am Bette Abel Rottmann's und

hielt die Hand des Verwundeten in der ſeinigen. Der
Schäfer war bei Besinnung, aber er ſchien furchtbare
Schmerzen auszuſtehen, denn er stöhnte und ſchrie bis-
weilen herzzerreißend.

„Was iſt hier geschehen?" frug Körner erschrocken,
und setzte leiſer hinzu: „Sie wünſchten eine Konſul-
tation, Herr Geheimrath, so sagte man mir.“

„Dann bin ich mißversſtanden worden, Herr Kollege,"

„Es iſt zwiſchen |



Da s Buch f ür All! e.

entgegnete der Alte ruhig, „das Erforderliche ist bereits

geſchehen. Indeſſen ~

Er faßte den jungen Arzt unter dem Arm und
ging mit ihm in das Nebenzimmer. Dort ſchilderte er
mit wenigen Worten den Vorfall und sagte: „Mein
mediziniſches Gutachten steht feſt, indeſſen Zwei sehen
mehr als Einer; ich wollte Sie bitten, den Unglücklichen
ebenfalls zu unterſuchen.“

Die Untersuchung war in wenigen Minuten beendet,
die beiden Aerzte hatten ſich während derselben ſtumm
angeblickt, dann begaben sie ſich abermals hinaus und
ſchloſſen sorgfältig die Thür.

u fit Hoffnung,“ sagte Körner, und Barkhauſen
nickte.

„Absolut keine Hoffnung, Herr Kollege; der Mann
iſt unfehlbar ein Kind des Todes. Wir ſind also voll-
kommen einig."

„Vollkommen, Herr Geheimrath. Und wann erwarten
Sie die Auflöſung?“

Barkhausen zögerte. „Ich wünſchte sagen zu können:
bald. Indessen die Art der Verletzung und die zähe
Konstitution des Unglücklichen – ;

î„Vierundzwanzig Stunden “ sagte Körner leise.

„Wenn kein unerwarteter Zwiſchenfall eintritt ~
gewiß. Vielleicht noch länger." : .

Die beiden Männer schwiegen eine Weile, und in
ihren Augen, die daran gewöhnt waren, ſo unendlich

| viel Leid zu sehen, ruhte eine stumme, ſchmerzliche

Frage.
h Eudlich brach Körner den Bann, und sagte, ohn:
den Anderen anzublicken: „Sie haben ihm kein Mor-
phium gegeben, Herr Geheimrath?“ : j
„Wenn ich das könnte, Herr Kollege!“ rief Bark-
hausen schmerzlich. „Aber Sie wissen ja ſselbſt “
gnyÿJa, ich weiß es,. bestätigte Körner finſter. „Es
gibt Fälle, wo diese Wohlthat gesetzlich verboten iſt.
Der Fall liegt vorn.
„Ganz unzweifelhaft! Eine geringe Dosis nütt
nichts, eine größere würde den Tod herbeiführen.
Glauben Sie, daß ich sonst auch nur einen Augenblick

"gezögert hätte?“.

„Aber der Mann muß ja doch unfehlbar in kurzer
eit sterben.“
z „Das iſt nicht unſere Sache. Wir gehorchen einfach
der Pflicht. Sind Sie nicht auch dieser Meinung, Herr
Fol ges ſagte Körner zögernd. ; ,

Die Konſultation war zu Ende, und die beiden
Aerzte erhoben ſich.

Da frug Körner: „Wen trifft das Verſchulden an
dieſem entsetzlichen Unglück?“

„Keinen, soweit ich beurtheilen kann. Es müßte
denn der Maurer sein, der die Eisſenstäbe ſchlecht be-
feſtigt hat. Aber Rottmann ist ja geistig volllommen
zurechnungsfähig, er handelte mit freier Willensbestim-
mung und wollte lediglich entfliehen. Er hat mir das
selbſt mitgetheilt."

Körner ſchwieg. Aber als sie im Begriff waren,
das Zimmer zu verlaſssen, sagte er: „Ich werde bei dem
Unglücklichen Wache halten.“

„Das kann der Wärter eben so gut, Herr Kollege.
Es gibt ja nichts zu helfen.“

„Vielleicht doch, Herr Geheimrath."

Barkhauſen streifte den jungen, todtenblassen Arzt
mit einem prüfenden Blick und wandte sich ab.

„Wie Sie wollen,“ entgegnete er dann mit sonderbar
bewegter Stimme, „in den Händen des Arztes iſt der
Kranke immer besser aufgehoben.“ ; :

Körner ſchickte den Wärter fort und nahm dessen
Platz an Rottmann's Lager ein. Mitternacht war ſchon
vorüber, und es ging auf den Morgen.

Jene tiefe Stille, welche in diesen Stunden zu
herrſchen pflegt, ſchwebte, so weit es für die Heimſtätte

armer Kranker möglich iſt, auch über der Irrenheil-

anstalt und wurde nur ſselten durch einen Schrei oder
einen Klageton unterbrochen. Und in diesem Schweigen
konnte der Arzt jeden der ſchweren Athemzüge hören,
die tief und röchelnd aus der Bruſt des alten Mannes
emporquollen. Sie glichen mehr einem unterdrückten
Stöhnen.

„Rottmann,“ sagte Körner, „leidet Ihr sehr?“

„Ich werde bald wieder schreien müſſen, Herr Dok-

tor," entgegnete Jener zwiſchen den zuſammengepreßten
Zähnen. „Kommt das noch ſchlimmer?“"

Der Arzt ſchwieg. Er wußte, es werde noch viel
schlimmer kommen. :

„Nicht wahr, ich muß doch sterben?“ frug Rottmann
nach einer Pauſe.

„Wenn Ihr etwas anzuordnen habt, Rottmann –

„Nichts. Ich sterbe gern, sehr gern; aber wie lange
wird es noch währen?"

Abermals jenes beredte Schweigen.

„Wenn Sie mir nur etwas geben wollten, Herr
Doktor, es ginge doch ſchneller.“ ;

„Das Gesetz; verbietet es, Rottmann.“ :

„Ja, ja, das Geseß,“ murmelte der Kranke.

Körner saß ſchweigend da und beobachtete die Züge



Heft 26.

des Leidenden. Was hatte der Unglückliche noch zu er-
warten, als Qualen, endloſe Qualen! . . . Er ſeufzte
tief und schwer auf. Dann sah er nach der Uhr. Sie
wies auf Zwei, und es waren ſeit jenem Unglücksfall
erſt vier Stunden vergangen. Vier Stunden von vier-
undzwanzig Stunden! ;

Der Kranke war etwas ruhiger geworden, es hatte
h er Zuſtand eingestellt, den Körner so ſehr
ürchtete. ; ;

Die Ruhe vor dem Sturm! Sie konnte etwa eine
halbe Stunde währen, und dann kam eine lange Periode,
die der Schrecken eines jeden fühlenden Menſchen
werden mußte. Er wußte es, sein Inneres empörte
ſich, daß er hier thatenlos zuschauen solle, wie ein armer
Unglücklicher in Qualen vergehe.

Wieder verging eine Weile. Plötzlich stieß der
Kranke einen gellenden Schrei aus, und seine Züge
verzerrten ſich. „Herr Doktor –~ Hilfe + Hilfe –
kam es zwiſchen den bebenden Lippen hervor, und die
Arme fuhren wild in die Luft.

Körner zuckte zuſammen und erhob ſich.

„Doktor — ich halte es nicht aus + geben Sie

mir etwas, daß die Schmerzen aufhören. Ich willen.

gern sterben –~ nur ſchnell, schnell!“

_ Körner wurde bleich. Er wußte, wie entsetzlich der
Verwundete litt. Und das ſaollte noch einen langen,
endloſen Tag so fortdauern? :

Er erhob sich und ging in das Nebenzimmer. Dort
ſtand ein verſchloſſener Metizinschrank, zu dem er den
Schlüssel beſaß; er öffnete den Schrank, nahm einen
hegentert heraus, und miſchte Etwas in einem Glaſe

asser.

Er that es langſam und bedächtig, ohne einen
Moment zu zögern, ohne mit der Hand zu zucken.
Dann kehrte er in das Krankenzimmer zurück, nahm
seinen alten Platz wieder ein und führte mit einer un-
endlich sanften Bewegung das Glas an die Lippen
Abel Rottmann's.

„Trinkt,“ sagte er, „es wird Euch gut thun.“

Der Kranke trank, mit einem dankbaren Blick auf
den Arzt, und legte ſich alsdann in die Kissen zurück.
Nach wenigen Minuten hörte er auf zu stöhnen und
sich zu winden, ſchloß die Augen und ſchlief ein.

Körner beobachtete den Ruhenden aufmerktſam, in-
dem er seine Uhr hervorzog und am Sekundenzeiger
derſelben den Pulsschlag Rottmann's abmaß. Nach
einer Weile steckte er die Uhr wieder in die Taſche,
Lgte five Hand auf das Herz des regungsloſen Mannes
und nicttee..

„Erlöst,“ sagte er leise. ;

So saß er eine lange Weile und blickte unver-
wandt auf diese stillen Züge, die allmälig jenen ſFon-
derbar starren Ausdruck annahmen, wie er Todten eigen
iſt. Dann erhob er sich, trat an das Fenster und zog
die Vorhänge zurück.

Der Sturm hatte sich gelegt, und in der langſam
herauf ſchwebenden Dämmerung standen die Bäume
b r hu qt! vit Ruhe res ſerocut.
über diesem schmalen hellen Streifen stand eine ſchwere
dunkle Wolkenbank wie ein Räthſel, dessen Löſung man
von dem Licht erwartet.

Der Arzt blickte unverwandt hinüber, und der Aus-
druck seiner Augen war so starr und unbeweglich, als
ob für sie nichts weiter vorhanden ſei, als jene Hülle,
die den Himmel verdeckte.

. So fand ihn der Wärter, der zur Ablösung her-
ein kam. . : .

Der Mann erkannte sofort mit geübtem Blick, daß
eine menschliche Thätigkeit hier nicht mehr von Nöthen
sei; er athmete erleichtert auf und drückte dem Todten
die Augen zu. Dann sagte er: „Gott ſei Dank, Herr
Doktor, es iſt doch schneller gegangen, als wir befürch-
teten; aber es war ja auch zu gräßlich." Und dann
nahm er das leere Glas in die Hand, welches Körner
ju! ein Tiſchchen am Kopfende des Bettes gestellt
ütte. :
Er betrachtete es einen Moment, roch daran und
meinte verlegen: „Hier steht ein Glas, Herr Doktor,
das kann ich wohl ausspülen, was?" i

„Wie Sie wollen, Müller,“ entgegnete Körner, ohne
sich umzuwenden. :

„Dann will ich es nur gleich thun, Herr Doktor,
Ordnung iſt in allen Dingen gut. Und was ich noch

ragen wollte: War der Schäfer denn eigentlich wirklich

verrückt? Er sah mir gar nicht darnach aus."
„Man sieht Manchem nicht an, was er iſt," sagte
der Arzt tonlos.



Adolph Körner war nicht das einzige Kind seiner
Eltern, sondern hatte noch Geſchwiſter gehabt; aber
diese waren ſämmtlich im zarten Iugendalter geſtorben,
und auch über seinem Haupte hatten mehr als einmal
die Sorge und der Tod gesſchwebt.

Das rauhe Klima des hoch gelegenen Gebirgsdorfes,
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