Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

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Die Capelle zum heiligen Kreuz.

Dieselbe liegt an der schon im 13. Jahrhundert vorhandenen langen oder steinernen, über die Kinzig
und deren Abzweigungen führenden Brücke, wonach sie auch Brückencapelle genannt wird. Urkundlich ist
über deren Stiftung nichts bekannt. Ks haben sieb jedoch in dein Unterbau des an ihrer Stelle auf den alten
Fundamenten errichteten Chausseehauses zwei grosse Quadersteine erhalten, deren Inschriften neben dem Datum
Namen und Wappen des Stifters enthalten und nach Abformungen auf Tab. 128 abgebildet sind,
fyene ■ do • gauöokn • cyn ■ cmbegm j 6yfes • 3ues belle * ctnrj (cruiz!) anno • 6m ■ m j c-c-c-l-r-r-r-t v ■ maw • netptt-

Danach wurde sie 1381 durch Henne von Gaudern = Heinrich von Gedern, ein Glied der in Gelnhausen im
Mittelalter oft genannten, begüterten Patricierfamilie erbaut. Im Jahre 1419 stiftete Katharina von Münnerstadt zu
der bisher üblichen sonntäglichen Messe zwei weitere in der Woche (rothes Buch, Abschritt p. 108), wobei sie
zum heiligen Kreuz auf der Brücke genannt ist. Die gleiche Bezeichnung rindet sich 1426 in dem Stadtbuch
von Gelnhausen, bl. 174 und 1551 in einem Zinsbuch des Kastens (Geinhäuser Stadtarchiv).

Sie scheint u. a. bei Hinrichtungen durch Ertränken eine Rolle gespielt zu haben, denn 1485 wurde
..uff des beigen krutzes brugken" Henchin von Ortenberg wegen Fälschung römischer Briefe ertränkt (Euler
zur Reebtsgeseh. v. <i. p. 35). Im 17. Jahrhundert muss sie schon unbenutzt gestanden haben und verwahrlost
gewesen sein, denn der Rath Hess durch die Zunftmeister das Schiessen nach Thürmen und besonders auch
der Capelle auf der Brückt; verbieten (Rathsprotokoll 1672—5). Als im Jahre 1816 Hochwasserschäden am
Kinzigufer ausgebessert werden sollten, schlug die Rentkammer zu Hanau zur Beschaffung billigen Materials
den Abbruch „alten Mauerwerks und eines oder des anderen ganz überflüssigen, dem Luftzug ohnehin nur
hinderlichen alten ThUrmes" vor, und die Regierung zu Hanau verwilligte hierzu neben einem Theil der Burg
is. d.) mit Zustimmung des Käthes den Abbruch der Capelle vor dem Ziegelthor, welchen auch Wasserbau-
commissar Hermann ausführen musste, und welcher so gründlich erfolgte, dass ausser den erwähnten Quadern
nichts erhalten blieb.

Glücklicherweise hatte Hundeshagen auch diesen Bau schon längst gezeichnet, später auch vermessen,
und so konnte die Ansicht auf Tab. 16, und die nach seinen Massnotizen aufgetragenen Risse auf Tab. 124
beigegeben werden, welche von dem hochinteressanten Bau eine genügende Vorstellung geben. Die Angaben
Hundeshagens lassen uur die Stelle des Altares vermissen, der wohl nicht orientirt, sondern an der Westwand
gelegen Indien dürfte, wobei das schöne Wandtabernakel links, die Piscina rechts sich befunden hätte. Audi
sollen nach liuhl p. 30 die Reliefs des Lambertusbrunnens aus der Brückencapelle stammen.

Beachtenswertb ist die thurmähnliche Gesammtform, welcher die Ausbildung eines Zinnenkranzes ent-
spricht, da man offenbar die Capelle zur Yertheidigung der Brücke mitbenutzte und dieser Umstand wohl der
Erhaltung nach der Säcularisation zu danken ist. Der Zugang muss von aussen mit einer Leiter stattgefunden
haben, wenn nicht eine Fallthüre wie z. B. auf dem Kirchthurm zu Wächtersbach in dem Gewölbe angebracht
war. Der Dachstuhl ist nach alten Vorbildern ergänzt. Neben der Kingangsthüre stand ein schlichter Bild-
stock und von der alten Ausstattung hat sich noch ein schönes Glöckchen erhalten, welches in einer der Zinnen-
scharten hing und jetzt auf dem Thurm der Pfarrkirche unbenutzt liegt.

Ks bat die Tab. 180 angegebene Kippe 32 cm Höhe, 38,5 cm Durchmesser und die Minuskelinscbrift:

f ftetfe • betlge§ • entq • anno • tmi ■ mcccc • Irrtu
Die Wachsbucbstaben des Modelles sind hier durch Ausschneiden aus einem dünnen Blättchen her-
gestellt, wie die nach einer Durcbreibung auf Tab. 180 in ein Viertel natürlicher Grösse gegebene Inschrift
erkennen lässt.
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