Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

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Das Kloster Himmelan.

Von den sculpirten Theilen des Baues dürften die an den Seiten der Kirchhofstreppen, im Norden der
Marienkirche eingemauerten, mit hochgothischeni Blattwerk geschmückten vier Schlusssteine der einzige Rest
sein. Auch von dem dem Rath übergebenen Geräth und Kirchenschmuck ist nichts aufbewahrt worden. Da-
gegen möchte eine der Glocken des Rathhauses (siehe dieses) aus dem 14. Jahrhundert dem Dachreiter, eine
andere dem Uhrwerk entstammen. Es war also weder eine neue Renterei, noch eine neue Schule oder ein
Pfarrhaus aus dem alten Material und an der alten Stelle zu stand gekommen, und die Erweiterung und Re-
gulirung der Poststrasse wurde schon nach wenigen Jahren durch die Anlage der „neuen Strasse" am Fuss des
Berges gänzlich überflüssig, sodass das werthvolle Denkmal ganz nutzlos bureaukratischem Unverstand ge-
opfert war.

Das Kloster Himmelau.

Während die Bauten des kleinen Nonnenklosters Himmelau schon seit dem Ende des vorigen Jahr-
hunderts spurlos verschwunden sind, haben sich urkundliche Nachrichten über dasselbe in einer Vollständigkeit
erhalten, wie bei keinem anderen der Baudenkmäler der Stadt, und eine Zeichnung aus dem Jahre 1555 (Tab. 122)
giebt wenigstens ein zuverlässiges Bild seiner Gesammtanlage.

Siegfried, Bischof von Chur und Vicar des Erzbischofs von Mainz, ein Glied der in Gelnhausen be-
güterten angesehenen und zahlreich verzweigten Patricierfamilie der von Breidenbach, errichtete im Jahre 1305
ein Testament, durch welches er seinen väterlichen Hof nebst anderen Grundstücken, Zinsen und Gefällen nach
seinem Tode zu einem Jungfrauenkloster bestimmte, und seinen Bruder, den Franziskanerfrater Ernst, sowie
den Guardian dieses Klosters zu Testamentsvollstreckern einsetzte. (Urkb. II, p. 55.)

Siegfried wollte das Kloster in dem erwähnten Hof eingerichtet wissen, welcher nach einer Vergleichs-
urkunde von 1492 „bey sannt Johann hinder den Barfussen" gelegen war, und sich durch Lage und Grösse
vollkommen zu dem Zweck eignete (Staatsarchiv Marburg, Dep. des Archivs von Gelnhausen). Dieser Hof
gelangte mit den übrigen Klostergütern an die Stadt und ist als Landrathsamt dienend, noch jetzt in deren
Besitz. Das Thor und andere Dispositionen lassen genugsam eine frühere wichtige Bestimmung erkennen,
(cf. unten Privatbau.)

Da aber wohl der Rath der Errichtung eines neuen Klosters innerhalb der Stadt, vielleicht auch der
unmittelbaren Nachbarschaft eines Mannes- und Frauenklosters nicht geneigt sein mochte, bestimmte Siegfried,
dass die Testamentsvollstrecker einen anderen geeigneten Platz wählen durften. Thatsächlich musste auch das
Kloster, welches schon zu Lebzeiten des Testators zu Stande kam x), an der Stelle des ausgegangenen Weilers
Obenhausen errichtet werden, und statt ein monasterinm ordinis sancte Cläre wurde es ein solches sancHmowialium
sub regula ordinis Cisterciensium in Ubenhusen nach dem Bestätigungsbricf des Kaisers Heinrich VII. vom Jahre 1313.
Zu gleicher Zeit schenkte der Kaiser dem Kloster einen wohl auf Reichsboden entspringenden Quell, den
fons tiliae in suburbiis Geilenlmsensibus . . . ut plurimum utile ac. commodum ad vivarium piscium preparandutti
(Urkb. II, 115 und 116), welcher auf der Ansicht von 1555 in seiner alten, auf Tab. 123 in einer den übrigen
alten Brunnenhäusern der Stadt entsprechenden Form erscheint. Im Jahre 1797 wiTöT~"der Quell unter den
drei „am Rain, in der Wiese und in der Closterhole" entspringenden inbegriffen sein, deren Ableitung in
eisernen Röhren dem Papiermacher in der neuen Mühle vom Rath gestattet wurde (Geinhäuser Stadtarchiv,
Rathsprotokoll 1796—9 bl. 44). So kam das Brunnenhaus in den Besitz der in derselben Mühle eingerichteten
Gummifabrik, und dient jetzt als Benzinkeller! y <!vi^-

') Siegfried starb erst 1321 (Garns, Series episcop. p. 628). I
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