Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

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Die Peterskirche.

Baubeschreibung.

Am westlichen Ende der Bergstufe, auf welcher auch die Marienkirche Platz fand, erheben sich die
Reste einer spätromanischen, dem heiligen Petrus geweihten Kirche, welche seit dem ersten Drittel des 19. Jahr-
hunderts profanirt und in eine Tabaksfabrik mit Wohnhaus umgewandelt ist. Sie ist eine Basilika mit durch-
weg Hachen Decken und wenig über die Seitenschiffe vortretendem Querschiff, deren Haupt- und Nebenapsiden,
welche zu Thürmen ausgebildet waren, jetzt leiden. Stylverschiedenheiten der einzelnen Tlieile, mancherlei
räthselhafte Ansätze und Aenderungen in der Construktion und in den Gliederungen lassen sofort eine interessante
Baugescbichte erkennen. Auch in ihrem verstümmelten Zustand bietet die Kirche als Abschluss der malerischen
..alten Schmidtgasse" ein Städtebild, wie es selten zu finden ist, und lässt ahnen, wie die Wirkung bei voller
Durchführung des ursprünglichen Planes gewesen wäre. Ein Vergleich der Tab. 108 mit der 107, welche die
reizende Radirung wiedergiebt, die der verdienstvolle Oberbaurath Ruhl vor dem Jahre 1830 aufnahm, zeigt,
wie schwere Einbusse der Bau damals erlitt. In dem Werk von Ruhl werden ausserdem noch dargestellt: die
Westseite, das Innere, die Süd- und Nordthüre, denen unsere Tafeln 109, 110, 112 entsprechen. Tab. 103
giebt einen Grundriss im gegenwärtigen Zustand mit Einzeichnung der Altäre vor 1832. Glücklicherweise hat
jedoch Hundeshagen auch von der Peterskirche genaue Aufmessungen hinterlassen, welche zwar sehr flüchtig
und schwer verständlich sind, neben eigenen Vermessungen aber doch genügt haben, auf Taf. 104 eine Restau-
ration des ursprünglich beabsichtigten Grundrisses und auf Taf. 106 einen dazu gehörigen Querschnitt der
Kirche zu geben. Diese Broujdlons von Hundeshagen (auf der Landesbibliothek in Cassel) bestätigen überdies
die Zuverlässigkeit der Radirung von Ruhl was die jetzt verschwundenen Chörthürme betrifft, und geben
wichtigen Anhalt für einen etwaigen Wiederaufbau.

Das Aeussere.

Wie die Abbildungen erkennen lassen, ist hauptsächlich das Querschiff architektonisch wohl durch*
gebildet. Es erhebt sich über einem reich profilirten, besonders nach der Thalseite mächtig wirkenden Sockel
(Tab. 105, Eig. 2) und ist in den unteren Theilen durchweg aus fein scharrirten, sein- exaet gefugten Quadern
errichtet. Heide Flügel haben fast genau gleiche Ausbildung. Die Kanten und .Mitten der Stirnwände sind
durch Lisenen mit eingeblendeten Rundstäben belebt, deren Enden in ein verschieden gestaltetes zierliches
Blattornament auslaufen, die jedoch nur bis zur halben Höhe des Baues reichen, wo eine geringere Ausführung
in Bruchstein mit Hausteindetail unvermittelt einsetzt. Zwei grosse schlanke, nach der Mittelaxe zusammen-
gerückte Rundbogenfeilster durchbrechen den unteren Theil der Mauern. Ihre beiderseits abgeschrägten Ge-
wände sind nach aussen in einem rechteckigen Rücksprung mit einem starken Rundstab besetzt, welcher mit
attischen Eckblattbasen und Blattkapitälen gegliedert ist. Darüber liegt ein schlichtes breites Rundbogenfenster,
und in den stumpfen Giebeln je eine Rose mit Vielpass, von denen die nördliche am besten erhalten ist.
Die Ostseite des Quersrhifl'es zeigt nur noch die Eeklisonon und ein kurzes Sockelstück, nachdem die Chor-
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