Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

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Die Peterskirche.

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Basis dos abgearbeiteten Dienstes ruhig an ihrer Stelle belassen wurde. Buhl bildete sie gar nicht ab, giebt
dem Pfeiler sogar einen kleinen Wandschrank. Dieser [Jmstand Hess vernuithen, dass beim Aufbau der Vie-
rungspfeiler auch die zum Anselduss der Arkaden nach dem ursprünglichen Plan erforderlichen Theile ver-
setzt, und bei der späteren Vereinfachung und Aönderung des Planes nach guter alter Sitte ebenfalls
nicht beseitigt sein würde. Ein mit liberaler Bewilligung des Besitzers an der verniuthoten Stelle
vorgenommener geringer Aufbruch förderte auch zu aller öeberrasehung ein schönes, seit dem 13.
Jahrhundert also vermauertes Capital der Arcadendienste zu Tage, dessen Deckplatte mit dem Kämpfersims
der Scheidebögeia /wischen Querhaus und Seitenschiff in gleichem Niveau liegt. Es galt nun auch zu
untersuchen, wie die Vierungspfeiler nach dem Seitenschiff hin gestaltet gewesen, ob dem im Aeusseren
über dem Seitenschiffdach sichtbaren (Tab. 10!)) Ansät/, eines Schildbogens entsprechend Arcadenbögeti und Oe-
wölbeansatz nachweisbar wären. Da auf der Südseite eine vorboigoführte Treppe wohl den erwähnten Auf-
bruch erleichtert, aber auch durch glattes Abarbeiten der Wand alle Spuren vernichtet hatte, wurde ein enger
Dachraum auf der Nordseite befahren, wo an entsprechender Stelle alles gesuchte sich vorfand: der Ansatz
der ursprünglichen Mittelschiffarkade und der des gratigen rippenlosen Seitenschiffgewölbes.

Hier fand sich, dass das Kämpfergesims des Scheidebogens zwischen Querhaus und Seitenschiff um
alle Kiieksprüngo des Vierungspfeilets verkröpft in das Deckgesims des Arkadenpfeilers überging, sodass nur
fraglich bleibt, wie es nach dem Mittelschiff zu auslief.

Im Verein mit den Eckdiensten des Mittelschiffes ist dadurch der Beweis erbracht, dass der Hau ur-
sprünglich eine durchweg- gewölbte Basilika werden, in dem Mittelschiff reichgegliederte Arkadenbögen
und Kreuzgewölbe mit Hippen zwischen breiten Gurtbögen, und in den buhen wesentlich einfacheren Seiten-
schiffen blos rechteckige Pfeiler- und Wandvorlagen mit gratigen, rippenlosen Kreuzgewölben erhalten sollte.
Die Wandpilaster der Seitenschiffe können allerdings einstweilen nur durch die Aufzeichnungen Bundeshagens
nachgewiesen werden, da die betreffenden Stellen bei der Benutzung des Bautheiles als Keller von schweren
Fassgerüsten bedeckt sind.

Die, Rekonstruktion der Tafeln 104, 106 operirt also mit fest gegebenen Grössen, soweit es den Grund-
riss betrifft. Bei dem Querschnitt sind die Eingänge der Seitenapsiden mit ihren hochgelegenen Thurmthüren,
die Stufenhöhe der Chorparthie, Kafsims und Fenster derselben nach Hundeshagens Messungen aufgetragen.
Dagegen mussten die Oberlichter der Seitenschiffe, deren Gewölbe und Dächer, sowie die gesummte Haupt-
apsis frei dem übrigen angepasst werden.

Der Chor ist nämlich schon zu Hundeshagens Zeiten nicht mehr vorhanden gewesen, und Buhl bildet
als Abschluss eine gerade Wand mit gothisirendem Mittelfenster ab (Tab. VII). Auch alte Stadtansichten geben
über denselben keinen Aufschluss, und nirgends ist in schriftlichen Quellen seiner gedacht. Es wurden deshalb
Nachgrabungen vorgenommen, und zwar einmal unter Voraussetzung eines eingeschalteten Chorquadrates (wie
bei der Marienkirche und dem Spital), dann auch unter Annahme einer blossen halbrunden Altarnische. Dabei
kam kein Fundamentmauerwerk, nicht einmal Mörtelschutt zu Tage, und auch hei den kürzlich an derselben
Stelle vorgenommenen Wasserleitungsarbeiten war nichts derartiges bemerkt worden. Daraus darf mit Sicherheit
geschlossen werden, dass der Chor nie ausgeführt würde, ein Umstand, welcher, wie die neueste Geschichte
des Baues (p. 74) zeigt, den Chorthürmen verhängnissvoll wurde, da diese auf die Stütze der Chormaüerri be-
rechnet und an den Anschlussstellen natürlich ohne Quaderverblendung geblieben waren.

Die räthselhafte Erscheinung, dass der Bau schon bald nach dem Beginn verlassen, und etwa nach
einem Menschenalter in sehr reducirten Formen nothdürftig vollendet wurde, erklärt sich sehr wohl aus der
Geschichte des Baues, wie sie allerdings aus mir wenigen urkundlichen Angaben gefolgert werden inuss.

Baugeschichte.

Dass Gelnhausen bereits 11 öl neben der Marienkirche eine Peterskirche besessen habe, wie eine Pabst-
urkunde des Klosters Seibold aus diesem Jahre (LTrk. I, p. 64) behauptet, imiss mit dem Herausgeber des
Urkundehbüches bezweifelt werden, da die Urkunde in einem Streit mit der Stadt untergeschoben ist, um alt-
verbriefte Patronatsrechte zu beweisen. Kein Theil der jetzigen Kirche kann dieser Zeit zugeschrieben werden.
Jedenfalls sicher zuerst erwähnt ist die Peterskirche im Jahre 1228 (Urkb. I, 131), sodass sie damals bereits zu
gottesdienstlichem Gebrauch genügend weit vollendet ncwesen sein muss. Aus dem Jahre 1264 wird ein capellanus

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